Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

"Saudiarabien plant Interventionstruppe für Syrien"

Saudische Truppen bei einer Parade
Saudische Truppen bei einer ParadeREUTERS
  • Drucken

Das saudische Königshaus soll eine bis zu 50.000 Mann starke irreguläre Expeditionstruppe in Pakistan ausbilden lassen, um Syriens Diktator Assad zu stürzen und Irans Einfluss in Syrien entgegenzutreten.

Wenn dieser Bericht wahr ist, könnte er im syrischen Bürgerkrieg, ja in der gesamten nahöstlichen Region wie eine Bombe einschlagen: Saudiarabien plant angeblich, eine Interventionstruppe aufzustellen, um das Regime des syrischen Diktators Bashar al-Assad zu stürzen, das seinerseits vom Iran unterstützt wird - dieser schiitische Gottesstaat ist der Erzrivale des nicht minder religiös fundierten Sunnitenkönigreichs am Golf. Und: Die Interventionstruppe soll in Pakistan ausgebildet werden.

Dies behauptet jedenfalls der Politik-Analyst Jazid Sayigh vom Washingtoner Think-Tank der „Carnegie Stiftung für den Internationalen Frieden". Er will Informationen besitzen, wonach das saudische Königshaus König Abdullahs 40.000 bis 50.000 Mann für den Syrien-Einsatz im Rahmen einer Art Söldnertruppe rekrutieren will. Von ihnen sollen vorerst bis zu 10.000 Mann im Rahmen von zwei Brigaden in Pakistan gleichermaßen in Guerillakampf und Guerillabekämpfung geschult und dann nach Syrien geschickt werden, wie auch Politanalyst David Kenner vom Magazin „Foreign Policy" berichtet. Der Zeitrahmen für die Operation sei unbekannt.

Auslöser des Ganzen soll ein massives Zerwürfnis mit den USA sein, weil diese im Oktober davon abgesehen hatten, nach den Giftgaseinsätzen der syrischen Armee einen Militärschlag gegen das Land zu führen: Die USA hatten sich stattdessen mit Russland und anderen Staaten darauf geeinigt, vorerst Syriens Chemiewaffenarsenal durch UN-Experten zu eliminieren, was auch derzeit vor Ort geschieht.

Assads Überlebensader aus Teheran

Der weitere Hintergrund ist freilich erstens die latente Feindschaft Saudiarabiens mit dem nicht-sunnitischen Herrscherhaus der Assads in Damaskus: Dieses und der oberste syrische Führungszirkel gehören der im Grunde schiitischen Sekte der Alawiten an. Zweitens ist es den Saudis unheimlich, dass in dem bald drei Jahre währenden Bürgerkrieg in Syrien die Regierungsarmee zuletzt die Oberhand über die Aufständischen errang, und zwar vor allem dank massiver Militärhilfe aus dem Iran: Berichten zufolge sollen bis zu 20.000 iranische Militärberater und sogar reguläre Kampftruppen in Syrien stehen. Sie haben Syriens Armee neu strukturiert und motiviert und die Erfolge der vergangenen Monate wesentlich ermöglicht.

Iranische Revolutionsgarden sind in Syrien
Iranische Revolutionsgarden sind in Syriendefencenetwork.com

Gleichzeitig, so Sayigh, gehe es den Saudis aber auch darum, den extremen sunnitischen Islamisten in Syrien wie der „al-Nusra-Front" entgegenzutreten, deren Rebellenfraktionen extrem brutal kämpfen und zu den effektivsten wie gefürchtetsten Rebelleneinheiten gegen Assad zählen. Diese sind ihrerseits sogar mit den meisten übrigen, religiös gemäßigten bis weltlichen Rebelleneinheiten verfeindet und werden nur des gemeinsamen Feindes wegen als Genossen geduldet oder erduldet. Und: Das saudische Königshaus gilt ihnen als verweichlicht, unislamisch und Paktierer mit dem Westen.

Ist Frankreich eingeweiht?

Sayigh und andere informierte Personen sagen, dass die Hauptarchitekten der Interventionstruppe drei Prinzen des saudischen Königshauses sind: Außenminister Prinz Saud al-Faisal (er amtiert seit 1975, der längstdienende Außenminister der Welt); ferner Geheimdienstchef Prinz Bandar bin Sultan sowie Vizeverteidigungsminister Prinz Salman bin Sultan. Sayigh zufolge sei der Plan schon mit ausländischen Kreisen diskutiert worden, darunter mit den Außenministern von Jordanien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Beide sowie der saudische Außenminister sollen dabei Mitte September wie durch Zufall gleichzeitig zu Besuch bei Frankreichs Präsident François Hollande gewesen sein. Es ist unbekannt, ob die Franzosen, die eine Militärbasis in den Emiraten unterhalten, eingeweiht wurden.

Der frühere saudische Geheimdienstchef, Prinz Turki al-Faisal, hatte ebenfalls vor einiger Zeit angedeutet, dass man den „Mainstream" der syrischen Rebellen stärken und vor den dschihadistischen Extremisten, die vor allem aus dem Irak und Afghanistan einsickern, schützen müsse.

Die Freunde in Islamabad

Wieso Pakistan als Ausbildungsland in Frage kommen könnte liegt auf der Hand: Erstens natürlich wegen der ausreichenden Kriegserfahrung der pakistanischen Truppen, gerade auch im Einsatz gegen Aufständische. Zudem sind beide Staaten sunnitisch, haben gute Beziehungen miteinander, und auch Pakistan kann nicht allzugut mit dem Iran. Der amtierende Premierminister Pakistans, Nawaz Sharif, hatte bei den Saudis Asyl bekommen, nachdem er 1999 durch einen Militärputsch gestürzt worden war. Er kehrte erst vorigen Juni an die Regierung zurück.

Beide Staaten waren Verbündete als es darum ging, die Sowjets nach deren Invasion in Afghanistan 1979 zu bekämpfen und die „Mudschaheddin" zu unterstützen. Zudem sind in den saudischen Streitkräften, die selbst in ihren Reihen viele Söldner haben, viele Pakistani tätig, vor allem in der Luftwaffe und bei Spezialtruppen.

Gerüchte um Atomwaffen für Saudis

Und: Riad gilt als als Co-Finanzier des pakistanischen Atomwaffenprogramms. Nicht zuletzt deshalb tauchten dieser Tage anlässlich der Genfer Verhandlungen um Irans Atomprogramm Gerüchte auf (die britische BBC berichtete darüber), wonach in Pakistan mehrere nukleare Sprengköpfe auf Abruf bereitstünden, sollte Saudiarabien danach verlangen.

Sayigh warnt freilich, dass eine saudische Rebellenexpeditionstruppe für Syrien die Lage verschlimmern könnte, weil sie weiteren Unfrieden unter die dortige Rebellenfront säen und in Wahrheit die im Ausland anerkannten Führer der „Freien Syrischen Armee" faktisch schwächen würde. Zudem sei es möglich, dass sich Teile der Interventionstruppe von ihren Auftraggebern abwenden könnten, wie es bei vielen Mudschaheddin in Afghanistan geschah, die sich nach dem Abzug der UdSSR 1989 gegen ihre Sponsoren wandten und heute Teile Pakistans faktisch beherrschen.

König Abdullah vor schweren Einheiten der Nationalgarde
König Abdullah vor schweren Einheiten der NationalgardeSANG

Ein offener Einsatz regulärer saudischer Truppen in Syrien dürfte ausgeschlossen sein. Die Landstreitkräfte der saudischen Armee zählen etwa 75.000 Mann, die gut und schwer gerüstet sind, aber keine nennenswerte Kampferfahrung haben. Als weit effektiver gilt die Nationalgarde, die 75.000 bis 100.000 Mann umfasst, nach traditionellen Mustern aus Stämmen rekrutiert wird und direkt dem König, nicht dem Verteidigungsminister untersteht, also im Grunde des Monarchen Privatheer ist. Nationalgardisten kämpfen im Jemen gegen Islamisten und standen auch im Golfkrieg 1990/91 an vorderster Front gegen den Irak. Diese Truppe könnte die wichtigste Personalquelle für eine Syrien-Intervention sein.