Bitcoin: Der Hype um die Wiki-Währung

Bitcoin Hype WikiWaehrung
Bitcoin Hype WikiWaehrung(c) BilderBox (Erwin Wodicka)

Bitcoin explodiert geradezu im Wert, aber der Markt ist klein und volatil. Hält das System, könnte Bitcoin einmal echtes "Internetgeld" sein. Genauso könnte sich Bitcoin aber als Pyramidenspiel entpuppen.

Wien. Bitcoin soll das Geldsystem revolutionieren – vom Internet aus. Der Wert der Wiki-Währung explodierte seit Jahresbeginn (auch wegen der Zypern-Krise) um sagenhafte 900Prozent, was jetzt Angst vor einer Blase aufkommen lässt. „Die Presse“ beantwortet die wichtigsten Fragen.

1Was ist Bitcoin? Ist es eine Währung? Ist es Geld oder elektronisches Gold?

Bitcoin ist – in der Theorie – eine völlig neue Form von Währung, erfunden 2009 von einem oder mehreren Hackern mit dem Pseudonym Satoshi Nakamoto. Sie „lebt“ im Internet, wobei sich das Bitcoin-Netzwerk der Rechenkraft vieler tausend kleiner und mittelgroßer Privatrechner bedient – und somit dezentral organisiert ist. Bitcoins sind ungedeckt und unabhängig – also weder an Gold noch sonst etwas im „Preis“ gebunden, noch manipulierbar durch politische Akteure oder Zentralbanken. Aber auch hier gilt: theoretisch! Der Markt für Bitcoin ist noch sehr klein (1,0 bis 1,5 Mrd. Dollar weltweit) – und damit anfällig. Die Anzahl der Anbieter, die Bitcoin akzeptieren, wächst zwar (sogar Western Union zeigt sich interessiert) – bisher ist Bitcoin aber vor allem Spekulation.

2Klingt interessant, und wie komme ich an diese Bitcoins?

Bitcoin kommt zwar aus dem Internet, existiert aber doch in „phyischer“ Form – in Form von „Bits“ eben. Heißt: Man kann seine (stark verschlüsselten) „Münzen“ auf einem USB-Stick oder einem Handy speichern und transportieren. Transaktionen mit Bitcoin sind komplett anonym, kostenlos und praktisch nicht nachvollziehbar. Sie sind aber auch nicht umkehrbar – insofern verhalten Bitcoins sich wie Bargeld. Eine Bank- oder Kreditkartenüberweisung kann man rückgängig machen – eine Bitcoin-Transaktion nicht. Wer genügend Rechenkraft für Ver- und Entschlüsselung der laufenden Bitcoin-Transaktionen zur Verfügung stellt, wird zum „Miner“ – er baut neue Bitcoins ab, die ihm dann gutgeschrieben werden. So wächst die Gesamtmenge an Bitcoins – die ultimativ auf 21 Mio. Stück beschränkt ist. Diese Summe wäre dem Bitcoin-Code entsprechend aber erst 2140 (!) erreicht.

3Moment, ich muss meinen Rechner zur Verfügung stellen? Ich bin doch kein Hacker!

Nein. Man kann Bitcoins auch kaufen und verkaufen mit der Hilfe von Onlineplattformen wie Mt.Gox (die größte Börse, wo mehr als zwei Drittel aller Transaktionen abgewickelt werden) oder bitcoin.de (die größte deutschsprachige Börse). Das notwendige technische Know-how übersteigt nicht jenes für den Kauf und Verkauf von Aktien oder anderen Wertpapieren im Internet. Die Börsen fungieren als Broker und halten die gehandelten Bitcoins, während die zwei Parteien ganz konventionell Euro oder Dollar per Banküberweisung austauschen. Hier gibt es ein Problem, das noch nicht von allen Börsen gelöst wurde. Eine Banküberweisung kann dauern. Aber was, wenn der Preis binnen eines Tages um 30Prozent fällt (was bei Bitcoin durchaus möglich ist)? In einem fallenden Markt kann es zu Problemen kommen. „Dann kann es Ihnen passieren, dass sich der Käufer einfach davonmacht und sich am nächsten Tag mit einer neuen Mailadresse registriert. Mir ist das passiert. Und man kann nichts machen“, erzählt der deutsche Unternehmer Peter Eich, der nebenbei mit Bitcoin „spekuliert“, wie er sagt – und seinen gesamten Bestand schon vor dem aktuellen Preisanstieg verkauft hat.

4Bitcoin ist in den vergangenen Tagen extrem stark gestiegen, soll ich noch einsteigen?

Die Kursentwicklung bei Bitcoin sieht extrem nach Blase aus. Wie oben beschrieben, kann es bei fallendem Markt jederzeit zu einer Massenpanik in diesem kleinen Markt kommen. So geschehen bei der letzten Bitcoin-Bubble Anfang 2012 – die sich heute (siehe Grafik) fast winzig ausnimmt. Damals wurde die große Mt.-Gox-Börse Opfer von Dieben. Die geklauten Bitcoins wurden zwar später ersetzt, die Panik war aber nicht mehr aufzuhalten, der Preis kollabierte. Auch am gestrigen Donnerstag wurde Mt.Gox wieder attackiert – diesmal aber von Hackern, nicht von Dieben. Die Website war stundenlang offline, aber eine Panik blieb aus.

5Wie kann man eine elektronische Währung stehlen?

Bitcoins sind besonders stark verschlüsselt, damit sie nicht „kopiert“ werden können. Solange Internet und Stromnetz funktionieren, kann man sie als Münzen begreifen (die allerdings in der „echten“ physischen Welt nicht existieren). Diese „virtuell physischen Münzen“ können gestohlen werden – auch von gelangweilten Teenagern mit bisher unentdeckten Computerfähigkeiten. Man kann seine Bitcoins zwar auch online bei eigenen Anbietern speichern, aber der Markt ist so jung und klein, dass sich noch keine vertrauenswürdigen Anbieter durchgesetzt haben.

6Wie könnte es mit Bitcoin weitergehen? Und was sagen offizielle Stellen dazu?

Dass der jetzige Preisanstieg ohne Kollaps so weitergeht ist gelinde gesagt unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist eine Serie von Booms und Busts – solange das grundsätzliche System nicht infrage gestellt wird. „Es kann morgen jemand einen Fehler im Code finden, und das Ding implodiert. Das passiert mit Goldmünzen nicht“, so Peter Eich. Offizielle Stellen sind noch sehr zurückhaltend. In den USA wird darüber nachgedacht, Bitcoin-Börsen dem Bankenrecht zu unterwerfen, um sie besser kontrollieren zu können. Und die EZB gibt sich in einer Studie zum Thema Bitcoin geradezu fasziniert. Bitcoin-Transaktionen wären schneller und günstiger als traditionelle Bank- oder Kreditkartenüberweisungen, so die EZB. Sollte sich Bitcoin stabilisieren, wäre es tatsächlich eine Alternative – auch zu Paypal und Kreditkarten. Dass es sich bei Bitcoin aber um ein sehr schlau gemachtes Pyramidenspiel handle, kann die EZB auch nicht ausschließen. Das kann derzeit niemand.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2013)