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Srdja Popović: "Sie wurden nicht mit extremen Gruppen fertig"

Srdja Popović
Srdja Popović(c) Darko Stanimirovic
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Berufsrevolutionär Srdja Popović erklärt, warum der Umsturz in der Ukraine diesmal gewalttätig verlief.

Ihr Zentrum für gewaltlosen Widerstand, Canvas, hat 2004 die Aktivisten der Orangen Revolution in der Ukraine beraten. Haben Sie auch dieses Mal mit den Demonstranten in Kiew zusammengearbeitet?

Srdja Popović: Viele, die früher in der Bewegung Otpor gegen Milošević (serbischer Ex-Machthaber) gekämpft hatten, tauschten 2004 Ideen mit den Revolutionären in der Ukraine aus, auch die Leute von Canvas. Dieses Mal waren wir aber nicht involviert. Wir haben mit den Aktivsten vom Maidan nicht zusammengearbeitet. Zwar werfen uns nationalistische serbische Medien und russische Medien vor, dahinterzustecken. Aber das stimmt nicht.

 

Was ist nun in der Ukraine anders als 2004?

Die Orange Revolution war nicht gewalttätig. Und wir beraten nur Gruppen, die keine Gewalt anwenden. Im gewaltlosen Widerstand gibt es drei Pfeiler: Einigkeit, Planung und gewaltlose Disziplin. Die Maidan-Bewegung hat ihre gewaltlose Disziplin verloren. Ein weiterer Unterschied ist der Grund der Proteste: Bei der Orangen Revolution ging es um Protest gegen Wahlbetrug. Das ist ein sehr starkes Motiv. Es wird zur persönlichen Sache, denn es geht nicht mehr nur um politische Ideologie, sondern darum, dass dir die Regierenden etwas gestohlen haben: deine Stimme. Damit holt man auch die Menschen in der Mitte der Gesellschaft ab, die normalerweise nicht demonstrieren. In der Ukraine ging es diesmal aber um andere Dinge: darum, ob sich die Ukraine Richtung EU oder Russland orientiert und um den Ärger über die Korruption im Land.

 

Warum verlief der Umsturz in Kiew diesmal nicht friedlich?

Der Großteil der Maidan-Bewegung war ja für Gewaltfreiheit. Aber dann sind extreme Randgruppen aufgetaucht. Das geschieht immer wieder. Bei den weltweiten Demonstrationen gegen G8-Gipfel etwa gibt es ein sehr weites Feld von Protestierenden. Und dann taucht eine kleine Gruppe wie der Schwarze Block auf und randaliert. In Serbien gab es viele Fußballfans, die Milošević hassten. Sie wollten zu unseren Demonstrationen kommen und unsere Otpor-T-Shirts tragen. Aber wir haben ihnen nie erlaubt, diese T-Shirts zu tragen. Und wir hatten unsere eigenen Ordnungskräfte, die zu verhindern versuchten, dass diese Fußballfans die Polizisten attackierten. Andernfalls wäre unsere gesamte Bewegung in ein schlechtes Licht gerückt worden. Ein großer Fehler der neuen ukrainischen Bewegung war, dass sie nicht mit den rechtsextremen Randgruppen fertigwurde, die zu Gewalt griffen.

 

Warum gelang ihr das nicht?

Man muss gewaltlose Disziplin als Ideologie der Bewegung predigen. Man muss seine Aktivisten darauf trainieren, gewaltlos zu bleiben. In der Ukraine haben sie nun Taktiken verwendet, bei denen es unweigerlich zum Kontakt mit der Polizei kommt. Doch darauf muss man vorbereitet sein, wenn man Gewaltfreiheit durchhalten will. Und sie haben zu Taktiken gegriffen, bei denen die Zahl der Aktivisten mit der Zeit automatisch sinkt. Sie wandten vor allem Besetzungstaktiken an und brachten öffentliche Gebäude und öffentliche Plätze wie den Maidan unter ihre Kontrolle. Aber das ist eine sehr kostenintensive Taktik. Man bringt eine große Zahl von Menschen auf die Straße, man besetzt einen Platz, doch dann beginnt die Zahl derer, die sich beteiligen, zu sinken. Denn viele müssen zur Arbeit, oder sich um ihre Familien kümmern. Sie haben keine Zeit, so lange zu bleiben. Die, die ausharren, stammen meist nicht aus der Mitte der Gesellschaft. Sie sind oft deshalb am meisten motiviert, weil sie einer extremen Randgruppe angehören. 1000 Aktivisten gehen wieder, 100 bleiben und innerhalb dieser 100 gibt es 20 Verrückte, die dann Molotow-Cocktails werfen.

 

In der Ukraine ging aber dieses Mal doch viel Gewalt von der Regierung aus.

Ja, die Aktivisten waren einem hohen Grad an Repression ausgesetzt. Leute wurden verprügelt und gekidnappt. Das erschwert die Lage, wenn man selber gewaltfrei bleiben will.

 

Und wie geht man dann damit um?

In einer hoch repressiven Situation greift man nicht zur Taktik der Konzentration, also dem Versammeln vieler Leute an einem öffentlichen Platz. Wenn klar wird, dass die Regierenden Gewalt einsetzen und die Kundgebungen zerschlagen wollen, wechselt man zur weniger riskanten Taktik der Dispersion: Man ist nur in kleinen Gruppen unterwegs, verteilt Flugblätter, trägt Abzeichen, die Widerstand symbolisieren, macht Lärm, indem man vom Fester aus auf Töpfe schlägt.

 

Aber wie soll man gegen ein Regime wie in Syrien kämpfen, das auch massive Gewalt gegen friedliche Aktivisten einsetzt?

Das ist schwierig. Aber auch die Prinzipien gewaltlosen Widerstands werden vom Werk „Die Kunst des Krieges“ des chinesischen Strategen Sun Tsu abgeleitet: Nutze deine starken Seiten gegen die schwachen Seiten deines Gegners! Würdest du gegen Mike Tyson (Ex-Schwergewichtsweltmeister) boxen? Wohl kaum. Würdest du gegen ihn Schach spielen? Schon eher. Wenn du im Kampf gegen einen schwer bewaffneten Gegner selbst zu Waffen greifst, ist das so, als ob du gegen Tyson in den Ring steigst. Was wäre gewesen, wenn Syriens Opposition nicht geschossen, sondern zur Strategie des zivilen Boykotts gegriffen hätte, wie damals der Widerstand in Südafrika gegen das Apartheidregime? In Südafrika gab es Massenstreiks, den Boykott von Firmen. Die schwarze Bevölkerung dort hat verstanden, dass sie die Mehrheit der Konsumenten stellt, und dass wegen ihrer Maßnahmen die Regierung viel Geld verliert.

 

Sie sind ein Veteran des gewaltlosen Widerstands. Was hat sich in diesem Bereich in den vergangenen Jahren verändert?

Mit den neuen technischen Möglichkeiten, sozialen Medien wie Facebook oder Twitter, ist es möglich, rasch eine große Zahl an Menschen zu versammeln. Früher brauchte man viel Vorbereitung, um 10.000 Menschen auf einen Platz zu bringen. Heute braucht man nur eine Facebook-Gruppe und die Leute kommen. Das ist sehr bequem, aber auch gefährlich. Jeder kann binnen kürzester Zeit tausende wütende Leute auf die Straße bringen, aber es gibt keine Organisation dahinter, um es in die richtigen Bahnen zu lenken. Und wenn hunderte wütende Menschen plötzlich vor der Polizei stehen, ist die Chance sehr groß, dass es zu gewaltsamen Zusammenstößen kommt.

 

Was denken Sie über die Aktivisten der Gezi-Park-Bewegung in der Türkei?

Ich möchte vorausschicken, dass wir nicht mit ihnen arbeiten. Auch wenn die türkische Regierung das behauptet hat. Es ist eine sehr interessante Bewegung. Sie ist aber nach wie vor vor allem auf die großen Städte und ein urbanes, gebildetes Publikum beschränkt. Das ist dasselbe Problem, das wir etwa in Serbien bei den Protesten gegen Milošević 1996/97 hatten. Wir haben damals bei unseren Kundgebungen in den großen Städten letztendlich zu Leuten gepredigt, die ohnehin schon konvertiert waren. Damit Bewegungen siegen, müssen sie aber ihre Unterstützerbasis verbreitern.

Steckbrief

Srdja Popović
ist Experte für unblutige Revolutionen. Er war einer der führenden Köpfe der Widerstandsbewegung Otpor, die in den späten Neunzigerjahren gegen den serbischen Machthaber Slobodan Milošević kämpfte und maßgeblich zu dessen Sturz im Oktober 2000 beitrug.

Canvas, ein Beratungsinstitut für
gewaltlosen Widerstand, wurde nach Miloševićs Sturz von Popović und anderen ehemaligen Otpor-Mitgliedern gegründet.

2004 wurden die Aktivisten der Orangen Revolution in der Ukraine von Canvas in den Grundsätzen des gewaltlosen Widerstands beraten. Das Belgrader Institut arbeitete auch mit Aktivisten aus Georgien, Ägypten, von den Malediven und der Occupy-Bewegung in den USA zusammen. Canvas

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.04.2014)