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Breth: "Shakespeare ging es um politisches Theater"

Breth Shakespeare ging politisches
Andrea Breth(c) APA (Roland Schlager)
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"Hamlet" an der Burg. Regisseurin Andrea Breth im Gespräch mit der "Presse" über die Konsequenz der Rache, das Schnöselhafte wie auch Frauenfeindliche des Titelhelden.

Die Presse: Über Shakespeares „Hamlet", den Sie für das Burgtheater inszenieren sind ganze Bibliotheken geschrieben worden. Fühlt man sich als Regisseur von all dem Material überlastet?

Andrea Breth: Wenn Sie die Sekundärliteratur zu „Hamlet" in meinem Zimmer sehen würden, wüssten Sie, was ich mit Fülle meine. Aber die Beschäftigung damit ist nur eine Phase. Dann kommt die Entscheidung für die Fassung. Wir verwenden die Übersetzung von Schlegel/Tieck. Dort ist die Tiefe der Sprache am besten verwirklicht - nicht melancholisch und süßlich, sondern ganz schön scharf. Diese Übersetzung schien mir dem Inhalt am nächsten zu liegen. „Hamlet" begleitet einen ein Leben lang.

Was macht seinen Reiz aus?

Das Stück ist hoch kompliziert und spannend. Shakespeare ist so genial im Denken, dass einem schwummrig wird. Und er ist ein fantastischer Schreiber fürs Theater, so voller Ökonomie. Er überlegt zum Beispiel genau, wann Hamlet nicht auftritt, Pausen braucht. Der Schauspieler würde sonst nämlich umfallen. Das ist beste Theaterpraxis.

„Hamlet" ist Shakespeares längstes Drama. Werden Sie den Text für die Aufführung kürzen?

So gut wie gar nicht. Man wird mich umbringen. Aber wenn man „Hamlet" erzählen möchte, muss man das von A bis Z tun. Da gibt es keinen überflüssigen Satz.

Es ist die geniale Version einer Rachetragödie. Warum hat sich Shakespeare solch ein plattes Genre gesucht für so viel Innerlichkeit?

Unter all den Fragen ist eine für das Werk zentral: Was zieht Rache nach sich? Krieg. Hamlet hat ein absolut nachvollziehbares Problem. Er soll die Rache an seinem Onkel Claudius vollziehen, der Hamlets Vater ermordet hat, und wird selbst zum Mörder. Er ermordet Polonius, ermordet Rosenkranz und Güldenstern. Shakespeare ging es um politisches Theater. Aber auch die religiöse Frage hat ihn beschäftigt: Im Text kommen sehr oft die Worte Hölle, Himmel und Fegefeuer vor. Hamlets Vater war offensichtlich katholisch. Die Katastrophe ist, dass er ohne Beichte stirbt. Hamlet kommt soeben zurück aus Wittenberg, wo die Protestanten sitzen. Da kriegt man die Sinnkrise.

Wo steht in dieser Konstellation der neue König?

Dass Claudius den Bruder umgebracht hat, steht nicht zur Debatte. Aber er konnte ihn ja auch aus politischen Gründen getötet haben. Der alte Hamlet war sehr kriegerisch. Claudius hingegen setzt auf Diplomatie, das zeigt sich in seiner ersten Rede an den Staat. Ihn nur negativ zu sehen, wäre falsch. Wäre er ein eiskalter Politiker, würde er etwas erfinden, um Hamlet sofort beseitigen, weil der ihn gefährden könnte. Aber Claudius liebt Gertrud. Er würde ihre Liebe verlieren, wenn er ihren Sohn tötete. Claudius muss unglaublich viel aushalten. Und er will auch den Staat reformieren. Wäre nicht das Übel mit dem Tod des Vaters, würden Hamlet und Claudius ähnlich denken. Sie haben die gleichen humanen Vorstellungen. Nur das Faktum der Rache führt in die größte Zerstörung. Es ist das Ansinnen Shakespeares, dies zu zeigen. Außerdem vergeht im Stück an sich unendlich viel Zeit. Es dauert Monate, bis Hamlet zu Potte kommt.

Woraus resultiert letztendlich das berühmte Zögern des Titelhelden?

Das kann man ganz einfach erklären. Nehmen wir an, Sie kriegen einen solchen Auftrag und sind an sich kein Mörder, sondern ein sensibler Mensch. Da laufen Sie nicht sofort los und vollstrecken den Mordauftrag. Die kompliziertere Frage ist: Wie spielt man heute den Hamlet und wo? Die legendäre Interpretation von Wladimir Semjonowitsch Wyssozki (1938 - 1980) zum Beispiel machte diesen Darsteller in der Sowjetunion zum Hamlet schlechthin. Ich wollte wissen, wie er ihn spielte, und hatte das Glück, dass mir der Regisseur Andrzej Wajda das einmal bei einem Gastspiel in Polen vorzeigte. Dieser Hamlet war so todessüchtig, dass er fast eingeschlafen ist. Es hat funktioniert, die Leute haben verstanden. Hamlet blieb keine Art von Widerstand mehr, weil er sinnlos gewesen wäre. In Deutschland oder Frankreich hätte diese Interpretation damals nicht gewirkt, dort gab es eine andere Situation.

Welche Situation gibt es heute bei uns?

Wir müssen uns fragen, wo es überhaupt noch Widerstand gibt. Man kann Hamlet auch als einen unglaublichen Schnösel sehen. Schon bei der Regierungserklärung stellt er seine Mutter öffentlich bloß. Da fragt man sich: Junge, wie alt bist du denn? Ist er so rasend eifersüchtig? Er war doch jahrelang weg. Oder liegt es in seinem Charakter? Früher nannte man das „melancholia". Sie hat nicht nur etwas in sich Gekehrtes, sondern auch unheimlich aggressive Seiten. Diese vielen Schattierungen muss der Schauspieler des Hamlet verwalten.

Und den gespielten Wahnsinn?

Hamlet entscheidet sich für den vorgetäuschten Wahnsinn, aber je länger man ihn spielt, desto schwerer kommt man da wieder heraus. Dann ist man plötzlich wahnsinnig. Am meisten interessiert mich Hamlets Brief an Ophelia, der von ihrem Vater Polonius vorgelesen wird. Er ist mit „Maschine Hamlet" unterschrieben. Da wird ein Motor in Gang gesetzt, der nicht mehr aufzuhalten ist. Alle kommen um, bis auf einen, Horatio. Der ist eine höchst schillernde Figur, ein gefährlicher Mann.

Will Hamlet Ophelia schützen, indem er sie von sich weist?

Naja, der Mann hat doch ein ganz grauenhaftes Frauenbild. Seine Mutter sieht er als Hure. Wenn er Ophelia empfiehlt, in ein Nonnenkloster zu gehen, ist das doppeldeutig, „nunnery" bedeutet auch „Bordell". Er stellt ihre Zuwendung komplett in Frage. Außerdem geht Hamlet davon aus, dass seine Gespräche belauscht werden.

Ist dieser temporeiche, vielschichtige Text mit seinen Überforderungen für Sie nach all der Vorbereitung noch geheimnisvoll geblieben?

Nein, das ist er gar nicht. Das hat man im Vorfeld zu klären. Es gibt exzellente Ausgaben wie den Arden-Shakespeare samt zehntausender Fußnoten. Mit der Geschwindigkeit der Sprache haben Sie aber völlig Recht. Es ist nicht machbar, das alles aufzunehmen, alles ist hoch kompliziert, und wir sind jetzt bei den Proben mittendrin in der Putzarbeit. Nehmen Sie allein Hamlets Monologe. Die sind völlig unterschiedlich. Da kann man nicht diesen typischen Ton von „Sein oder Nichtsein?" wählen. Der erste Satz endet übrigens mit einem Fragezeichen. Hamlet ist ein Vernunftmensch, der in etwas völlig Irrationales gerät, durch die Erscheinung des Vaters.

Hamlet gibt der Schauspieltruppe, die den König durch ihre Vorstellung entlarven helfen soll, Tipps, wie man auf der Bühne agieren muss. Es geht vor allem um Selbstbeherrschung und den rechten Ton. Sind das gute Ratschläge?

Absolut. Diese Szene im 3. Akt ist mir ein besonderes Labsal. Es macht sich heute eine Art von Theater breit, die mir persönlich nicht zusagt, die es sich bequem macht und die Sprache verflacht. Das ist eine Verarmung. Ich finde grandios, was Hamlet sagt.

Sie haben noch nicht viele Dramen von Shakespeare inszeniert. Waren Sie aus Respekt oder gar aus Demut zurückhaltend?

Ich habe von ihm bisher nur „Was ihr wollt" inszeniert, in Bochum. Das war es schon. Mit „Hamlet" war ich vorsichtig, habe mich erst spät daran gewagt. Man braucht dafür eine bestimmte Reife und Könnerschaft. Wenn aber die praktische Arbeit beginnt, muss man das alles vergessen, sonst geht es gar nicht. Wenn man zu demütig ist, wird es schlecht. Man muss Entscheidungen treffen, In diesem Stück wird alles behandelt. Aber man kann nicht alles auf die Bühne bringen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2013)