"Putin musste nur den roten Knopf drücken"

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Dmitri Trenin, gefragter "Kreml-Astrologe", meint, dass in der neuen Ost-West-Konfrontation die Wirtschaft entscheide, nicht die Rüstung. An eine Invasion Russlands im Osten der Ukraine glaubt der einstige Offizier nicht.

Wien. Wie zur Hochblüte des Kalten Krieges steht die „Kremlologie“, die Kunst der „Kreml-Astrologie“, momentan wieder hoch im Kurs. Dmitri Trenin, einer der im Westen gefragtesten „Kremlologen“ – um nicht zu sagen „Putinologen“ –, zog aus akademisch gefilterter Moskauer Perspektive denn auch eine Analogie zum Kalten Krieg, als er kürzlich in Wien die Zuspitzung im Ost-West-Konflikt analysierte.

Der Direktor der Moskauer Carnegie-Stiftung rückte indes die Dimensionen zurecht: „Es ist nicht der Kalte Krieg, den wir kannten.“ Auf Einladung der Landesverteidigungsakademie und des Kreisky-Forums skizzierte der ehemalige Offizier der Roten Armee in der einstigen Frontstadt Wien die veränderten Vorzeichen: „Er ist reduzierter, regionaler, der Fokus ist auf Europa gerichtet, Ideologie spielt keine Rolle. Und er wird in einer globalisierten Umgebung ausgetragen, in der die Wirtschaft entscheidet, nicht die Rüstung.“ Die Ausgangslage sei klar: „Für Russland steht viel mehr auf dem Spiel als für die EU, geschweige denn für die USA.“ Zumal Russland ja auch weit schwächer dastehe als das Sowjet-Reich. In der Entspannungsphase nach dem Kalten Krieg, urteilt Trenin, habe Russland katastrophal versagt – beim Aufbau von Demokratie, Marktwirtschaft und Zivilgesellschaft. „Die russische Außenpolitik war 20 Jahre lang passiv.“

Trenin spart aber auch nicht mit Kritik am Westen. Unter Jelzin, Putin und Medwedjew habe der Westen die Avancen Moskaus nach einer Annäherung, etwa einer Nato-Mitgliedschaft, barsch zurückgewiesen und teilweise nicht einmal einer Antwort für wert befunden. „Der Niedergang der Supermacht hat ein Gefühl der Erniedrigung geschürt. Der Tenor war: Russland ist in der Kälte stehen gelassen worden.“ Am prägnantesten sei dies im Vorfeld der Olympischen Spiele in Sotschi zum Ausdruck gekommen, als das Ausland mit Argusaugen alles Negative aufgebauscht habe.

Im Ukraine-Konflikt habe Putin dann binnen Stunden in einen hyperaktiven Modus umgeschaltet. Der Notfallplan sei bereits in der Schublade gelegen, als der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko 2008 auf Nato-Kurs einschwenkte. „Putin musste nur noch den roten Knopf drücken.“ Dabei habe Putin nach der überstürzten Flucht von Präsident Viktor Janukowitsch aus Kiew gedacht, das Spiel sei noch nicht aus. „Er hätte sich auch mit Julia Timoschenko arrangiert.“

 

Wie ein Zar im Kreml

An eine Invasion der russischen Truppen in der Ostukraine glaubt der militärisch geschulte Experte nicht, der Aufmarsch an der Grenze sei ein psychologisches Signal an die USA. Trenin zeichnete mehrere Szenarien, wovon das beste eine „Finnlandisierung“ sei – eine Neutralisierung Kiews mit Anlehnung an den Westen und wirtschaftlicher Kooperation mit Moskau. Im schlechtesten Fall würde es in einen Krieg münden, und prorussische Gruppen von Odessa bis Donezk würden eine Lösung wie auf der Krim forcieren.

Wie wird sich Russland, von Barack Obama unlängst als „Regionalmacht“ apostrophiert, mit der zwangsweisen Isolation zurechtfinden? „Im Land ist eine konservative Revolution im Gang, Putin herrscht wie ein Zar, und die Russen scharen sich um den Kreml.“

Außenpolitisch und ökonomisch, prognostiziert Trenin, werde sich Moskau stärker an China orientieren, am Iran, an Indien, Pakistan, womöglich an Brasilien und der Türkei. Im Mai werde Putin in Peking einen Gasdeal mit China einfädeln – zum Dumpingpreis. „China wird letztlich von der Ost-West-Konfrontation profitieren, seine Bedeutung als globaler Player weiter steigen.“ Halb im Scherz zitiert Trenin den russischen Autor Wladimir Sorokin, der sich in einem Roman Russlands Zukunft als chinesische Kolonie ausmalt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2014)