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Energie: China kauft erstmals mehr Öl als USA

Symbolbild(c) AP (Hasan Jamali)
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Amerika wird unabhängiger von Ölimporten. Eine geopolitische Wachablöse im ölreichen Nahen Osten ist aber nicht in Sicht. Die USA kaufen dort sogar mehr Öl als sonst.

Wien. Fast ein halbes Jahrhundert lang gab es im Ölgeschäft eine Konstante: Niemand kaufte in der Welt mehr Erdöl ein als die USA. Im Dezember des Vorjahres hat sich das schlagartig geändert. Erstmals seit Mitte der 1970er-Jahre wurden die Vereinigten Staaten als weltgrößter Netto-Ölimporteur abgelöst. Die Volksrepublik China überholte Amerika mit einer Importmenge von 6,12 Mio. Fass zu 5,98 Mio. Fass (157 Liter) am Tag, wie die offiziellen Statistiken der beiden Länder nun zeigen.

Auch wenn dieser Trend im Jänner kurzfristig wieder umgekehrt werden könnte, da US-Firmen zu Jahresende traditionellerweise weniger Erdöl einkaufen. Mittelfristig wird China die USA heuer wohl endgültig als weltgrößter Ölimporteur überholen. Dabei ist Amerikas Ölhunger nicht minder groß als jener der Volksrepublik. Im Gegenteil: Immer noch verbrennt kein Volk der Welt mehr Erdöl als die Amerikaner.

Doch der amerikanische Boom der sogenannten Schiefergas- und Schieferölproduktion hat das Land deutlich unabhängiger von Importen gemacht. Die Ölfunde in den USA sind nach Einschätzung der Internationalen Energieagentur so groß, dass das Land Russland und Saudiarabien bis 2020 als größte Ölproduzenten einholen könnte. Im Vorjahr erreichte die US-Produktion über 800.000 Fass am Tag – der schnellste Anstieg seit Beginn des Erdölzeitalters vor 150 Jahren.

Westafrika wird zum Verlierer

Aber was bedeutet das für die Ölmärkte? Sie sind seit Jahren gewohnt, dass die USA in den wichtigsten Produktionsstätten im Nahen Osten patrouillieren. Wird in 15 Jahren Peking hier die Rolle des Weltpolizisten von den Vereinigten Staaten übernehmen müssen, wie es etliche Studien prophezeien?

Die harten Fakten geben bisher keinen Hinweis darauf, dass sich die USA bald aus der Golfregion zurückziehen werden. Denn nicht nur die US-Ölproduktion ist zuletzt gestiegen. Auch die Importe vom Golf nehmen zu. Im Vorjahr kauften die USA bereits bis November mit 450 Mio. Fass deutlich mehr Öl von Saudiarabien als in den gesamten Jahren 2009 bis 2011. Die Bedeutung der ganzen Golfregion als Öllieferant für die USA war mit einem Importanteil von 25 Prozent so hoch wie seit neun Jahren nicht.

Ein Grund dafür ist die unterschiedliche Beschaffenheit der Ölvorräte in den USA und im Nahen Osten. Während Amerika in seinen Lagerstätten in North Dakota und Texas vorwiegend leichtes Erdöl fördert, kaufen die US-Raffinerien aus Saudiarabien oder dem Irak notwendiges schweres Rohöl zu.

Der große Verlierer unter den US-Öllieferanten dürfte Westafrika werden. Hier sind die USA schon heute militärisch kaum präsent. Zudem liefern die Länder überwiegend Öl in derselben Qualität, wie es Amerika selbst produziert. Die logische Folge lässt sich in der Handelsstatistik ablesen: Die US-Ölimporte aus Angola und Nigeria fielen im Vorjahr um die Hälfte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2013)