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Ban Ki-moon: „Wir leben in einer Ära der Intoleranz“

c Die Presse Clemens Fabry
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UN-Generalsekretär Ban Ki-moon lässt die Chance verstreichen, Saudiarabien anlässlich der Eröffnung des Dialogzentrums in Wien offen zu Religionsfreiheit aufzurufen.

Die Presse: Sie sind nach Wien gekommen, um das König-Abdullah-Zentrum für interreligiösen Dialog zu eröffnen. Ist Ihnen eigentlich die Situation der Christen in Saudiarabien bewusst?

Ban Ki-moon: Es ist sehr wichtig, den Dialog zwischen Kulturen und Religionen zu fördern. Wir leben in einer Ära der Intoleranz. König Abdullah hat seit 2005 essenzielle Initiativen ergriffen, um den interreligiösen Dialog anzustoßen.

König-Abdullah-Zentrum

In Wien wurde Montagabend das König-Abdullah-Zentrum für Interreligiösen und Interkulturellen Dialog eröffnet. Das Zentrum ist der Verständigung der Religionen verschrieben. Zuletzt gab es Kritik, weil der Hauptsponsor Saudi-Arabien die freie Religionsausübung von Nicht-Muslimen unterdrückt. Zur feierlichen Eröffnung in der Hofburg kamen neben UN-Generalsekretär Ban und dem saudischen Außenminister Saud al-Faisal noch weitere hochrangige Gäste. Mehr ...

Für mich ist es ein Widerspruch, wenn jemand im Ausland ein Dialogzentrum sponsert und daheim alles andere als tolerant agiert. In Saudiarabien dürfen Christen keine Kirchen bauen und ihre Religion nicht offen ausüben.

Es wird effektiv sein, den Dialog in Wien zu fördern. Österreich ist ein Land des Dialogs und der Mäßigung, wo bekanntermaßen seit langer Zeit viele ethnische und religiöse Gruppen friedlich und harmonisch zusammenleben.

 

Lassen Sie es mich noch einmal versuchen. Werden Sie die Gelegenheit nützen, Saudiarabien aufzufordern, Religionsfreiheit zu gewähren?

Viele Länder in der arabischen Welt, auch Saudiarabien, ändern sich. Seit dem Arabischen Frühling beginnen die Führungen, auf die Stimme ihres Volkes zu hören.

In Saudiarabien sehe ich, ehrlich gesagt, keinen Frühling.

Auch König Abdullah hat Reformen durchgeführt. Ich hoffe aufrichtig, dass all diese Maßnahmen feste Wurzeln schlagen.

Sie wollen also als Generalsekretär die Lage der Christen nicht ansprechen?

Ich habe die Weltführer schon bei der Generalversammlung im September aufgerufen, Ungerechtigkeit, Intoleranz und Unsicherheit im Dialog anzusprechen. Nächstes Jahr wird in Wien ein Forum der Allianz der Zivilisationen stattfinden. König Abdullah ist einer der wichtigsten religiösen Führer des Islam. Er hat die Initiative ergriffen. Wenn wir all das kombinieren, werden wir zu einem besseren gegenseitigen Verständnis kommen.

Es ist doch total heuchlerisch, dass das Oberhaupt eines intoleranten Staates sich außerhalb seines Landes zum Großmeister der Toleranz stilisiert.

Das Ausmaß der Toleranz variiert, abhängig davon, woher man kommt.

Sie haben neulich Ägyptens Präsident Mursi getroffen. Sind Sie enttäuscht darüber, dass er die Einspruchsrechte des Justizsystems beschnitten hat?

Ich weiß, dass es Widerstand der Richter gibt. Aber ich habe auch bemerkt, dass Mursi das Problem im Dialog lösen will. Ich werde ihn weiter dazu ermutigen.

 

Sie waren in die Gaza-Waffenstillstandsverhandlungen involviert. Sehen Sie eine langfristige Lösung?

Alle Parteien wissen, dass der Status quo nicht aufrechterhalten werden kann. Der Waffenstillstand kann nur bei maximaler Zurückhaltung und Geduld halten. Ein einziger Raketenangriff aus Gaza kann die Waffenruhe zerstören. Es muss sichergestellt werden, dass keine illegalen Waffen und Raketen in den Gazastreifen gelangen. Außerdem müssen die Menschen im Gazastreifen Bewegungsfreiheit haben. Die wahre Quelle der Sorge ist jedoch, dass der Friedensprozess im Nahen Osten stillsteht.

Soll Israel die Gaza-Blockade aufheben?

Ich dränge Israel seit Langem, die Restriktionen komplett aufzuheben. Es muss freie Bewegung für Güter und Menschen geben.

 

Und wie können die Sicherheitsbedenken Israels ausgeräumt werden?

Darüber wird gerade unter der Schirmherrschaft von Präsident Mursi diskutiert.

Wäre es hilfreich, wenn es einen direkten Kommunikationskanal zwischen Israel und der Hamas gäbe?

Das ist ein politisches Thema. Deshalb läuft der Dialog über Mursi.

 

Unterstützen Sie den Antrag der Palästinenser, Beobachterstatus in der UNO zu erlangen?

Ich habe am 23.September einen entsprechenden Brief von Präsident Abbas erhalten. Am 29.November werden die Mitglieder der UNO entscheiden. Als Generalsekretär spiele ich keine direkte Rolle.

Aber Sie werden eine Meinung haben.

Es liegt in den Händen der Mitgliedstaaten der UN-Generalversammlung. Ich werde dazu keinen Kommentar abgeben. Aber eine Zweistaatenlösung, die Vision der Palästinenser, einen eigenen lebensfähigen Staat zu haben, ist legitim und lang überfällig.

Haben Sie den Eindruck, dass Abbas an den Rand gedrängt wird?

Die Staatengemeinschaft erkennt ihn als Präsidenten der palästinensischen Autonomiebehörde an. Es ist wichtig, ihn politisch und finanziell zu unterstützen.

Israel wird kein Steuergeld mehr an Palästinenser überweisen, wenn die Palästinenser ihren Antrag in der UNO nicht zurückziehen.

Da gebe ich keinen Kommentar ab. Das ist ein Thema, das noch nicht entscheiden ist.

Zur Person

Ban Ki-moon (*1944) war Südkoreas Außenminister (und davor auch einmal Botschafter in Wien), bevor er mit 1.Jänner 2007 UN-Generalsekretär wurde. Die Vetomächte im Sicherheitsrat hatten nichts gegen eine zweite Amtszeit einzuwenden, die heuer begann.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2012)