Schnellauswahl

Intern: Abschiedsbrief von Michael Fleischhacker

Intern Abschiedsbrief Michael Fleischhacker
(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)
  • Drucken

Neuordnung in der Chefredaktion der "Presse". Fleischhacker nimmt nach acht Jahren Abschied, "nicht ohne Wehmut, aber ohne Groll".

Liebe Leserinnen und Leser!

Heute heißt es für mich Abschied nehmen: Nach zehn Jahren, acht davon als Chefredakteur, verlasse ich die „Presse“. Mein Abschied ist Teil einer Neuordnung, die die Styria Media Group AG für ihre beiden Wiener Tageszeitungen, die „Presse“ und das „Wirtschaftsblatt“, beschlossen hat. Die beiden Häuser werden künftig unter Aufrechterhaltung der redaktionellen Trennung organisatorisch enger zusammenrücken und erhalten mit Michael Tillian und Herwig Langanger eine neue, gemeinsame Leitung.

Ich habe mich, wie auch der bisherige Vorsitzende der „Presse“-Geschäftsführung, Reinhold Gmeinbauer, entschlossen, diesen Weg nicht mitzugehen. Im Lauf der Vorbereitungen auf das Neue hat sich herausgestellt, dass meine eigenen Vorstellungen von der Zukunft und die der Eigentümer nicht genug Gemeinsamkeiten aufweisen, um den Weg gemeinsam gehen zu können. Aber ich teile die Ziele, die mit der Neuorganisation verfolgt werden – größere wirtschaftliche Stabilität bei gleichzeitigem Ausbau der journalistischen Qualität –, und hoffe, dass es dem neuen Team gelingen wird, sie zu erreichen. Viele Wege führen zum Ziel, jeder muss für sich entscheiden, welchen er gehen will.

Das gilt freilich nicht nur für Abschiede: Ich weiß aus vielen Gesprächen, Telefonaten und Korrespondenzen, dass der Weg, den „Die Presse“ während der vergangenen Jahre unter meiner Führung gegangen ist, für viele Leserinnen und Leser immer wieder für Verstörung und Unmut gesorgt hat. In unserem leidenschaftlichen Versuch, die bürgerlich-liberale Tradition dieser großen Zeitung zeitgenössisch zu interpretieren, haben wir gelegentlich zu sehr zugespitzt, manchmal sind wir in Sackgassen geraten, an manchen Tagen mag man den nötigen Ernst vermisst haben. Ich kann Ihnen versichern, dass wir es in unserem Bemühen um Unabhängigkeit, Qualität und Originalität immer ernst gemeint haben.

Ich verlasse die „Presse“ und die Styria Media Group nicht ohne Wehmut, aber ohne jeden Groll darüber, dass ich nicht Teil des Neuen sein werde, das jetzt beginnt. Die Medienlandschaft befindet sich nicht nur in Österreich inmitten eines fundamentalen Wandels, der die Suche nach neuen Wegen notwendig macht. Die Eigentümervertreter haben sich in all den inhaltlichen Debatten und Auseinandersetzungen bis hin zu den abschließenden Gesprächen über eine Trennung als offene, faire Gesprächspartner erwiesen. Da das kein Bruch im Unfrieden, sondern eine Trennung im Respekt vor unterschiedlichen Überzeugungen ist, müssen jene unter Ihnen, die meine Texte gar nicht vermissen werden, damit rechnen, dass der eine oder andere auch in Zukunft in der „Presse“ erscheint. Aber das muss der nächste Chefredakteur entscheiden.

Für meine Nachfolge in dieser Funktion hat die Styria Media Group meinen Freund und Kollegen Rainer Nowak nominiert. Er wird sich kommende Woche gemäß dem Redaktionsstatut der „Presse“ der Wahl durch die Redaktionsversammlung stellen, und ich bin davon überzeugt, dass die Kolleginnen und Kollegen ihm ihr Vertrauen schenken werden. Darum möchte ich auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, bitten. Rainer Nowak wird dieses Vertrauen, unterstützt von der besten Redaktion des Landes, nicht enttäuschen.


 

("Die Presse", Samstag, 4. August 2012)