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Architektur: Der Ted-Mosby-Effekt

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(c) REUTERS (GUS RUELAS)
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Falsche Erwartungen. Die Zahl der Architekturstudenten ist rapide gestiegen, die Drop-out-Quote ist hoch. Mitverantwortlich dafür ist ein idealisiertes Berufsbild.

[Wien] Die Skyline von New York durch ein eigenes Gebäude zu ergänzen: Das ist der große Traum, den Ted Mosby – nach einem Zwischenspiel als Uni-Professor – irgendwann verwirklicht. Mit dem Protagonisten der mittlerweile in den Kreis der Kultserien aufgestiegenen Sitcom „How I Met Your Mother“ ist – nach unzähligen Ärzten, Anwälten und Kriminologen – eine neue Profession ins TV-Rampenlicht gerückt: die des Architekten. Grund genug für die Fachschaft Architektur an der Wiener TU, den sogenannten „Mosby-Effekt“ zu thematisieren. Es sei die – verfälschte – mediale Darstellung, die beitrage, dass das Studium derart boome.
Tatsächlich ist die Architektur das einzige wahre Massenfach an den technischen Unis – und deshalb auch jenes, dem im Zuge des Testlaufs der Studienplatzfinanzierung Platzbeschränkungen und sogar Kürzungen bevorstehen (siehe Factbox). Die Zahl der Studienanfänger ist in den vergangenen Jahren rapide gestiegen: Entschieden sich im Jahr 2005 rund 750 für das Bachelorstudium der Architektur, schrieben sich im Jahr 2010 bereits rund 1150 ein.
Über den Einfluss einer einzigen, wiewohl erfolgreichen, TV-Serie lässt sich streiten – eine Studie der Uni Münster belegte jedenfalls im Vorjahr, dass die Darstellung von Berufsbildern im Fernsehen durchaus Effekte auf die Studienwahl habe – Stichwort Arztserien.
Die größere mediale Aufmerksamkeit spiele eine wichtige Rolle dafür, dass Architektur zum Modestudium wurde, sagte Österreichs renommiertester Architekt Wolf Prix vor einiger Zeit im ORF-Radio. Patrick Jaritz von der IG Architektur beklagt, dass häufig nur Stararchitekten und durchgestylte Bauprojekte thematisiert würden. Mit der Arbeit eines „durchschnittlichen“ Architekten – Dachausbauten, Wohnungsumbauten – habe das wenig zu tun.
„Man kann Architektur natürlich als etwas Glitzerndes sehen. als Selbstverwirklichung“, meint dazu Christian Kühn, Studiendekan an der TU Wien. „Und in der Tat ist es in einer Zeit, in der alles gestreamlined wird, attraktiv, sich die Aufgaben selbst stellen zu dürfen. Aber der Job ist hart, nicht unbedingt gut bezahlt. Man muss sich genau ansehen, in welchen Sektor man sich hineinbewegt.“

Mehr als Entwerfen


Vielen Studienanfängern sei nicht klar, worauf sie sich mit einem Architekturstudium einlassen, kritisiert die Fachschaft außerdem. Ein Grund: Zwar komme man ständig mit Architektur in Berührung – die differenzierte Auseinandersetzung aber fehle. Die Architektur ist nicht nur kreatives Entwerfen, sondern auch Soziologie, Physik und nicht zuletzt Handwerk. „Das kann man nicht einfach aus dem Buch lernen“, sagt Patrick Jaritz, selbst neben dem Job noch an der Universität. „Das muss man üben.“
Studiendekan Kühn, der zu Semesterstart mit Kleingruppen von Studienanfängern arbeitet, meint dazu: „Die völlige Verwirrung sehe ich nicht. Aber viele Studienanfänger kommen mit falschen Vorstellungen.“ Dafür gebe es einerseits Orientierungslehrveranstaltungen, andererseits startet die TU Wien kommendes Jahr das Projekt „Porticus“: Mit besserer Information über Studium und Beruf – es geht dabei um das gesamte Bauwesen, auch um Architektur – soll die Anzahl jener Anfänger gesenkt werden, die man nach wenigen Semestern ohnehin wieder verlieren würde.  Denn derzeit ist die Drop-out-Quote hoch: Viele Architekturstudenten werfen noch innerhalb des ersten Jahres das Handtuch. Konkret waren von den erwähnten 1150 Studienanfängern nach zwei Semestern noch lediglich 750 für Architektur inskribiert.

Test als Abschreckung


Ein Aufnahmeverfahren, wie es mit der Studienplatzfinanzierung ermöglicht wird, würde wohl eines bewirken, sagt Kühn: „Sobald wir das ankündigen, kommen von den 1150 Anfängern nur noch 850.“ In der Tat haben die Unis eine ähnliche Erfahrung bereits gemacht – mit dem Fach Publizistik: Seit dieses 2010 zugangsbeschränkt wurde, ist die Anzahl der Interessenten deutlich gesunken. Eine Erklärung: die bewusstere Studienwahl.
Dennoch werde die Beschränkung – kolportiert wurde zuletzt, dass die TU Wien künftig 800 Plätze anbieten solle – kaum eine echte Verbesserung der Studienbedingungen bringen, meint Kühn. Nach zwei Semestern habe man auch jetzt „nur“ 750 Studenten übrig. De facto werde also ein untragbarer Zustand fortgeschrieben.