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Sofka Zinovieff: Athen, kein Paradies

Sofka Zinovieff Athen kein
Sofka Zinovieff Athen kein(c) dtv
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Die britische Autorin Sofka Zinovieff verwebt die jüngere Geschichte Griechenlands in eine schwierige Familiensaga. Sie holt sehr weit aus. Ein angenehm erzählter Roman.

Die Geschichte beginnt mit dem Tod. Auf einer hoch gelegenen Athener Straße verunglückt der umtriebige und unbequeme Journalist Nikitas Perifanis, und was er seiner Familie hinterlässt, lässt sich mit einem Wort zusammenfassen: Fragen. Dabei fügt sich Nikitas' Tod nahtlos in die strapaziöse Familiengeschichte der Perifanis, deren emotionales Zentrum das Haus in der Paradiesstraße bildet. „Schon oft hatte ich mir Nikitas' Tod vorgestellt“, schreibt seine Witwe Maud. So unwirklich, wie ihr der Unfall vorkommt, so unwirklich kommt ihr nun auch ihr Leben in Griechenland vor. Wie ist sie, die Britin, eigentlich hier gelandet?

Sofka Zinovieff beginnt ihren Roman „Athen, Paradiesstraße“ in diesem schmerzhaften Augenblick. Dass die Straße das Paradies verheißt, ist in Wahrheit ein zynisches Antonym, denn Zinovieff arbeitet mithilfe der Perifanis die leidvollen Kapitel der jüngeren Geschichte Griechenlands auf. Nikitas ist der Sohn der Kommunistin Antigone, die nach dem griechischen Bürgerkrieg in den 1940er-Jahren in das sowjetische Exil geflohen ist. „Anders als die meisten Flüchtlinge“, schreibt Antigone, „hatte ich jedoch nicht vor, an dem Land festzuhalten, das ich verlassen hatte und in das ich, das hatte ich mir geschworen, nie zurückgehen würde.“ 60 Jahre lang ist sie ihrem Schwur treu geblieben. Nach dem Tod Nikitas, den sie in Athen achtlos zurückgelassen hatte, kehrt sie nervös und mit kalter Seele zurück.

Mit ihrer Schwester Alexandra ist Antigone verfeindet, schon seit ihrer Kindheit. Alexandra hat in die Familie Dimitris eingeheiratet, Opportunisten, die mit den Deutschen und Italienern gemeinsame Sache machen. Mit dem Einmarsch der Nazis und dem Bürgerkrieg beginnt ein reger Widerstand im Untergrund, Antigone und ihr Bruder Marko übernehmen die Botengänge. Antigone ist desillusioniert, als sie das Land verlässt, aber die Geschichte wiederholt sich in anderen Bahnen. Nikitas, der bei seiner Tante Alexandra aufwächst, ist einer der studentischen Kämpfer gegen die Militärdiktatur (1967–1974). Vielleicht eine weniger radikale, aber nicht minder opferbereite Version seiner Mutter.

Antigone ist eine der zwei Erzählerinnen im Roman. Sie wechselt sich mit ihrer Schwiegertochter Maud ab, die für ihr Studium nach Griechenland gekommen ist und dort den 20 Jahre älteren Nikitas kennenlernt. Maud, sie stammt aus einem britisch-bürgerlichen Haushalt, bildet die Verbindungslinie zwischen Antigone und Alexandra. Und sie dient auch als Projektionsfläche für die teils ambivalente und augenscheinlich kaum aufgearbeitete Rolle der Briten in der Geschichte Griechenlands.

Nach dem Tod ihres Mannes will Maud ergründen, warum die Familie derart zersplittert ist. Dabei muss sie bitter zur Kenntnis nehmen, dass sie kaum etwas über ihren Mann weiß. Sein wirkliches Leben scheint sich in der Redaktion und auf den Straßen Athens abgespielt zu haben. Und er war auf der Suche nach etwas. Maud setzt genau dort an, wo Nikitas aufgehört hat. Das Ergebnis ist eine Spurensuche in den eigenen vier Wänden, ein angenehm erzähltes Buch, das sich anfühlt wie ein leichter Wellengang.

Stalins Tod. Zinovieff wühlt tief in den Wunden des griechischen Bürgerkriegs herum – und sie holt sehr weit aus. Sie macht aus beiden Kindern Nikitas ebenfalls regierungskritische Kämpfer, die während der jüngsten griechischen Finanzkrise auf die Straße gehen. Sie nennt eine ihrer Protagonistinnen Antigone und zeichnet Parallelen zur Antigone von Sophokles. Wer diese antike Tragödie kennt, wird in der „Paradiesstraße“ Parallelen finden, letztlich stört das allerdings mehr, als es der Geschichte hilft. Fragmentarisch erzählt Zinovieff auch von der Vertreibung der Griechen aus Smyrna (Izmir).

Vor allem Antigones Schilderungen aus ihrer Zeit in der Sowjetunion sind eindrucksvoll: Zunächst arbeitet sie mit vielen anderen griechischen Exilanten in einer usbekischen Fabrik, ehe sie beim Radio angestellt wird. „Als Stalin starb, musste ich die Todesnachricht im Radio verlesen“, schreibt eine ideologisch verbohrte Antigone, „das war 1953, ich war noch kein Jahr beim Sender, und wir waren starr vor Entsetzen. Stalin hatte uns alles bedeutet.“

Insgesamt hat Zinovieff fast zu viele Zutaten in ihrem Roman, das ist vielleicht auch ein Wermutstropfen. Zudem bewegt sich die Autorin die meiste Zeit in den gesellschaftlich-politischen Randgebieten, sodass der Leser am Ende das Gefühl hat, die Griechen sind entweder extrem rechts oder extrem links. Trotzdem ist das Buch ein schönes Stück, eine Aneinanderreihung von traurig-schönen Momentaufnahmen aus Athen. Die Stadt und die Geschichten, die sie schultert, mögen zwar kein Paradies, aber doch nicht sehr weit davon entfernt sein. Maud zum Beispiel findet hier die Familie, die sie in Großbritannien nie hatte. Mit Maud hat Zinovieff auch biografische Gemeinsamkeiten: Die Autorin ist Britin mit russischen Wurzeln und lebt in Griechenland. „Athen, Paradiesstraße“ ist ihr erster Roman.

Neu Erschienen

Sofka Zinovieff
Athen, Paradiesstraße übersetzt von

Eva Bonné
dtv, 420 S., 16,40 €

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2013)