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Ukraine - Schweden: Schewtschenkos letzter Traum

(c) EPA (Stringer)
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Gruppe D. Heute steigt Co-Gastgeber Ukraine in Kiew mit dem Duell gegen Schweden in das Turniergeschehen ein. Die Euro wird zur Abschiedstour des in die Jahre gekommenen Superstars Andrej Schewtschenko.

Kiew/Warschau. Die Ukraine hat in den vergangenen Monaten viele Rätsel aufgegeben. Es hagelte Kritik, es gab Boykott-Ankündigungen und Politiker erhoben drohend den Finger. Und der Ball wird heute in Gruppe D trotzdem rollen. In Kiew steigt der zweite Gastgeber ins Turniergeschehen ein, die Ukrainer empfangen im Kiewer Olympiastadion Schweden. Wie stark die Mannschaft des oft so schweigsamen Teamchefs Oleg Blochin tatsächlich ist, darüber sind sich auch Insider der ukrainischen Elf nicht ganz schlüssig.

In der Vorbereitung ist jedenfalls einiges schiefgelaufen, auch gegen Österreich. Später soll eine Lebensmittelvergiftung das halbe Team flachgelegt haben. Ob dies der wahre Grund für die zuletzt enttäuschenden Leistungen ist, bleibt fraglich.

 

Noch einmal im Rampenlicht

Für Andrej Schewtschenko wird die Heim-EM jedenfalls zur Abschiedstournee. Seine Teilnahme stand lange Zeit in den Sternen, erst spät erlaubte es sein körperlicher Zustand, dass er wieder in der Nationalmannschaft spielen konnte. Aber Blochin setzt auf den mittlerweile 35-jährigen Routinier, der nach der Euro seine Karriere beenden wird. Denn der alte Mann ist müde und ausgemergelt von den vielen Jahren als Profifußballer. Obendrein ist sein Kreuz kaputt.

Schewtschenko ist Ukraines teuerster Fußballer aller Zeiten, er hat die meisten Treffer im Teamtrikot erzielt und in seiner Karriere gegen die besten Mannschaften und Klubs der Welt gespielt. Jetzt aber wartet die vielleicht schönste Aufgabe auf ihn. Er sagt: „Das Team bei der Heim-EM als Kapitän anzuführen, ist eine Ehre.“

Kiew wird heute noch einmal zu seiner großen Bühne. „Das ganze Land“, berichtet der ehemalige Milan-Star, der dann bei Chelsea eher unglücklich war und zuletzt für Dynamo Kiew gespielt hat, „träumt vom Titel.“ Und träumen müsse man die Ukrainer auch lassen. Darum sitzt der Altmeister da und seine Augen wirken dabei ein wenig melancholisch. „Ich denke, dass wir durchaus über das Potenzial verfügen, um den favorisierten Teams im Kampf um den EM-Titel Paroli bieten zu können.“

Schewtschenko hat in seiner Karriere fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Mit Kiew feierte er Meistertitel wie am Fließband, auch bei Milan ging es munter weiter: Meisterschaft, Pokal, Gewinn der Champions League 2003. Zweimal sicherte sich der Ukrainer den Titel des Schützenkönigs (insgesamt 127 Tore in 208 Spielen) in Italiens Serie A. Einmal wurde er zu Europas Fußballer des Jahres gekürt.

 

Geschont, wann immer es ging

Das reizte Roman Abramowitsch, der „Scheva“ (Hebräisch: 7, seine bevorzugte Rückennummer) für 51 Millionen Euro an die Stamford Bridge lockte. Aber Schewtschenko wurde in London bei den „Blues“ nicht wirklich glücklich, auch bei seiner zweiten Mailänder Verpflichtung nicht mehr. „Andrej ist nicht irgendein Spieler“, sagt Teamchef Oleg Blochin. „Eine Heim-EM ohne ihn wäre für uns gar nicht vorstellbar gewesen“, fügt Andrej Woronin hinzu. Schewtschenko wurde in den vergangenen Monaten daher geschont, wo und wann immer es auch nur ging. Sein Trainer Juri Semin hat oft die Augen zugedrückt, die Klubinteressen hintangestellt.

In Kiew, wo einst alles begonnen hat, könnte sich auf der EM-Bühne für Andrej Schewtschenko nun der Kreis schließen. Mit der Nationalmannschaft aber wollte es bisher nie so recht klappen. Das WM-Viertelfinale 2006 war schon das höchste der Gefühle. Auch Teamchef Blochin zeigt sich eher verhalten. „Lasst uns einmal die Vorrunde überstehen...“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2012)