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Martina Grimus: Die sanfte Sprengmeisterin

Martina Grimus sanfte Sprengmeisterin
(c) APA/GERT EGGENBERGER (GERT EGGENBERGER)
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Ihr Beruf ist es, Felsen in die Luft zu jagen. Und doch liegt Martina Grimus, der einzigen Sprengmeisterin Österreichs, nicht viel an Krawall.

Schon die Anfahrt ist ein Abenteuer: Vom niederösterreichischen Rohr im Gebirge aus geht es erst auf der Straße, dann auf einem Waldweg und am Ende auf einer kurvenreichen Schotterpiste den Berg hinauf. Ohne Geländewagen ist das nicht zu schaffen. Martina Grimus bereitet mit ihren Mitarbeitern gerade eine Sprengung vor. Gebaut wird eine Forststraße – und ein Stück Felsen, das im Weg liegt, muss gesprengt werden. Aus Löchern im Felsen ragen die Kabel der Sprengsätze. Grimus macht sich daran, sie scharf zu machen.

„Einmal lang heißt, dass man sich in Sicherheit bringen muss. Zwei Mal kurz, aber dann wird's Öha.“ Mit diesen Worten erklärt die 48-Jährige die Tonsignale, mit denen auf eine bevorstehende Sprengung aufmerksam gemacht wird. In der Umgebung passen Mitarbeiter auf, dass kein Wanderer in die Nähe des Sprengradius kommt. Per Tröte gibt Grimus die Warnsignale ab, drückt auf den Knopf. Ein lauter Knall. Und schon ist es wieder vorbei. Keine große Rauchwolke. Abgesehen vom Lärm war die Sprengung unspektakulär.


Zwischen Chile und Namibia. Martina Grimus ist Österreichs erste und bislang einzige Sprengmeisterin. Geplant hatte sie das nicht. Denn eigentlich ist sie gelernte Zahnarztassistentin und arbeitete zunächst als Rezeptionistin in einem Kurhotel. Dann zog es sie in die Welt – erst nach Namibia, wo sie in einer Lodge arbeitete. Schließlich ging sie mit ihrem Partner nach Chile, immerhin hatte er sie schon zuvor nach Namibia begleitet. Das Elternhaus und das väterliche Bauunternehmen waren in weiter Ferne. Doch dann starb ihr Bruder Josef mit gerade einmal 31 Jahren. Und auf einmal musste sie ihr Leben völlig ändern. Denn der Familienbetrieb stand auf einmal ohne Führung da. Und so verließ sie Südamerika schweren Herzens – und übernahm das väterliche Bauunternehmen.

Bald war klar, dass sie sich in dieser Position auch mit dem Sprengen beschäftigen musste. „Als ich die Firma übernommen habe, standen wir vor der Situation, dass niemand sprengbefugt war. 1998 sind wir durchgekommen, aber 1999 war klar, dass es so nicht weitergeht.“ Für sie sei völlig logisch gewesen, dass sie die Sprengbefugnis machen würde, gemeinsam mit einem Mitarbeiter. Und nicht zuletzt: „Ich war natürlich ehrgeizig.“

Im Kurs war sie die einzige Frau. Der Ausbildner sprach die Gruppe mit „Meine Herren“ an – um sich kurz darauf bei Grimus zu entschuldigen. Einmal bezeichnete er die Gruppe als „wir Bumser...“ – so lautet die Bezeichnung der Sprengmeister im Fachjargon. Wieder ein Blick in ihre Richtung: „Entschuldigung, Frau Grimus...“. Und selbstverständlich musste sie, als gegen Ende des Kurses in einem Steinbruch Sprengungen geübt wurden, die Heilige Barbara darstellen – die Schutzpatronin der Bergleute (und auch der Pyrotechniker). Doch trotz aller Vorurteile und Bedenken der männlichen Kollegen schaffte sie es, setzte sich durch. Und schloss die Ausbildung als erste Frau des Landes mit Erfolg ab.

Heute kommt Martina Grimus geradezu ins Schwärmen, wenn es darum geht, wo man Sprengungen überall einsetzen könnte. Ob bei der Hagelbekämpfung oder beim Feuerlöschen. Auch bei Gebäuden könne man durchaus sprengen statt wochenlang mit Baumaschinen Krach und Staub zu machen, meint sie. „Aber da gibt es sehr viele Vorbehalte.“


Sanftes Sprengen. Doch eine „Bumserin“ ist sie deshalb nicht. Denn etwas mit viel Krawall in die Luft zu sprengen sei ja keine Kunst. Deshalb ist Grimus zufrieden, dass die Sprengung an diesem Tag so sanft verlaufen ist. „Es geht da natürlich um Technik. Aber wenn ich mit der Natur arbeite, brauche ich vor allem Gefühl. Ich muss den Berg und die Felsen wahrnehmen. Und ich muss mir bewusst sein, dass ich etwas verändere, wenn ich einen über 100 Jahre gewachsenen Baum entferne.“ Daher nahmen auch bei dieser Sprengung mehrere Bäume am Abhang keinen Schaden. „Die Männer sind manchmal enttäuscht, wenn es keinen großen Knall gibt.“ Aber die Natur ist Grimus wichtiger.

Gerade das Gefühl spiele eine große Rolle beim Arbeiten am Bau. Dementsprechend wundert sie sich, dass nicht mehr Frauen dort arbeiten. „Ich sehe nicht ein, dass Frauen nicht auch mit Baumaschinen herumfahren können. In Kanada habe ich genug Frauen Walzen fahren gesehen.“ Die Wirtschaft jammere doch immer, dass es zu wenig Facharbeiter gebe. Aus eigener Erfahrung wisse sie auch, wie schwierig es ist, Personal zu finden. Warum also nicht Frauen beschäftigen? „Eine Frau“, sagt Grimus, „würde ich sofort aufnehmen.“

Leicht war es für sie nicht. „Ich war 34, als ich den Betrieb übernommen habe. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Wetten abgeschlossen worden sind, dass ich es nicht schaffe.“ Doch sie habe sich den Respekt erarbeitet, meint sie. Auch wenn es immer noch Widerstände gebe, „etwa bei Förstern oder Bauern“. Immer wieder habe sie außerdem mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten gekämpft: „Da fragt man sich schon: Gibt man auf?“ Als ihre Mutter noch lebte, sei es einfacher gewesen. Denn die stand ihr weiterhin als Seniorchefin zur Seite. Doch als die Mutter vor fünf Jahren starb, musste sie allein zurechtkommen.


Kein Märchenprinz. Das Lenken einer Firma hat natürlich auch private Konsequenzen. Ihr früherer Partner, mit dem sie in Chile war, hat sich von ihr abgewandt und ging zurück in die Anden. „Ich habe Beruf und Privatleben nicht getrennt“, meint sie rückblickend. „Ich war egoistisch, die Firma war immer das Wichtigste. Das kann man niemandem zumuten.“ Lächelnd, aber doch mit einer gewissen Wehmut meint sie: „Den Märchenprinzen habe ich noch nicht gefunden.“ Dafür bleibt aber auch kaum Zeit: „Ich habe eine Ausbildung nach der anderen gemacht. Jetzt fehlen mir nur noch zwei Prüfungen: für Unterwassersprengungen und für Lawinen. Na ja, man will sich halt weiterbilden.“

Nun steht der Winter bevor und die Unternehmerin bereitet Umstrukturierungen vor. „Ich habe ein paar Maschinen verkauft. Es war schwer, etwas von Papa herzugeben, aber manchmal muss man loslassen.“ Denn wirtschaftlich sind die Zeiten nicht gerade leicht. Und sie will ihre Sprengungstätigkeiten ausweiten, erst kürzlich habe sie sich für den Tunnelbau beworben: „Ich habe gemerkt, ich sprenge richtig gern. Das ist meine Meisterklasse.“ Aber auch an ihrer Arbeit als Bauunternehmerin hat sie Gefallen gefunden: „Das ist eine wunderschöne Arbeit, vor allem im Wald. Und eine Straße zu bauen ist auch etwas Nachhaltiges“, meint sie. „Denn die bleibt immerhin sehr lange da.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2012)