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"HGW XX/7" verzeichnet "vermutlichen Geschlechtsverkehr"

Zeitgeschichte im dramaturgischen Korsett: Florian Henckel von Donnersmarcks gefeierte Stasi-Studie "Das Leben der Anderen".

Es hätte schlimmer kommen können. Wenn sich ein aus dem ehemaligen Westdeutschland stammender Sohn aus gutbürgerlichem Hause dazu entschließt, ein psychologisches Drama zum Überwachungsstaat DDR zu inszenieren, hätte es eigentlich viel schlimmer kommen müssen. Tatsächlich spricht der preisgekrönte deutsche Vorzeigefilm Das Leben der Anderen von Florian Henckel von Donnersmarck jedoch nicht nur von den Maßnahmen des Ministeriums für Staatssicherheit, sondern - und das ist seine Rettung - von der Wandlungsfähigkeit des Menschen per se.

Folgende Versuchsanordnung: Ein Künstlerehepaar, dargestellt von Sebastian Koch und Martina Gedeck, gerät ins Visier von Minister Hempf, woraufhin Hauptmann Gerd Wiesler (Ulrich Mühe) von der Hauptabteilung XX "Staatsapparat, Kultur, Kirche, Untergrund" mit deren Bespitzelung beauftragt wird. Donnersmarck zeichnet den unterwürfigen Apparatschik Wiesler als kontur- und emotionslosen "grauen Mann", der Orwellsche Horrorvisionen aktualisiert und in seiner Dachkammer sämtliche Regungen der Anderen bis hin zum "vermutlichen Geschlechtsverkehr" aufzeichnet.

Die mit den Codenamen "Lazlo" und "CMS" versehenen Beobachtungsobjekte, politisch als gemäßigt-radikal zu bezeichnen, üben über ihre alltäglichen Handlungen solcherart Einfluss auf HGW XX/7 - so die Chiffre des Beobachters - aus, dass dieser beginnt, seine ideologischen Überzeugungen zu hinterfragen und schlussendlich einen ausgeführten subversiven Akt durch eine Lüge deckt. Donnersmarck behandelt den Topos des wandlungsfähigen Menschen durchaus dialektisch: Während Wieslers Veränderung Kern der Erzählung ist, findet sich in den erzwungenen Spitzel-Diensten von Gedecks Figur die gegenläufige Bewegung dazu.

Die Inszenierung ist beizeiten knapp und äußerst effektiv: kein Spiel mit DDR-Artefakten, kein parodistisches Element, kaum bequemes Gleiten in der Vergangenheit. Die Bilder, unterkühlt, leer und streng, empfehlen einen realen Realsozialismus. Dennoch ist diesem gerade in der Heimat gefeierten deutschen Filmwunder nur beschränkt zu vertrauen: Die Lokalisierung in der DDR produziert notwendigerweise eine Vereinfachung und Einpassung von Zeitgeschichte in ein dramaturgisches Korsett.

Zudem schließt Donnersmarck seine Bearbeitung deutsch-deutscher Vergangenheit mit der Zusammenführung sämtlicher Handlungsfäden ab und begeht damit trotz guter Absichten einen ähnlichen Fehler wie Eichingers und Hirschbiegels Der Untergang: der Diskurs wird zugekorkt, das Thema gilt als erschöpfend behandelt, die Vergangenheit kann ruhen.

Wo Das Leben der Anderen zumindest gelungener Schauspielerfilm sein könnte, schlägt die Aufmerksamkeits-Strategie des Regiedebütanten gnadenlos zu: Die mühsam ausgearbeiteten, psychologisch stimmigen Figuren schleudern theatralische Dialoge durch Ostberliner Wohnungen, die Musik wird zum sentimentalen Vorschlaghammer und das gesamte letzte Drittel des Films sucht den totalen Abschluss durch Zeitsprünge, wirkt dabei aber wie das Ergebnis eines Drehbuch-Workshops.

Es bleiben: eindrückliche Grau-in-Grau-Bilder, ein atmosphärisches Nahverhältnis zu besserer Science-Fiction, ein guter Honecker-Witz. Es gehen: Hoffnungen auf den deutschen Film mit Anflügen geschichtsphilosophischen Bewusstseins. Es ist: gewisslich kein Filmwunder jedweder Art.