Shakespeares große Tragödie als Kleingehacktes

Scott Shepherd
Shakespeares große Tragödie als Kleingehacktes(c) Bruno Pocheron / Brut Wien

Annie Dorsen faschiert im Brut „Hamlet“ per Computerprogramm zum sinnentleerten Fragment. Obwohl Scott Shepherd dazu in „A Piece of Work“ raffiniert spielt, kommt leider bald auch Langeweile auf.

„Exit ghost“ heißt eine Regieanweisung in William Shakespeares „Hamlet“ – dann verschwindet der Geist des ermordeten Vaters so stumm, wie er gekommen ist. Noch häufiger liest man bei dem englischen Renaissancedichter „exeunt“ – dann gehen mehrere Schauspieler ab. Bei den „Hamlet“-Variationen der US-Regisseurin Annie Dorsen flimmern diese Anweisungen des Öfteren in flackernder Bildschirmschrift auf einer Leinwand auf, und eine seelenlose Computerstimme wiederholt dieses „exeunt“.

Sehr viele Zuseher der Premiere von „A Piece of Work“ nahmen dies beim Gastspiel am Wochenende im Brut im Künstlerhaus (der österreichischen Erstaufführung) wörtlich und machten einen frühen Abgang. Sie hatten offenbar genug davon, dass scheinbar planlos mit Shakespeares Text gespielt wurde, dass in immer neuen Schleifen Brocken aus dem Fünfakter zur Sprache kamen. Bei der Dekonstruktion der spannendsten Rachetragödie kann man sogar in maßvollen 65 Minuten leicht ermüden, vor allem, weil die Stimmen aus dem Lautsprecher selbst in den wildesten Passagen der Abrechnung einschläfernd wirken. Dadurch gehen die interessanten Momente einer bizarren Montage letztendlich unter. Diese Inszenierung ist nur etwas für entschlossene Fans experimenteller Literaturaspekte, der Rest wird  durch sie im besten Falle melancholisch, schlechtestenfalls im Groll abgehen.

Worte, Worte, Worte in Endlosschleife

Dorsen durchmisst das Drama mehrfach. Die Bühne, ein viereckiges Podest aus Holztischen, bleibt menschenleer. Aus dessen Mitte ragt eine Nebelmaschine, rechts weht ein Vorhang. Mit ganz wenigen Sätzen werden in einem schnellen ersten Teil Details aus allen Szenen angerissen, nach ein paar Minuten ist der Showdown im fünften Akt erreicht. In einem zentralen Part, bei dem der Schauspieler Scott Shepherd, der in der ersten Reihe sitzt und auf zufällige Textblöcke über Kopfhörer blitzartig reagiert (oder vielleicht neue anregt), entsteht am meisten Spannung. Shepherd hat hohe Musikalität, er kommt richtig in Fahrt im Zweikampf mit dem Computer. Die Töne beginnen zu vibrieren, Lichteffekte werden generiert.

Am Ende aber regiert die Maschine und mischt den „Hamlet“ noch einmal wie in einer Endlosschleife kräftig durch. Das Programm baut offenbar auf der Frequenz der Wörter auf, angeblich auch auf deren emotioneller Aufladung, nicht aber auf deren Sinn. Hamlet wird also konsequent entwertet. Dieses Finale des Zufalls ist leider der entbehrliche Teil. Die Gags brauchen sich bald auf – die Fanfarenklänge, der Nebel, wenn vom Geist die Rede ist, oder dass sich der Vorhang bleich oder blutrot färbt, wenn der Haushofmeister Polonius beim Lauschen vom rasenden Helden erstochen wird. Was steckt dahinter? Was für ein Algorithmus ist der Mensch! Ständig sucht er nach Sinn, immer arbeitet es in seinem Kopf, bis er Geister sieht. Dann steht da: „sys.exit.(0).“