Die Machtspiele einer Künstlerin

Schauspielhaus
Schauspielhaus(c) Clemens Fabry

Im Drama „Queen Recluse“ schreibt der Schauspieler und Autor Thiemo Strutzenberger die Biografie der Dichterin Emily Dickinson neu: interessant.

Eine Verwandte von „Frankenstein“-Erfinderin Mary Shelley oder Intellektuellen-Idol Virginia Woolf, das war wohl Emily Dickinson (1830–1886), die wie ihre Kolleginnen den langen Kampf der modernen Frau gegen traditionelle Rollenbilder und für Selbstbestimmung schreibend begleitete.

Der oberösterreichische Schauspieler und Autor Thiemo Strutzenberger erkundet das Leben der Dichterin aus ungewöhnlicher Perspektive. Nicht ihre Gedichte spielen eine Rolle, sondern der Raum: Dickinson verbrachte ihr ganzes Leben im Haus ihres Vaters, eines calvinistischen Rechtsanwaltes, in Amherst, Massachusetts.

„Queen Recluse“, das Stück über die Einsiedlerin, die Königin in ihrer Klause, wurde Donnerstagabend im Schauspielhaus uraufgeführt, inszeniert von Martin Schmiederer, der sich mehr auf die humorvollen Seiten des Textes hätte einlassen können. Wer sich nicht anpasst, wird pathologisiert – wie auch Dickinson. Strutzenberger setzt sich scharf von Vorurteilen ab und zeigt die Poetin als Exzentrikerin, die eine Liebschaft mit ihrer Schwägerin hat, aber auch einen unsichtbaren „Master“ anschwärmt. Das einstündige Drama ist reich an Motiven, die von der inneren Emigration angesichts des US-Bürgerkrieges über Gedanken zum Draußen und Drinnen in der heutigen Welt der Globalisierung bis in die privaten Abgründe einer Künstlerin reichen, die ihre Umwelt gnadenlos manipuliert.

 

Herrlich: Der lästige Kritiker

Barbara Horvath als Emily mustert ihre Kontrahenten mit stechendem Blick und klopft sie auf Schwachstellen ab, in die sie prompt einhakt. Diese Frau wirkt mehr bedrohlich als bedroht. Myriam Schröder als Susan wird ruckzuck in Emilys Bann gerissen und ist wie besessen von ihr. Emilys Bruder, Austin – Gideon Maoz, der gleichzeitig auch Emilys Schwester, Lavinia, spielt –, ignoriert, was seine Angetraute treibt und schaut in seine Bücher. Köstlich: Steffen Höld als Literaturkritiker, den Emily im Garten anschießt. Er überlebt und nervt sie weiter mit seinen Plattitüden über vermeintliche Geheimnisse der Dichterexistenz.

Die großartigen Schauspieler kommen bestens mit dem schwierigen Text und Strutzenbergers mitunter kompliziert verschwurbelten Gedanken zurecht – besonders verwickelt scheinen diese bei der Kapitalismuskritik. Die Sprache erinnert teilweise zu sehr an Elfriede Jelineks Wortketten- und Versprecher-Reihen (Karl Marx, Karl May; Terrorist, Tourist) und an Peter Handke. Insgesamt trotzdem: ein spannender (Frauen-)Abend.

Wer mehr wissen möchte: Dickinsons Gedichte sind im Internet nachzulesen – auch der Essay „Interior Chambers“ von Diana Fuss, der Strutzenberger als Ausgangspunkt für sein Stück diente. Die Wirkung des Raumes auf den Geist? Das klingt wie ein Thema aus dem elfenbeinernen Turm, es erweist sich aber als kulturgeschichtlich höchst facettenreich.