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Sexualerziehung: Ein heikles Thema für die Erwachsenen

Sexualerziehung heikles Thema fuer
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Kinder gehen an das Thema Sexualität grundsätzlich neugierig und offen heran. Die meisten Probleme entstehen dann, wenn sie merken, dass die Erwachsenen unsicher sind.

Wien. Bevor der Salzburger Sexualpädagoge Wolfgang Plaute seine Workshops abhält, dürfen Volksschüler eine Woche lang ihre Fragen anonym in eine eigens dafür aufgestellte Box werfen. Es sind Fragen, die Eltern mitunter verstören – oder zumindest überraschen: Warum liebt man jemanden und andere nicht? Können Siebenjährige schon Kinder kriegen? Ist Sex schlimm? Kann eine Frau auch mit einer Frau Sex machen? Was ist ein Vibrator? Als Plaute diese – und eine ganze Menge andere, ähnliche – Fragen am Elternabend den Müttern und Vätern einer Volksschulklasse im Salzburger Land vorlegte, ließ eine Reaktion nicht lange auf sich warten: „Diese Fragen haben nicht unsere Kinder geschrieben. Das waren Sie.“

Für Erwachsene ist Sexualerziehung, zumal in der Volksschule, mitunter heikles Terrain. Vor allem dann, wenn die Themen über das rein biologische hinausgehem und Erregung, Selbstbefriedigung oder Homosexualität angesprochen werden. Ist das nicht zu früh? Muss das sein? Ist das notwendig? Erst kürzlich meldete sich eine Gruppe katholischer Eltern empört zu Wort: Neue Lehrmaterialien zur Sexualerziehung in der Volksschule seien ein „Skandal“. Ein Grund: Themen wie Inter-, Trans- oder Homosexualität würde darin zu viel Platz eingeräumt.

 

Die Vielfalt bejahen

Sexualpädagogen sehen das – wenig überraschend – anders. Es gehe ja vorerst nicht darum, zu werten. Die Vielfalt des Lebens solle wahrgenommen – und grundsätzlich begrüßt – werden. Auch aus einer Perspektive der Prävention heraus: Nur wer sich akzeptiert fühlt, ist stark genug, um Nein zu sagen. Nur wenn Dinge kein Tabu sind, können sie besprochen werden.

Andererseits würden Kinder ja nicht gezwungen, sich mit Themen auseinanderzusetzen – im Gegenteil. „Man arbeitet ja vorwiegend aufnehmend“, sagt Bettina Weidinger vom Institut für Sexualpädagogik. Thematisiert wird das, was den Kindern unter den Nägeln brennt. „Und Inter-, Trans- oder Homosexualität – das sind Dinge, die die Kinder hören. Und sie sprechen das dann auch an.“

Per se hätten Kinder nämlich überhaupt kein Problem mit solchen Themen: „Im Gegensatz zu Erwachsenen gehen sie meist noch neugierig und offen an so etwas heran.“ Probleme entstehen, wenn Kinder merken, dass die Erwachsenen unsicher sind. Was keine Seltenheit ist. „In Wahrheit tun wir uns alle nicht leicht mit dem Thema Sexualität“, sagt Wolfgang Plaute. Das betrifft auch die Lehrer. Ein Beispiel: Eine Volksschulklasse in Wien erkundet die Umgebung der Schule. Alle Geschäfte werden aufgemalt und besprochen – mit Ausnahme des Bordells, das sich mittendrin befindet.

„Die meisten Lehrer klammern das Thema Sexualität eher aus“, sagt dazu Plaute, der auch an Uni und PH Salzburg lehrt bzw. gelehrt hat. „Ich habe auch Verständnis, denn sie sind dafür kaum ausgebildet.“ Fakt ist: Obwohl Sexualerziehung in der dritten und vierten Klasse auf dem Lehrplan steht und zudem ein sogenanntes Unterrichtsprinzip ist, ist sie in der Lehrerausbildung lediglich optional.

 

Experten als Ergänzung

Eltern – und Lehrer – seien die wichtigsten Akteure in puncto Sexualerziehung, sagt Plaute. Manchmal aber seien sie nicht die richtigen Ansprechpartner. „Gegen Ende der Volksschule beginnen Kinder Fragen zu haben, die sie ihren nächsten Bezugspersonen nicht mehr stellen wollen“, sagt Bettina Weidinger. Dann nämlich, wenn sie anfangen, sich – in der Fantasie – mit erwachsener Sexualität auseinanderzusetzen. Das sei der Moment, in dem externe Sexualpädagogen – als punktuelle Ergänzung – sinnvoll seien, so Weidinger.

Was längst nicht immer klappt: Vom flächendeckenden Einsatz externer Sexualpädagogen sind die heimischen Volksschulen weit entfernt. Das Problem ist weder neu noch originell: Es fehlt das Geld.

Auf einen Blick

Sexualerziehung ist in Österreich seit 1970 per Erlass geregelt. Sie ist Bestandteil des Lehrplans Sachunterricht bzw. Biologie, gilt aber auch als Unterrichtsprinzip: Sexualerziehung soll demnach „fachübergreifend und im gesamten Unterricht wirksam werden“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2012)