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Gestatten, Klubobmann Josef Cap, Großmeister der Wählerverarschung

Wer verstehen will, warum die Wähler derzeit gar so stinksauer auf die Politik sind, braucht bloß dem SPÖ-Klubobmann dabei zuhören, wie er seinen Arbeitgeber, den Souverän, verhöhnt.

Winston Churchill soll einmal gespottet haben, das beste Argument gegen die Demokratie sei „ein fünfminütiges Gespräch mit einem ganz normalen Wähler“. Heute könnte man ergänzen: Das beste Argument gegen die regierende politische Klasse Österreichs ist, ein fünfminütiges Interview mit Josef Cap ansehen zu müssen.

Nicht, dass die Kunst der Wählerverarschung mittels hochprozentigem Zynismus nicht auch von Politikern anderer Parteien auf durchaus hohem Niveau betrieben würde. Aber der SPÖ-Klubobmann hat in dieser Disziplin eine Brillanz entwickelt, die nahezu einzigartig im österreichischen Parlamentarismus ist. Wenn er, wie dieser Tage geschehen, seinem Parteivorsitzenden eine Aussage vor dem Untersuchungsausschuss ersparen will mit dem Argument, Faymann sei einer „Kriminalisierungskampagne“ ausgesetzt (und habe ja im Übrigen eh schon im Fernsehen ausgesagt), dann verhöhnt das ja sogar die rudimentäre Intelligenz des linkshemisphärisch minderbemitteltsten SPÖ-Wählers.

Warum sagt Cap nicht gleich, man könne ihn und seinen Chef gefälligst? Wenn die amtierende Koalition bei den nächsten Wahlen auf weniger als die Hälfte der Stimmen kommt, wird man sich Caps Interview nochmal ansehen und dann ganz gut verstehen können, wie ein derartiges Wahlergebnis zustandekommen konnte.

Seine enorme Zynismusproduktionsfähigkeit verdankt er wohl nicht nur angeborenem Talent, sondern vor allem auch langjährigem Training. Bereits anno 1989 wütete der damalige SPÖ-Zentralsekretär Cap gegen den damaligen „Lucona“-Untersuchungsauschuss mit nahezu identen Formulierungen wie heute: „Wahlkampfausschuss“, „Inquisitionsstimmung“, „Menschenjäger“. Damals machte Cap mit diesen Verbalprügeleien SPÖ-Politikern wie Leopold Gratz die Mauer, die dem sechsfachen Mörder und Kreisky-Wahlhelfer Udo Proksch bei seinen Verbrechen („Affäre Lucona“) geholfen hatten.

Dass der mittlerweile 60-jährige Josef Cap sich heute nicht mehr schützend vor Gewaltkriminelle und ihre sozialdemokratischen Helfershelfer stellt, sondern bloß noch schmutzige Geldgeschäfte („Inseratenaffäre“) unter den Teppich kehren will, kann man durchaus als einen gewissen sittlichen Fortschritt verstehen. Wenn das mit Cap in diesem Tempo so weitergeht, dürfte er in einem weiteren Vierteljahrhundert, also schon knapp vor seinem 90. Geburtstag, völlig damit aufhören, allfällige Unterschleifshandlungen seiner Genossen zu exkulpieren.

Sein Klubobmann-Kollege H.C. Strache von der FPÖ wäre übrigens gut beraten, Cap demnächst eine Kiste Bordeaux eines besseren Jahrganges (vielleicht sogar einen 1961er) zukommen zu lassen. Denn neben dem wählerverachtenden Gewohnheitszyniker Cap erscheint selbst Strache derzeit als eine Art knochentrockener Sachpolitiker der seriöseren Art.

Dass Cap von „Kriminalisierungs-kampagnen“ gegen seine Genossen fantasiert, wo es eher streng nach Unregelmäßigkeiten riecht, und sich damit selbst der Lächerlichkeit preisgibt, dürfte einen schlichten Grund haben: weil er sehr an seinem blendend bezahlten (um die 14.000 Euro) und höchst komfortablen Job als Klubobmann hängt. Dass dem Wähler ob seines unwürdigen Schauspiels übel wird, nimmt er dafür gerne in Kauf.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2012)