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Ungebrochene Dynamik

Mehr Wissenschaft als bei der Erarbeitung des Weltklimaberichts durch den UN-Klimabeirat geht eigentlich gar nicht.

Presse“-Redakteur Jürgen Langenbach erweckte in seinem Beitrag „Globale Erwärmung: Viel heiße Luft wird abgelassen“ (19.9.) den Eindruck, der UN-Klimabeirat IPCC habe mit seinem letzten Weltklimabericht gewagte Prognosen aufgestellt und müsse jetzt „zurückrudern“. Ohnedies sei die Glaubwürdigkeit des UN-Klimabeirats von Fehlern und Skandalen zerrüttet.

Dieser Darstellung liegt ein fundamentales Missverständnis zugrunde, was der UN-Klimabeirat ist und wie er arbeitet. Seine Kernaufgabe ist es, etwa alle sechs Jahre den aktuellen Wissensstand der Klimaforschung weltweit zusammenzufassen. Der IPCC geht dabei mit einem Aufwand vor, der in der Wissenschaftsgeschichte einzigartig ist. Mehr als 800 Wissenschaftler aus rund 90 Ländern sichten Tausende von Studien und filtern heraus, was als gesichert gelten kann.

In zwei Korrekturrunden gehen Zehntausende von Expertenkommentaren ein. Danach wird gemäß Auftrag von 195 Regierungen dieses Wissen verständlich zusammengefasst. Da sich die Wissenschaft in sechs Jahren weiterentwickelt, ist es völlig normal, dass die Resultate gewisse Veränderungen erfahren. Das hat nichts mit „zurückrudern“ zu tun. Zudem haben sich keine zentralen Erkenntnisse verändert, sondern lediglich die Bandbreiten der möglichen Entwicklungen etwas verschoben.

 

IPCC lernt ständig aus Fehlern

Von einer „von Fehlern und Skandalen zerrütteten Glaubwürdigkeit“ des IPCC zu sprechen entbehrt jeglicher Grundlage. Nur ein einziger wesentlicher Fehler in einem Bericht von Tausenden von Seiten mit vielen hundert Autoren ist kein Skandal, sondern vielmehr ein Qualitätszeichen. Die Arbeit keiner anderen Wissenschaftseinrichtung ist von verschiedenen Gremien so eingehend durchleuchtet worden wie die des IPCC – immer mit dem Ergebnis, dass die Vorwürfe unbegründet waren.

Es ist klar, dass auch im IPCC nicht alles perfekt läuft. Dies ist bei einer Beteiligung von Hunderten von Menschen schlicht nicht möglich. Der IPCC versucht immer, aus Fehlern zu lernen und seine Arbeit ständig zu verbessern.

Ja, auch in der Klimaforschung gibt es viele offene Fragen. Doch die Wissensbasis ist breit und sehr fundiert. Der jetzt veröffentlichte fünfte Weltklimabericht kommt zum klaren Ergebnis, dass die Dynamik des Klimawandels ungebrochen ist und dass menschliche Treibhausgasemissionen hierfür entscheidend verantwortlich sind.

Dieser Befund ist so klar wie nie zuvor. Daran ändert auch der Verweis darauf nichts, dass die Erwärmung seit 15 Jahren „stillsteht“. Erstens tut sie das nicht wirklich, nur die Rate der Erwärmung hat sich verlangsamt. Daraus abzuleiten, es gebe kein Klimaproblem mehr, ist in etwa so sinnvoll, wie wenn man bei einem Tuberkulosekranken ein zurückgehendes Fieber misst und zu dem Schluss kommt, er sei nun geheilt. Es gibt plausible Gründe dafür, auch wenn detaillierte Gründe für die kurzfristigen Schwankungen des Klimasystems schwierig zu erfassen sind.

Auch beim Wissen zum Klimawandel wird es nie hundertprozentige Sicherheit geben. Die Diagnose ist gestellt, von Tausenden von Experten. Selbst wenn das Ausmaß der Folgeschäden nicht in jedem Detail bekannt ist, ist es an der Zeit, mit der Therapie zu beginnen.

Prof. Dr. Helga Kromp-Kolb leitet das Institut für Meteorologie der Universität für Bodenkultur Wien.
Carel C. Mohn ist Projektleiter von www.klimafakten.at.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2013)