Wort der Woche

Klima und Geschichte

Es ist umstritten, wie stark historische Ereignisse durch Klimaschwankungen mitbestimmt werden. Forschende sind einem Verständnis der Zusammenhänge nun näher gekommen.  

Klimaveränderungen beeinflussen das Leben der Menschen und damit auch das Weltgeschehen. Wir groß dieser Einfluss ist, ist allerdings umstritten. Auf der einen Seite werden immer wieder Beispiele genannt, dass längerdauerndes Extremwetter zu Krisen, Revolutionen oder sogar Systemzusammenbrüchen geführt hat – so können z. B. das Ende des Sassanidenreichs, der Zusammenbruch der Ming-Dynastie oder der Niedergang der Azteken und Inka noch vor der spanischen Eroberung mit Klimaschwankungen in Verbindung gebracht werden. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Stimmen, die das Klima nicht für wesentlich oder sogar für unwichtig halten – ihnen dienen als Beispiele etwa Byzanz, das osmanische Imperium oder das Neue Reich in Ägypten, die jeweils mehrere starke Klimaveränderungen überstanden haben.

Wie verwirrend die Sachlage ist, zeigt der direkte Vergleich zwischen Frankreich und England während der „Kleinen Eiszeit“, die auf die beiden Länder gleich einwirkte: Mitte des 16. Jahrhunderts erlebten beide Reiche fast gleichzeitig massive Unruhen; zwischen 1789 und 1870 hingegen taumelte Frankreich von Revolution zu Revolution, während England politisch stabil war. Dies legt nahe, dass es keinen einfachen Zusammenhang zwischen Klima und Krisen gibt – die Sache ist offenbar wesentlich verwickelter.

Forschende um Daniel Hoyer und Peter Turchin (Complexity Science Hub Vienna) sind der Entwirrung der komplexen Wechselbeziehungen nun einen Schritt näher gekommen: Sie haben alle verfügbaren Informationen zu 169 historischen Krisen in einer Datenbank gesammelt und mithilfe mathematischer Modellierungen mit politischen und klimatischen Faktoren verknüpft. Dabei zeigte sich, dass der soziale Zusammenhalt in den betreffenden Gesellschaften entscheidend dafür ist, ob ökologische Störungen zu politischen und wirtschaftlichen Krisen führen oder nicht. Konkret: Je höher die Ungleichheit in einer Gesellschaft ist und je schlechter ein Staatswesen funktioniert, umso größer ist die Verletzbarkeit durch Klima-Schocks (Philosophical Transactions B, 18. 9.).

Mit dieser holistischen Erklärung, so meinen die Forschenden, lassen sich die eingangs erwähnten widersprüchlichen Beispiele unter einen Hut bringen. Im nächsten Schritt soll der Einfluss verschiedener Faktoren genauer beziffert werden – um auch für die gegenwärtigen Polykrisen hilfreiche Schlüsse ziehen zu können.

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Wissenschaftskommunikator am AIT.

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