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Drama vor Lampedusa: Mindestens 130 Tote

Flüchtlingsdrama vor Lampedusa:
Flüchtlingsdrama LampedusaREUTERS
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Ein Boot mit Migranten brannte vor der italienischen Insel Lampedusa und kenterte schließlich. 250 Menschen werden noch vermisst. Ein mutmaßlicher Schlepper wurde festgenommen.

Bei einer der schlimmsten Flüchtlingstragödien im Mittelmeer sind Donnerstag früh mindestens 133 Migranten in den Gewässern vor der süditalienischen Insel Lampedusa ums Leben gekommen. Etwa weitere hundert Leichen befanden sich unter dem Wrack des Bootes, das mit rund 500 Flüchtlingen gekentert ist, meldeten italienische Medien unter Bezug auf Behördenvertreter. 155 Menschen konnten gerettet werden.

Zunächst waren 93 Leichen geborgen worden, später entdeckten Taucher der Küstenwache weitere 40 Tote in und neben dem gekenterten Boot. Die Zahl könnte aber noch steigen. Das Boot lag in etwa 40 Metern Tiefe unweit von Lampedusas kleiner Nachbarinsel Isola dei Conigli. Die Suche nach Vermissten werde mithilfe von Tauchermannschaften und Flugzeugen fortgesetzt, sagte ein Sprecher der Rettungseinheiten. Große Hoffnung gebe es aber nicht mehr. Ein mutmaßlicher Schlepper aus Tunesien, der die Überfahrt der Flüchtlinge nach Lampedusa organisiert haben soll, wurde festgenommen.

Die Flüchtlinge kamen größtenteils aus Eritrea und Somalia und waren in Libyen Richtung Lampedusa aufgebrochen. Einige Überlebende berichteten, sie hätten ein Feuer an Deck entfacht, in der Hoffnung, vorbeifahrende Schiffe auf sich aufmerksam zu machen. Dabei merkten sie nicht, dass sich Benzin auf dem Deck befand. Das Boot geriet in Flammen, in Panik geratene Migranten sprangen ins Wasser. Dabei kippte das ganze Boot um und sank später.

Flüchtlingsinsel Lampedusa

Die kleine italienische Mittelmeerinsel Lampedusa südlich von Sizilien ist wegen ihrer Nähe zu Afrika seit Jahren für Bootsflüchtlinge das Tor nach Europa. Die Küste Tunesiens ist nur 130 Kilometer entfernt. Mit etwa 20 Quadratkilometern ist Lampedusa die größte der Pelagischen Inseln. Das Eiland hat etwa 5000 Einwohner.

"Es ist ein absoluter Horror"

Rettungsteams in dem kleinen Hafen von Lampedusa mussten eingehüllte Leichen nebeneinander aufbahren. „Es ist ein absoluter Horror. Aus den Booten wird eine Leiche nach der anderen geholt“, berichtete die Bürgermeisterin von Lampedusa, Giusi Nicolini, die sich am Hafen der Insel befand. „Ich habe die Rettungseinheiten gebeten, mir die Situation zu beschreiben: Sie haben geantwortet, dass das Meer voller Toter ist“, sagte Nicolini. Mitglieder der Rettungskräfte brachen vor dem Anblick der vielen Leichen in Tränen aus.

Erschüttert zeigte sich auch Innenminister Angelino Alfano, der nach Lampedusa gereist war, um die Suchaktion zu koordinieren. „Ich habe Dutzende von Leichen gesehen, eine horrende Szene, die ganz Europa und den ganzen Westen demütigt. Ich hoffe, dass Europa nach dieser Tragödie endlich die Augen öffnet“, betonte Alfano. 120 Särge sollen am Freitag mit einem Militärflugzeug aus Sizilien eintreffen.

Dutzende Leichen wurden aus dem Wasser geborgen.
Dutzende Leichen wurden aus dem Wasser geborgen.(c) Reuters (Nino Randazzo)

Italiens Premier Enrico Letta berief eine Ministerratsitzung in Rom ein. Dabei wurde der morgige Freitag zum nationalen Trauertag erklärt. Papst Franziskus zeigte sich über das neue Flüchtlingsdrama im Mittelmeer erschüttert. Über Twitter ersuchte der Heilige Vater um Gebete für die Todesopfer. Die neue Migrantentragödie bezeichnete er als „Schande“. Erst im Juli hatte der Pontifex Lampedusa besucht. Er wollte auf das Schicksal tausender Bootsflüchtlinge aufmerksam machen, die ihr Leben riskierten, um nach Europa zu gelangen. Der Papst hatte damals mehrere Migranten getroffen.

Die italienische Politik drängt die EU zu einschneidenden Maßnahmen zur Bekämpfung der illegalen Migration über das Mittelmeer, die wegen der Situation in Syrien und Ägypten in den vergangenen Monaten stark zugenommen hat. Gemeinsame Initiativen gegen den Menschenhandel seien angesichts dieser Tragödie eine absolute Notwendigkeit, betonte Italiens Staatschef Giorgio Napolitano. Er rief die EU auf, der EU-Grenzschutzeinheit Frontex mehr Mittel zur Verfügung zu stellen. Die Präsidentin der italienischen Abgeordnetenkammer, Laura Boldrini, ehemalige Sprecherin des Flüchtlingswerks UNHCR, warnte vor einer „Globalisierung der Gleichgültigkeit“. Das Drama vor Lampedusa sei das Ergebnis fehlender Beschlüsse in punkto Migrationspolitik, protestierte Boldrini.

Lega Nord fordert schärfere Gesetze

Die ausländerfeindliche Oppositionspartei Lega Nord forderte die Regierung auf, die Einwanderungsgesetze zu verschärfen. Sie verlangte mehr Patrouillen an den Küsten, um den Menschenhandel über das Mittelmeer aktiver zu bekämpfen. Ex-Premier Silvio Berlusconi beschuldigte die EU, Italien im Umgang mit dem massiven Flüchtlingsstrom aus Nordafrika allein gelassen zu haben. “Die EU hat sich stets dem Drama gegenüber desinteressiert gezeigt, das Italien allein bewältigen muss“, kritisierte Berlusconi.

Ein Sprecher von EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström rief die EU-Staaten zu Solidarität bei der Unterbringung der Flüchtlinge auf. Er verwies auf die temporäre Schutzklausel, die Migranten kollektiv Asyl einräumen würde. Allerdings sei dieses Instrument noch nie angewendet worden. Es sei nur bei einem Flüchtlingsansturm einzusetzen, wobei die Definition aber auch nicht klar sei und keine Schwellenwerte oder konkrete Zahlen existierten.

Europarat fordert Engagement von Europäern

Der Europarat hat nach dem tödlichen Flüchtlingsdrama vor der italienischen Insel Lampedusa ein konkretes Engagement der Europäer gefordert, um derartige Tragödien in Zukunft zu verhindern. "Nach diesem entsetzlichen Drama appelliere ich dringend an die Mitgliedsländer, sich konkret zu engagieren", sagte am Donnerstag in Straßburg der französische Präsident der parlamentarischen Versammlung des Europarates, Jean-Claude Mignon.

Die Abgeordneten der 47 Europaratsländer hatten zuvor in einem Berichtsentwurf des Migrationsausschusses Italien aufgefordert, eine entsprechende Einwanderungspolitik zu entwickeln. Dazu gehöre die Identifizierung und Registrierung von illegalen Einwanderern, Asylsuchenden und Flüchtlingen, hieß es. Die Regierung in Rom sollte sicherstellen, dass Menschen, die illegal nach Italien einwanderten, nicht in andere Europaratsländer weiterreisen könnten.

 

(APA)