Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Erziehungsratgeber fernab von Mitteleuropa

Nach welchen Ratgebern richten sich Eltern in anderen Ländernund Kulturen? Ein Blick in die Türkei, nach Südamerika und Israel.

Ratgeberliteratur ist in Mitteleuropa ein boomendes Genre, das immer wieder für hohe Absatzzahlen – und auch regelmäßig für teils heftige Debatten sorgt. Gerade beim Thema Erziehung. Ein kurzer Blick in andere Länder und Kulturen zeigt, dass auch dort Bücher, die Tipps zur Kindererziehung geben, einen gewissen Stellenwert haben.

So gibt es etwa in der Türkei mittlerweile Ratgeber für alle Fragen der Erziehung. Zwar kommen viele davon, wie auch in Mitteleuropa, aus den USA – doch gibt es auch einige türkische Autoren, die solche Ratgeber schreiben. Als einer der Bekanntesten gilt der Psychiater Yanki Yazgan. Von ihm stammen Bücher wie „Was erwartet Ihr Kind von Ihnen?“ und „Falle, stehe auf, werde groß“.

Noch immer liest ein großer Teil der Gesellschaft keine Bücher, insbesondere auf dem Land und unter Neuankömmlingen in den Städten. Doch das macht wenig, Yanki Yazgan tritt auch im Fernsehen auf und eine eigene Radiosendung hat er sowieso. Ebenfalls gelegentlich im Fernsehen zu sehen ist Dogan Cüceloglu, von ihm stammen die Bücher „Reife Kinder“ und „Die Familie, die zum Erfolg führt“. Ein ausgefallenes Erziehungsbuch ist „Es gibt kein schuldiges Kind“. Bemerkenswert ist außer dem Einfühlungsvermögen und missionarischen Eifer des Autors Hasan Yilmaz auch dessen Beruf: Er ist Polizist.


Lesen in Buenos Aires. Auch in Argentinien, einem Land mit erheblich höherer Geburtenrate als in europäischen Länder, in der die Mehrheit der Kinder aus armen Familien stammt, gibt es einen Ratgebermarkt. Zumindest in Buenos Aires. Auch in den großen Zeitungen wird Kindererziehung zum Thema gemacht. Buenos Aires ist die Stadt mit der zweitgrößten Psychologenanzahl nach New York – und einige davon schreiben über Kindererziehung.

Doch Mittelklassefamilien in kleinen Städten erziehen ihre Nachkommen ungeachtet dessen oft noch sehr katholisch und konservativ. Allerdings sind Latinos weit weniger schriftgläubig als Mitteleuropäer. Und bürgerliche Mütter haben in der Regel Personal, das ihre Kinder erzieht. Diese „Kindertanten“ wiederum stammen aus armen Verhältnissen und stehen nicht im Ruf, am Erziehungsdiskurs teilzunehmen.

In Israel werden Kinder im Vergleich zu anderen Ländern recht früh in Fremdbetreuung übergeben. Für die meisten Mütter endet die berufliche Auszeit nach der Entbindung bereits nach drei Monaten. Die Erziehung der Kinder ist deshalb nicht alleinige Aufgabe der Eltern, sondern auch Sache der Kindergärten und der Ganztagsschulen. Dort findet ein regelmäßiger und intensiver Austausch über den Nachwuchs statt. Ratgeber zu Erziehungsfragen gibt es zwar, sie sind aber nicht so populär wie psychologische Einzelberatungen oder Kurse und Workshops für Eltern. Auch die staatlichen Schulen bieten Vorträge für Mütter und Väter an. Es gibt es aber Hinweise, dass viele Eltern mit ihrem Kind erhebliche Probleme haben: Die Verabreichung von Psychopharmaka ist weit verbreitet. Die Kassen zählen pro Jahr 35.000 Verschreibungen zur Behandlung des ADH-Syndroms (Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.07.2012)