Kobuk-Blog über "Österreich": "Zitate sind so gefallen"

Der Blogeintrag ''Mein erster (und letzter) Tag in der 'Österreich'-Redaktion'' auf Kobuk.at
Der Blogeintrag ''Mein erster (und letzter) Tag in der 'Österreich'-Redaktion'' auf Kobuk.at(c) Kobuk.at

Der Medienwatchblog veröffentlichte im Eintrag "Mein erster (und letzter) Tag in der 'Österreich'-Redaktion" teils heftige Zitate von Herausgeber Fellner, ohne sie autorisieren zu lassen. Wurden Grenzen überschritten?

Seit Mittwochnachmittag ist die Medienwatchblog Kobuk.at nur noch im Schneckentempo erreichbar, denn die Anzahl der Zugriffe sprengt die Grenzen der Server. Konkret: Jene auf den Blogeintrag über die Undercover-Reportage "Mein erster (und letzter) Tag in der 'Österreich'-Redaktion" des Jungjournalisten Markus R. Leitgeb. Zitiert werden darin Herausgeber Wolfgang Fellner und Christoph Hirschmann, einer der Chefredakteure, mit teils heftigen Aussagen: Die zuletzt vom österreichischen Fußball-Nationalteam kritisierte Zeitung mache nicht Boulevard sondern Qualität und man müsse der Konkurrenz "in die Goschn hauen", so Fellner dem Blogeintrag zufolge. Die Zitate sollen bei der Einführungsveranstaltung zur "Österreich"- Journalistenakademie, für die Leitgeb sich beworben hatte, gefallen sein. Auf den sozialen Netzwerken Facebook und Twitter wurde der Text, der übrigens zuerst als offener Brief auf einem Blog erschien, tausendfach geteilt und kommentiert. Nun diskutiert die Branche: Hat der Artikel jene ethischen Grenzen verletzt, die er kritisiert? Ist es gerechtfertigt, sich von "Österreich" einladen zu lassen und dann darüber zu berichten? Und hätte Leitgeb bei Fellner nachfragen, die Zitate autorisieren lassen müssen?

In Ausnahmefällen dürfe man - das ist im Ehrenkodex für die österreichische Presse festgehalten - versteckt recherchieren, sagt Alexander Warzilek, Geschäftsführer des Österreichischen Presserats. Wenn das Interesse der Öffentlichkeit groß ist, darf die Verschwiegenheit gebrochen werden. In diesem Fall scheine ihm das gerechtfertigt, denn die Öffentlichkeit habe Interesse daran zu wissen, wie eine Zeitung arbeite und ob gewisse Mindeststandards eingehalten werden. Auch wenn im Fall von Kobuk die Grenzen zum Journalismus fließend sind, könne man sich - wenn vielleicht nicht auf Pressefreiheit - auf alle Fälle auf die Meinungsfreiheit berufen.

"So sollten sich Medien nicht verhalten"

Interessant sei in diesem Fall das Zitat Fellners über Exklusivgeschichten, mit denen man bei ihm Eindruck machen könne: "Wenn einer von euch nach Annaberg fährt, die Freundin des Amokläufers findet, die ihm unter Tränen ein Interview gibt und er ein Video davon macht , dann werde ich mir denjenigen sicher gut merken", wird der Zeitungsmacher im Blogeintrag wiedergeben. Jemanden in einer solchen Extremsituation zu interviewen, sei ethisch nicht in Ordnung, sagt Warzilek. "So sollten sich Medien nicht verhalten."

Fellner selbst hat der Autor der Reportage nicht mit den Aussagen konfrontiert. Erst die Branchenportale "Horizont" und "Etat" haben nachgefragt. Die Zitate seien völlig aus dem Zusammenhang gerissen und verdreht worden, so der Herausgeber. Vor allem jenes über das Verhältnis zwischen "Heute" und "Österreich" will er so nicht stehen lassen. Was er gesagt habe, so Fellner im "Horizont" sei vielmehr: "Auch wenn es so aussieht, als würden sich die beiden Zeitungen täglich in die Goschn hauen, sind die meisten Redakteure der beiden Zeitungen privat bestens befreundet und treffen sich sogar nach dem Job. Trotzdem will jeder den anderen natürlich bei den Geschichten schlagen."

Damit stehe Aussage gegen Aussage, so der Presserats-Geschäftsführer. Man müsste die anderen Teilnehmer der Einführungsveranstaltung befragen, vielleicht könne Leitgeb die Zitate auch mit seinen Aufzeichnungen belegen.

"Die Zitate sind so gefallen"

"Die Zitate sind so gefallen", sagt Leitgeb gegenüber DiePresse.com. "Ich habe mir generell Notizen gemacht, der Rest ist Gedächtnisprotokoll." Zudem habe man sich doppelt rechtlich abgesichert, bevor der Artikel auf dem Medienwatchblog online ging. "Erstens durch einen Anwalt und außerdem waren noch zwölf andere Leute im Raum", die die Aussagen bezeugen könnten, so Leitgeb. Von diesen Teilnehmern habe sich bisher noch niemand gemeldet. Auch der "Österreich"-Herausgeber habe sich nicht gerührt.

Man habe Fellner nicht Stellung beziehen lassen, "weil aus dem Text klar hervorgeht, dass das eine subjektive Meinung ist", sagt Yilmaz Gülüm von Kobuk.at. Außerdem habe man erwartet, dass der "Österreich"-Herausgeber die Zitate abstreite. Im Nachhinein sei er der Meinung, man hätte ein Statement einholen sollen, sagt der Journalist und Lektor. "Nicht weil es die Story gebraucht hätte, sondern weil es uns Diskussionen und Vorwürfe erspart hätte, die vom eigentlichen Thema ablenken."

Zwar versteht Leitgeb die Kritik an der Reportage, aber "das ist ein Blogeintrag, keine journalistische Geschichte", so der 22-Jährige. "Ich hatte nie die Absicht, über den Redaktionsbesuch zu berichten. Ich bin auf Jobsuche und dachte, ich schau's mir mal an. Was sich dort abspielte, hat mich aber zu meinem Bericht bewogen." Dass sein Text so große Wellen schlägt und von manchen gar mit Wallraffs "Bild"-Reportage verglichen werde, überrasche ihn, so Leitgeb. "Aber ich finde es gut, dass es ein solches Interesse an Qualitätsstandards im Journalismus gibt."

Fellner: "Habe Sache meinem Anwalt übergeben"

Auch wenn Gülüm meint, dass eine Klagsandrohung nicht in Fellners Interesse wäre, denn "dann würden viele Mitarbeiter erzählen, wie er so ist im Büro", dürfte er Blogeintrag ein Fall für die Rechtsanwälte werden. "Ich habe die Sache selbstverständlich meinem Anwalt übergeben, der rechtliche Schritte einleiten wird", stellt der "Österreich"-Herausgeber gegenüber DiePresse.com klar. Denn die Zitate seien "nicht einmal annähernd wortgetreu als Mitschrift (sondern offenbar nur aus einer sehr diffusen Erinnerung) wiedergegeben".

>>> Zum Blogeintrag auf Kobuk.at

>>> Berichte auf "Horizont" und "Etat"

Kobuk

Kobuk ist ein Medienwatchblog von Studierenden der Lehrveranstaltung “Multimedia-Journalismus” am Publizistikinstitut der Uni Wien, unter der Leitung von Helge Fahrnberger und Yilmaz Gülüm, sowie ständiger Autoren wie Hans Kirchmeyr.

Der Name ist Programm: Hat doch 1951 Helmut Qualtinger die heimischen Tageszeitungen an der Nase herumgeführt, als er die Ankunft eines Eskimo-Autors namens Kobuk in Wien ankündigte – den gab es gar nicht, was sämtliche Tageszeitungen nicht hinderte, Kobuks fiktive Werke in den höchsten Tönen zu loben.