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Aus toten Kindern wächst am Ende Gras

toten Kindern waechst Ende
c APA ROBERT JAEGER ROBERT JAEGER
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Maßlos bis zur Peinlichkeit und rührend bis hin zum Schmerz: "Einige Nachrichten an das All" von Wolfram Lotz im Akademietheater.

Im Anfang war das Krippenspiel: Ja, das schien wirklich echt, als am Freitag im Wiener Akademietheater Regisseur Antú Romero Nunes Schwester Inge mit Kindern von der Krebsstation auftreten ließ, als Hirten und Heilige drei Könige, die Maria mit dem Jesuskind huldigen. Doch dann wollten sie das Baby sehen, nahmen das Stoffbündel und wickelten es aus. Aber das Tuch war leer. Unter starkem Applaus gingen die kleinen Schauspieler, die ihre Parts ausgezeichnet spielten, ab.

So einen Schock muss man erst einmal verkraften, aber den Beteiligten wird bei der österreichischen Erstaufführung von „Einige Nachrichten an das All“ noch mehr zugemutet. Später, nach vielen fantastischen Kunststücken in diesem von Assoziationen überreichen Weltendrama von Wolfram Lotz, treten die Kinder noch einmal auf, während Ignaz Kirchner in einem atemberaubenden Monolog davon erzählt, wie diesen Kindern schließlich das Gras aus den Augen wachsen wird, während er poetisch drastisch vom Ende nach dem Ende spricht. Wir werden alle einmal zur Wiese. Zärtlich führt er sie über die Bühne, todtraurig ist das, passt genau zum Stück.


Verlust der Tochter. Wovon handeln diese Nachrichten? Von Ängsten, vom Horror Vacui, von der Vergänglichkeit, gegen die alle diese Darsteller mit Ablenkungsmanövern antreten. Daniel Sträßer ist ein behinderter Clown, der spektakulär Luftschlagzeug spielt, bald gesellt sich ihm ein zweiter Clown dazu, Jasna Fritzi Bauer, die einen Mann spielt. Beide wollen sie ein Kind. Ihr Dialog ist absurdes Theater, immer wieder fallen sie gekonnt aus der Rolle.

Das verstärkt sich noch beim Auftritt von Kirchner, der zuerst einen Alleinerzieher, dann Fußnoten darstellt, beides mit großer Präzision und Intensität. Seine erste Geschichte erzählt brutal vom Sinnlosen. Mühsam zählt er die alltäglichen Begebenheiten von jenem Tag auf, an dem seine Tochter tot gefahren wurde. Es gibt keinerlei Zusammenhänge zwischen den simultanen Erlebnissen.

Diese Geschichte ist der dunkle Kern der „Nachrichten“, doch das Drama hat auch einen spektakulären, marktschreierischen Aspekt. Auftritt Matthias Matschke, und nun wird es grell, gekünstelt und munter. Er ist ein Entertainer, ein „Leiter des Fortgangs“, der schamlos das Publikum in seine Ego-Show einbaut. Nun zieht die Regie alle technischen Register für Illusionstheater. Das Bühnenbild von Florian Lösche ist eine Steinmauer aus beweglichen (Styropor-)Blöcken, die spektakulär den Raum verändern, als Projektionsfläche für rasante Videos, ja für Zauberkunststücke dienen. Explosionen, Panoramen, rasende Kugeln, Friedhöfe entstehen vor dem Auge des Betrachters durch ein Fingerschnippen des Entertainers, der die Zuseher auch nervend oft zum Applaus animiert.

Showtime! Diese Sequenzen enthüllen das seichte TV-Gewerbe bis auf die Knochen. Und zudem gibt der wunderbar wandlungsfähige Matschke preis, wie erbärmlich die Arbeitsmarktsituation junger Menschen heute ist. Dutzende Jobs, Ausbildungen, Praktika zählt er stolz auf : Fahrradtechnologie, Fagott, „Psychology of Excellence in Business and Education“. Sie sollen seine Vielfältigkeit beweisen und zeigen doch nur eine allgemeine Richtungslosigkeit.


Der miese Herr Kleist. Das Absurde kommt überreich zurück in Gestalt der Gäste, die der Moderator nun zu sich einlädt. Es ist fantastisch, wie furchtbar authentisch sich Fabian Krüger in eine dicke Frau, einen Hochstapler, Reinhold Lopatka und den todessüchtigen, charakterlich hier letztlich miesen Dichter Heinrich von Kleist verwandelt. Zwei leben noch, zwei sind schon tot, aber alle sind sie doch Zombies in diesem kalten All, in das der Mensch seine Nachrichten brüllt. Ein Wort für die Ewigkeit – welches passt? Ungewollt platzt es aus dem Entertainer im Finale heraus: „Jetzt?“, fragt er, und schon ist der Moment vorbei.

In solchen Augenblicken erfährt man, dass der Text von Lotz ans Geniale grenzt, aber diese Gemmen, und es sind einige, werden eingebettet ins Maßlose, das dann in Endlosschleifen wieder ans Peinliche grenzt. Die Inszenierung bewahrt zwar die Frische dieses Dramas, sie hätte aber noch einiges gewinnen können durch eine Tugend, die Gaststar Kleist auszeichnet: Disziplin. Es gibt zwar vereinzelt kontemplative Szenen, doch der Schwank wie auch das Sentiment überwiegen. Zudem wird es für den Text gefährlich, wenn er sich allzu sehr dem offensichtlichen Vorbild Samuel Beckett nähert. Dessen Clowns sind im Lakonischen nicht zu übertreffen, an solch präzise Dialoge kommt der Autor (noch) nicht heran.

Alles in allem aber ist dieser überreiche Abend ein Geschenk, mit einem glänzenden Ensemble, mit rasanten technischen Spielereien und auch mit Mut zur Größe. Man begegnet dem wirklich Ernsten über Umwege, es schimmert sogar beim angeblich Leichten durch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.11.2012)