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Mit Judenbeschimpfungen fängt es an

Wiener Polizisten schauten zu, als sich ein Fußballfan vor einem Rabbiner mit Hitlergruß aufpflanzte und "Juden raus!" rief. Wenn schon Ordnungshüter offenen Antisemitismus dulden, wird es gefährlich.

Auf dem Wiener Schwedenplatz spielte sich am vergangenen Donnerstag folgende Szene ab: Ein paar Stunden vor dem Fußballmatch zwischen Rapid und Paok Saloniki ging ein Fan auf einen Rabbiner zu und sagte: „Hau ab, du Scheißjude! Juden raus! Heil Hitler.“ Der Geistliche beschwerte sich daraufhin bei einem Polizisten, der in der Nähe stand. Der Beamte sah jedoch überhaupt keinen Anlass einzuschreiten. „Na hör'n S', heut' is' Fußball“, sagte er. Und der Fußballfan stand dabei immer noch mit Hitlergruß vor dem Rabbiner. Der versuchte danach, andere Uniformierte zum Eingreifen zu bewegen, jedoch ohne Erfolg. „Dass diese Polizisten tatenlos zusehen und auch noch grinsen, ist ein regelrechtes Schockerlebnis“, heißt es im schriftlichen Protokoll, das der Rabbiner der Polizei zukommen ließ. Dort prüft nun das Beschwerdereferat den Fall.

Es gibt viele Möglichkeiten, mit Antisemitismus umzugehen. In Österreich halten es immer noch einige in ihrer Na-und-Mentalität für angemessen wegzuschauen oder auch noch blöd dazu zu grinsen. Bei Ordnungshütern ist es nicht eine Frage der Zivilcourage, ob sie Judenhassern in den Arm oder ins Wort fallen. Sie sind dazu verpflichtet. Nur zur Erinnerung: Hier ist es strafbar, sich im nationalsozialistischen Sinne wiederzubetätigen und gegen Juden zu hetzen.

Aber es wäre ja nicht das erste Mal, dass ausgerechnet in jenem Land, das bei der Vernichtung der Juden einen überdurchschnittlich hohen Anteil williger Nazi-Vollstrecker gestellt hat, Antisemitismus ignoriert, bagatellisiert oder verdodelt wird. Vor ein paar Tagen erst stellte der Chef der drittgrößten Partei eine Karikatur im „Stürmer“-Stil auf seine Facebook-Seite. Auf der Zeichnung war ein fetter Bankier mit Hakennase zu sehen, an dessen Manschettenknöpfen Davidsterne prangten. Auch für Ungebildete war das Machwerk unschwer als antisemitisch zu erkennen. Und doch stritt H. C. Strache in besonders dümmlicher Weise alle Vorwürfe ab, anstatt sich zu entschuldigen oder gar Konsequenzen zu ziehen. Der Skandal blieb, wie davor schon viele andere, ohne Folgen. Zwischen Wien und Bregenz glaubt man, das alles nicht so ernst nehmen zu müssen. Vergessen, dass die Nationalsozialisten mehr als 65.000 österreichische Juden ermordet und 130.000 vertrieben haben?

Im Grunde haben die meisten Österreicher die Verjährung gleich nach 1945 für sich in Anspruch genommen, und 67 Jahre später tun sie es umso ungenierter. Die wirkliche Last der Verantwortung hat die Republik ohnehin frühzeitig auf den deutschen Nachbarn abgewälzt. Und dort reagiert nach wie vor das öffentliche Alarmsystem ungleich sensibler auf Judenhass. Das war jüngst erst wieder daran abzulesen, wie kämpferisch deutsche Politiker und Meinungsführer reagierten, nachdem in Berlin-Schöneberg arabische Jugendliche einen Rabbiner zusammengeschlagen hatten. Und als dann der Rektor eines jüdischen Kollegs seinen Studenten riet, in nächster Zeit auf der Straße besser keine Kippa zu tragen, riefen Berliner Künstler auf, sich aus Solidarität die jüdische Kopfbedeckung aufzusetzen.

Der Antisemitismus flammt gerade neu in Europa auf. Als Brandbeschleuniger fungieren dabei, vor allem in Ländern wie Frankreich oder auch Deutschland, arabische Jugendliche, die den aggressiven antisemitischen Diskurs des Nahen Ostens ungefiltert in ihre (neue) Heimat tragen. Doch auch die Mehrheitsbevölkerung kultiviert unter dem Deckmantel eines zunehmenden Hasses auf Israels antijüdische Regungen. Das trifft leider auch auf Österreich zu. Und was passieren kann, wenn man jahrelang bei Judenbeschimpfungen weghört, zeigt sich in Ungarn. Dort nimmt der offene Antisemitismus, ganz ohne Araber, seit dem Parlamentseinzug der rechtsextremen Jobbik-Partei erschreckend zu.

Das sollte auch Österreich eine Lehre sein. Der antisemitische Krebs wuchert schnell, wenn man ihn nicht schon im Anfangsstadium aus dem gesellschaftlichen Gewebe schneidet.

christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2012)