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"Kein normaler Befehlsempfänger"

Kein normaler Befehlsempfaenger
Hannah Arendt(c) AP
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Hannah Arendts These von der "Banalität des Bösen" zum Prozess gegen den NS-Verbrecher Adolf Eichmann ist so kontrovers wie berühmt. Historisch ist sie allerdings zweifelhaft.

Im Jerusalem des Jahres 1961 wurde über Adolf Eichmann Gericht gehalten. Der Angeklagte war als Leiter des sogenannten Judenreferats im Reichssicherheitshauptamt für die Vertreibung und die Deportation von Millionen Juden zuständig gewesen. Die politische Theoretikerin und Philosophin Hannah Arendt sollte für den „New Yorker“ über die Verhandlung berichten. Ihre Artikelserie erschien in fünf Folgen und wurde 1963 als Buch veröffentlicht. Der Titel enthielt bereits ihre wichtigste Schlussfolgerung: „Eichmann in Jerusalem. A Report On The Banality Of Evil“. Mit ihren Thesen löste Arendt eine öffentliche Kontroverse aus. Eichmann, so Hannah Arendt, sei nur ein Bürokrat, ein Vollzugsorgan gewesen. Durch kein Gefühl außer dem Pflichtgefühl getrieben und aus schierem Opportunismus hätte Eichmann seine Verbrechen an den Juden begangen. Nicht Antisemitismus habe ihn angetrieben.


Von Historikern widerlegt. Die historische Forschung widerlegt Arendts Urteil über Eichmann. Die wissenschaftlichen Studien von Hans Safrian, David Cesarani oder Bettina Stagneth beweisen: Eichmann war keineswegs bloß der Schreibtischtäter, der ohne Leidenschaft ans Werk ging. Die von Stagneth herausgegebenen Aufzeichnungen des Jerusalemer Verhörs durch Avner Less verdeutlichen zudem, wie Eichmann in Israel den Befehlsempfänger nur markierte, um seine Rolle im Rahmen des Massenmords herunterzuspielen. Ganz anders war er noch in Argentinien aufgetreten, als er dem niederländischen Nazi Willem Sassen ein Interview gewährt hatte, um mit seinen Verbrechen zu prahlen. Hatte er 1945 noch erklärt, er könne im Bewusstsein, fünf Millionen Juden umgebracht zu haben, lachend in die Grube springen, bedauerte er vor Sassen, nicht zehn Millionen ermordet zu haben. Er stellte klar: „Ich war kein normaler Befehlsempfänger, dann wäre ich ein Trottel gewesen, sondern ich habe mitgedacht, ich war ein Idealist gewesen.“ Wer das Gespräch von Buenos Aires mit dem späteren Auftritt vor dem Jerusalemer Richter vergleicht, wer seine Verstellungskunst durchschaut, könnte der fatalen Versuchung erliegen, Eichmann tatsächlich eine dämonische Dimension zuzuschreiben.

Im Wien des Jahres 1938 gründete Eichmann die Zentralstelle für jüdische Auswanderung und entwarf jene neue nationalsozialistische Judenpolitik, die später in vielen Städten Europas kopiert werden sollte. Er war ein Manager des Genozids, der sich seiner Aufgabe begeistert hingab. Für ihre Erörterungen über die „Banalität des Bösen“ hatte sich Arendt die falsche Person ausgewählt. Auch ihre pauschale Verurteilung der Judenräte entspricht nicht dem heutigen Forschungsstand. Sie warf den jüdischen Funktionären vor, mit Eichmann kollaboriert zu haben. Sie versuchte dabei nicht, deren Zwangssituation zu erklären. Sie mühte sich nicht, verständlich zu machen, wie die jüdische Administration gezwungen werden konnte, mit den eigenen Mördern zu kooperieren. Nicht weil die Judenräte die jüdische Gemeinschaft verrieten, sondern weil sie in ihrem Interesse handeln wollten, waren sie verurteilt, mit den Verbrechern zu verhandeln. Die jüdische Verwaltung versuchte, Zeit zu gewinnen; sie wollte wenige opfern, um viele zu retten. Aber die Mörder waren die Herren der Zeit. Jede Entscheidung für das Leben war eine für den Tod.


Zugespitzte Anklage. Aber Arendt spitzte ihre Anklage zu und behauptete, ohne jüdische Führung hätten nicht so viele Juden umgebracht werden können. Sie blendete aus, wie die Politik der Kooperation der Mehrheit der Juden in Deutschland und Österreich zur Flucht verholfen hatte. Sie überging, dass die Nazis die jüdischen Gemeinden in der Sowjetunion ganz ohne Judenräte vernichtet hatten.

Die neuere Geschichtswissenschaft bewertet die Judenräte differenziert. Die Historiker Isaiah Trunk, Leonard Tushnet und Aharon Weiß strichen in ihren Arbeiten hervor, wie unterschiedlich die Reaktion der jüdischen Gemeindevertreter war. Ein Generalurteil geht an der Problemlage vorbei. In manchen Ghettos – wie etwa in Bialystok – stand die jüdische Gemeindeleitung gar in enger Verbindung zu den Partisanen. Unmöglich ist es, eine saubere Trennlinie zwischen Widerstand und Administration zu ziehen. Avihu Ronen und Dan Michman verdeutlichten zudem, wie falsch es war, die Judenräte als souveräne politische Führung anzusehen. Die jüdischen Funktionäre mussten immer wieder belogen werden, weil sie eben keine Kollaborateure waren, und sie konnten nur allzu leicht belogen werden, weil sie zu den Opfern gehörten. Unvorstellbar musste ihnen die Vernichtung erscheinen. Widersinnig war für sie, dass die Machthaber auf die Ausbeutung der Juden verzichten könnten, um noch mitten im Rückzug alles daran zu setzen, jedes jüdische Leben zu vernichten.

Arendt war keineswegs die Einzige, die Kritik an den einstigen Judenräten äußerte. Im Gegenteil: Die Strategie der Kooperation wurde auch in Israel weitgehend abgelehnt. Die ehemaligen Funktionäre wurden zu Adressaten der Schuldgefühle, die letztlich alle Überlebenden heimsuchten. Was indes viele Leser an Arendt abstieß, war, wie sie den Naziverbrecher Eichmann als kleinen Befehlsempfänger abtat, gleichzeitig jedoch über die Vertreter der Opfer richtete und etwa den Rabbiner Leo Baeck als jüdischen Führer angriff; wobei sie das einschlägige deutsche Wort „Führer“ im Englischen und ohne Anführungszeichen gebrauchte. Zudem kritisierte sie nicht nur die Kooperation im Zuge der Vernichtung, sondern ebenso die Politik, zumal die zionistische, durch Sonderabkommen mit dem Deutschen Reich die Flucht vieler Juden zu ermöglicht zu haben.


Wochenlang Urlaub.
Sie hatte, wie ihrem Briefwechsel mit Karl Jaspers zu entnehmen ist, bereits zentrale Thesen zum Fall entwickelt, ehe sie in Jerusalem eintraf. In ihren Schreiben an Jaspers kommt ihre Voreingenommenheit gegenüber der israelischen Gesellschaft durch. „Oben die Richter, bestes deutsches Judentum. Darunter die Staatsanwaltschaft, Galizianer, aber immerhin noch Europäer. Alles organisiert von einer Polizei, die mir unheimlich ist, nur hebräisch spricht und arabisch aussieht; manche ausgesprochen brutale Typen darunter. Die gehorchen jedem Befehl. Und vor den Türen der orientalische Mob, als sei man in Istanbul oder einem anderen halbasiatischen Land. Dazwischen, sehr prominent, die Peies – und Kaftanjuden“, schrieb sie.

Arendt versäumte manche Phase des Verfahrens, weil sie wochenlang Urlaub in Europa machte, wie die Historikerin Deborah Lipstadt anmerkte. In der historischen Darstellung folgte sie der Studie „Die Vernichtung der europäischen Juden“ von Raul Hillberg, jedoch ohne ihn in ihren Artikeln zu zitieren. Sie kannte sein Werk nur allzu gut, denn sie hatte 1959 ein negatives Gutachten dazu verfasst und befunden, es möge nicht veröffentlicht werden. Nun bediente sie sich bei Hillberg für ihre eigenen Schlussfolgerungen.

Den gedankenlosen Befehlsempfänger hatte sie im Visier. Ihre Darstellung des Adolf Eichmann passte sie jenem Täterprofil an, mit dem sich am Besten vor den Gefahren des Totalitarismus warnen ließ. Sie übersah dabei, wie wenig sein Charakterbild ihre Thesen stützte. Der Antisemitismus blieb bei dieser Sichtweise ausgeblendet, denn ihr ging es darum, ihre wichtige philosophische Theorie vom Totalitarismus darzulegen und aufzuzeigen wie aus ganz normalen Männern Massenverbrecher werden können.

Der Autor

Doron Rabinovici kam 1961 in Tel Aviv zur Welt. Seit 1964 lebt er in Wien, wo er als Schriftsteller, Essayist und Historiker wirkt.

Seine Dissertation„Instanzen der Ohnmacht“ widmet sich dem „Weg zum Judenrat“ in Wien zwischen 1938 und 1945 und wurde 2000 bei Suhrkamp publiziert. Der vielfach preisgekrönte Autor hat Kurzgeschichten („Papirnik“, 1994), Romane (zuletzt: „Andernorts“, 2010), Essaybände („Credo und Credit“, 2001) und ein Kinderbuch („Das ooloomooloo“, 2008) veröffentlicht. APA

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.03.2013)