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"Aktienfonds besitzen ist nicht anständig"

Aktienfonds besitzen nicht anstaendig
Konstantin Wecker(c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)
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Ein Gespräch mit SängerKonstantin Wecker über den ethischen Verfall der Politik und den Sieg des Kapitalismus, zum neuen Papst, zur Islamophobie und zum Wandel der Sexualität.

Hat die Politik noch das Recht, in Fragen der Ethik etwas vorzugeben?

Konstantin Wecker: Nein, das hat sie nicht mehr, weil ihr genau die Antworten auf diese Fragen entglitten sind. Die Politik hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt dahin entwickelt, dass sie praktisch zum Erfüllungsgehilfen eines lobbyistischen Systems wurde. Dass Politiker irgendwann einmal aus diesem Netz der marktwirtschaftlichen Verstrickungen ausbrechen könnten, ist gar nicht mehr vorstellbar. Ich will hier keine allgemeine Politikerschelte betreiben, manche tun mir richtig leid.

Hat sich die Politik nicht selbst ihrer Gestaltungsmöglichkeiten beraubt, indem sie seit Jahren ständig am Gängelband der Meinungsforschung hängt, die ihr sagt, was mehrheitsfähig ist?

Das ist sicherlich ein ganz großer Nachteil. Der Druck auf Politiker, sich den jeweiligen Meinungsumfragen anzupassen, war vor 30 Jahren sicherlich nicht so hoch. Die Meinungsforschung ist mittlerweile zu einem eigenen politischen Instrument geworden. Als Bürger muss man deshalb glauben, der Politiker will zuallererst einmal an der Macht bleiben und die Pfründe bewahren, die er sich geschaffen hat.

Wie sehen Sie Kanzlerin Merkels Status ?

Jeder Zweite in Deutschland will sie wählen. Keiner fragt nach, was sie eigentlich tut. Sie agiert sehr geschickt, enthält sich jeder Meinung und forciert im Hintergrund so Dinge wie Waffenverkäufe nach Saudiarabien. Auf Reisen war sie immer auch im Dienst der Waffenlobby unterwegs, weil sie alles macht, um die Wirtschaft zu stärken.

Wo bleibt in dieser Gewinnakkumulationswüste der Bürger?

Man hat langsam das Gefühl, dass man nur mehr dann ein wertvoller Bürger ist, wenn man dem Staat finanziell was bringt. Ich betreibe seit zehn Jahren ein Web-Portal: „Hinter den Schlagzeilen“, ein Non-Profit-Unternehmen. Wir versuchen, wie das Ignacio Ramonet gefordert hat, ein Medium von unten zu betreiben. Da haben wir ausgezeichnete Beiträge von Leuten publiziert, die Wissenschaftler und gleichzeitig Hartz-IV-Empfänger sind. Diese Leute hätten der Gesellschaft etwas zu bieten, aber man lässt sie nicht. Wir sind in etwas hineingerannt, was uns aufgefressen hat. Das ist mit dem alten Links-rechts-Schema nicht mehr erklärbar.

Die Gier der Banker wird gern gegeißelt, die Gier der Anleger weniger. Sogar Kritiker des Systems besitzen öfters Aktienfonds. Ist es anständig, in Fonds zu investieren?

Das Urteil darüber sollte man dem Einzelnen überlassen. Weil nicht auszuschließen ist, dass das angelegte Geld mit Waffenhandel in Berührung kommt, habe ich beschlossen, mir so was nicht anzuschaffen. Ich finde den Besitz von Aktienfonds nicht anständig.

Sie singen seit Jahrzehnten gegen die Verhältnisse an. Ist es für Sie als langgedienter Idealist nicht deprimierend, dass man heute hinter die Idee eines gesellschaftlichen Fortschritts zurückgefallen scheint?

Genau dieses Gefühl habe ich leider. Als der Neoliberalismus in den 1990ern zu seiner Blüte kam, ist es ausufernd geworden. Vorher, in Konkurrenz zum Kommunismus, hat sich das kapitalistische System noch in vielen Dingen beherrscht. Ich bin vor 40 Jahren angetreten, die Welt mit meinen Liedern zu verbessern und zu verändern. Wenn ich mir die heutige Welt anschaue, kann ich nur sagen: Ich war's nicht.

Geht es Kollegen ähnlich?

Ich hab mit dem Hannes Wader einmal darüber gesprochen. Er sagte zu mir: „Auch wenn ich mit meinen Liedern überhaupt nichts bewirken kann, ich kann einfach nicht anders.“ Mir geht es ähnlich. Darum hab ich auch das Lied „Wut und Zärtlichkeit“ geschrieben. Darin heißt es, „Macht gerechter Zorn nicht müde, ist vielleicht 'ne Attitüde“. Ich muss schon aufpassen, dass ich den Revoluzzer nicht nur mache, weil ich in diese Rolle hineingewachsen bin.

Muss man sich nicht fragen, ob nicht gerade die Kritiker das System stabilisieren, das sie verändern oder gar abschaffen wollen?

Das ist natürlich ein Problem. Wenn ich etwa Sahra Wagenknecht zuhöre, weiß ich: Was die sagt, hat Hand und Fuß. Eine sehr kluge Frau. Doch weil sie meist eingekeilt ist durch vier, fünf Gegenstimmen, die sie immer in die stalinistische Ecke stellen wollen, entfaltet sie leider keine große Wirkung mehr. Der Neoliberalismus hat mit seinen Fürsprechern seit den 90ern so geschickt gearbeitet, da muss man sagen, dass die Konterrevolution, wie man früher sagte, voll und ganz gesiegt hat.

Was bleibt als Hoffnung für Sie?

Ich träume gar nicht mehr davon, dass man das System zerschlägt, ich hoffe, dass sich der Kapitalismus überholen wird. Etwas Neues muss kommen.

Bis dahin würde man sich aber da und dort Widerstand erwarten. Den gibt es kaum.

In Spanien und Griechenland gibt es ihn schon. Was uns Deutsche betrifft, hat schon Heinrich Heine befunden, dass wir ein zur Revolution gänzlich ungeeignetes Volk sind. Es geht uns im Vergleich immer noch viel zu gut. Meine Angst sind Zustände wie in Griechenland und in Ungarn, wo Nazis auf der Straße rumprügeln können und dabei von der Polizei beschützt werden.

Sie haben sich auf Ihrer Homepage lyrisch zur Papstwahl geäußert. Der Pontifex wird als jemand gehandelt, der sozialer Ungerechtigkeit entgegentritt. Was erwarten Sie?

Wenn dieser Konzern „katholische Kirche“ nicht in seinen Grundfesten geändert wird, dann erwarte ich mir auch vom neuen Papst sehr wenig. Er ist persönlich sicher ein integrer Mensch, aber die Institution ist nicht annähernd in diesem Jahrhundert angekommen. Die, die Anstand an erster Stelle propagieren wollen, sind nicht in der Lage, bei sich selbst aufzuräumen.

Politik und Kirche haben also Ihrer Meinung nach keine Autorität zu sagen, was Anstand ist. Wer oder was hat sie dann?

Immer nur einzelne Menschen. Es kann natürlich auch ein Mann der Kirche sein. In ihren unteren Reihen gibt es wunderbare Pfarrer. Es scheint eine Gefahr darin zu liegen, innerhalb eines hierarchischen Systems aufzusteigen, weil man dann leicht den Anschluss an das Menschliche verliert. Auf die Wirtschaft bezogen frage ich mich immer wieder: Muss es Konzerne geben? Warum nicht viele mittelständische Betriebe? Anständige Unternehmer gibt es viele, aber einen anständigen Konzern müssen Sie mir einmal zeigen.

Verdirbt die Erziehung den Menschen?

Darüber habe ich lange mit Arno Gruen gesprochen. Im Buch „Der Fremde in uns“ hat er untersucht, warum Nazis auch im fortgeschrittenen Alter immer noch der Meinung waren, dass man jüdische Kinder in den Ofen schmeißen soll. Er kommt darauf, dass solche Gefühllosigkeit immer durch eine Erfahrung der Entfremdung in der Kindheit zustande kommt. Früher war die Ursache eine fast militärische Erziehung, heute kann sie sein, wenn man seinem Kind klarmacht, dass man es nur liebt, wenn es eine gewisse Leistung bringt. So wird das Kind schon ganz früh nicht das, was es ist, sondern das, was es in den Augen seiner Umgebung zu sein hat. Gruen ist der festen Ansicht, dass der Mensch von Beginn an ein empathisches Wesen ist. Dafür wird er heute mehr und mehr angegriffen.

Von wem?

Kreise, die lieber propagieren, dass der Mensch ein Wolf unter Wölfen ist. Der Gedanke passt natürlich besser in unser Wirtschaftssystem: Dass Kapitalismus natürlich zum Menschen gehöre – er ist bloß ein Gesellschaftsmodell, das vor nicht allzu langer Zeit entstanden ist. Wir werden entdecken, dass auch die Wissenschaft immer mehr durch Geld beeinflusst wird, getreu dem Satz: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“.

Nun wird auch gern mit aufklärerischem Gestus gehetzt. Ist das mediale Sperrfeuer zum Islam ein Kampf gegen Multikulti?

Eine Gesellschaft, die sich nicht darauf besinnt, dass sie sowieso multikulturell ist, ist hirnverbrannt. Die Globalisierung hat alles längst vernetzt, das ist schön. Deutschland nur mit Deutschen wäre unerträglich. Die Islamophobie kommt aus Furcht vor dem Terror. Als der Kommunismus zusammenbrach, wurde ein neues Feindbild gesucht: kurz „Kampf gegen Drogen“, dann viel effektiver „Kampf gegen den Terror“. Ich habe auch Angst vor Fundamentalisten – und radikalen US-Evangelisten.

Kommen wir also zur Sünde. Wie beurteilen Sie Ihre Zeit als Darsteller in Sexklamotten?

Mich stört nur, wie schlecht die Filme sind. Ich sah sehr gut aus, dass ich halb nackt war, bereitet mir kein moralisches Problem, es waren ja Softpornos. Ich sag nicht, ich war jung und brauchte das Geld. Obwohl ich es brauchte.

Wie sehen Sie die heutige erotische Lage?

In den 70ern war Sexualität nicht von vornherein ein Sündenfall wie heute fast wieder, sondern Selbstverständlichkeit einer sich befreienden Generation. Gleichberechtigt. Frauen gingen auf Männer zu und fragten: Hast du Lust? Heute ist alles auf Video abrufbar. Mir tun meine Kinder leid. Mein 13-Jähriger hat mir von einem Porno erzählt, da ist mir schlecht geworden. Er meinte, das sei gerade der Handy-Hit bei der Generation. Wie die mit Liebe, Zärtlichkeit und Sex umgehen werden, macht mir Sorgen. Aber vielleicht bin ich einfach zu alt, um das zu verstehen.

Steckbrief

Konstantin Wecker
kam 1947 in München zur Welt. Er ist das einzige Kind des Malers Alexander Wecker-Bergheim.

Klavierunterrichtnahm Konstantin bereits mit sechs Jahren, bald lernte er Geige und Gitarre und war Solist im Rudolf-Lamy-Kinderchor.

Als Kleinkünstlermachte sich Wecker ab 1968 einen Namen, gründete dann die Band „Zauberberg“ und tourte mit „Jesus Christ Superstar“.

Der Durchbruchgelang Wecker 1977 mit der Platte „Genug ist nicht genug“, die Ballade „Willy“ wurde ein Kulthit. 1980 zog er mit Musikern und Freunden in die Toskana, er arbeitete seither mit vielen internationalen Künstlern zusammen.

Politisch engagierttrat Wecker während seiner ganzen Karriere auf, setzte sich insbesondere für die Friedensbewegung und gegen Rechtsextremismus ein.

Auch als Autor, Schauspieler und Musical-Komponist ist Wecker bekannt. U.a. im Roman „Uferlos“ (1993) thematisierte er seine langjährige Kokainsucht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.03.2013)