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Hochhuth: "Schurkenstreich! Revolution!"

Wenn sich der Staat nicht bald etwas einfallen lässt, droht eine Revolution, davon ist Rolf Hochhuth überzeugt.

Der deutsche Schriftsteller Rolf Hochhuth (72) über die dramatischen Folgen von Globalisierung, Arbeitslosigkeit

"Die Presse": Wie hat McKinsey reagiert auf Ihr Stück? Wurden Sie geklagt?

Hochhuth: Nein. Die Firma hat zwei Vorstellungen gekauft, eine haben sie schon besucht und freundlich Beifall gezollt. McKinsey wird ja nicht schlecht gemacht in dem Stück. Es wird nur appelliert an die Firma, dass sie bei dem Einfallsreichtum, mit dem sie Jobs ausfindig macht, die angeblich entbehrlich sind, Großkonzernen wie der Deutschen Bank auch Jobs empfehlen möge, in anderen Branchen, um jenen wieder einen Arbeitsplatz zu beschaffen, die durch McKinsey rausgeworfen wurden: 11.080 Frankfurter Banker in Frankfurt, eine einmalige Niederträchtigkeit in einem Jahr mit 9,8 Milliarden € Reingewinn!

Die Gewissenlosigkeit, mit der jetzt weltweit die Industriellen die ganze Last der Arbeitslosigkeit dem Staat aufbuckeln, muss den Staat zu Grunde richten. Ich bin überzeugt, dass eine Revolution kommen muss!

Sie sind sehr pessimistisch.

Hochhuth: Ich bin sehr pessimistisch, weil ich Geschichte lese.

Wie wird die Revolution aussehen? Ein neuer Sturm auf die Bastille  . . .

Hochhuth: Es hat noch keiner von einer Revolution sagen können, wie sie aussehen wird. Aber wenn Sie den Sturm auf die Bastille ansprechen: Der größte österreichische Politiker des 19. Jahrhunderts, Fürst Metternich, hat in Übereinstimmung mit dem größten französischen Diplomaten des 19. Jahrhunderts, Fürst Talleyrand, resümiert, dass nicht ein einziger Mensch in Versailles eine Vorahnung hatte, wie bald ihn die Revolution unters Fallbeil bringen wird.

Nicht einmal eine harmlose Gassen-Revolte hielten die Machthaber für möglich, genauso wenig wie heute. Die Revolution kam 1789 wie ein Erdbeben. Schon Talleyrand hat die unsterbliche Maxime geprägt: Das einzige Recht der Besitzlosen ist das Recht auf Arbeit. Ludwig XVI., der enthauptet wurde, war der erste König der Geschichte, der das Recht auf Arbeit ins französische Gesetzbuch geschrieben hat.

100 Jahre später hat Bismarck dem Deutschen Reichstag die ersten Arbeiterschutz- Gesetze der Weltgeschichte abgetrotzt, 14 Jahre vor Großbritannien. Es gibt zahlreiche Bekundungen seines Mitgefühls für die Ausgebeuteten. Bismarck war es dann auch, der das Recht auf Arbeit gesetzlich festschreiben lassen wollte - sogar gekoppelt mit einem, so wörtlich, "Eingriffsrecht des Staates gegen ungerechtfertigte Entlassungen". Dieser Gesetzesantrag wurde abgeschmettert, man zieh Bismarck des Kommunismus.

Die Weimarer Republik nahm das Recht auf Arbeit ebenso wie die DDR in ihre Verfassung, auch das konservative Bayern 1946. Wenn dieses Recht nicht kommt, gibt es eine Revolution. Wir können nur hoffen, können es aber nicht glauben, dass sie nicht blutig wird, sondern der Gesetzgeber vorbeugt. Aber die oben begreifen nichts. Die Russen haben ein Sprichwort: Du kannst mit Reichen nicht über Arme sprechen.

Amerika hat trotz des von Ihnen apostrophierten "Raubtier-Kapitalismus" Frieden und Wohlstand seit Jahrhunderten.

Hochhuth: Das Wort Wohlstand muss man wohl in Anführungsstriche setzen. Shaw schrieb: "Man hält mich für einen Meister der Ironie, doch auf die Idee, im Hafen von New York eine Freiheitsstatue zu errichten, wäre selbst ich nicht gekommen."

Ich weiß nicht, wie hoch die Zahl der Arbeitslosen in den USA ist. Ich kehre vor der eigenen Haustür und das ist Deutschland, aber ich kann mit einem Nachbarländchen vergleichen: Ich lebe seit 40 Jahren in der Schweiz: Sie hat keine Autoindustrie, keine Bodenschätze, keine Schwerindustrie, keine Arbeitslosen. Sie bringt das unglaubliche Kunststück fertig: 26 Prozent aller Menschen, die in der Schweiz arbeiten, sind keine Schweizer. Eine Leistung ohnegleichen, alle verdienen weitaus mehr als daheim!

Auch in Europa arbeiten viele Menschen, die nicht aus der EU oder aus Europa sind. Also - Jobs gibt es offenbar.

Hochhuth: Die Jungen werden es noch erleben, dass der Gesetzgeber verbieten muss, dass Amtsgerichtsrat, Schornsteinfeger, Lkw-Fahrer, Lehrer, Bäckergeselle und Ladenmädchen, dass die alle mehr als vier Stunden am Tag arbeiten - damit die andere Hälfte der Menschen auch noch Arbeit hat.

Arbeit ist das höchste Gut, ist heute viel wichtiger als Geld. Wir leben in der vorrevolutionären Phase, die durch die Tatsache entstanden ist - an der niemand schuld ist - dass wir zum ersten Mal wissen: Es kann niemals mehr Arbeit genug für alle auf Erden geben. Eine entsetzliche Entdeckung, die Hypothek unserer Epoche!

Gibt es einen Dichter, mit dem Sie sich verbunden fühlen?

Hochhuth: Für mich waren immer die beiden größten Vorbilder Shaw und Thomas Mann. Thomas Mann hat 1926 in ,Pariser Rechenschaft' ein Gesetz formuliert, dem auch ich mich verpflichtet fühle: "Du sollst Dir nichts ausdenken, sondern aus den Dingen etwas machen".

Man hat Ihnen vorgeworfen, Sie propagieren Meuchelmord in "McKinsey kommt".

Hochhuth: Das ist eine alberne Verleumdung. Da könnte man genauso sagen, Schiller habe in seinem "Wilhelm Tell" und im "Wallenstein" den Meuchelmord propagiert, in dem er ihn darstellte!

Vielleicht hat Schiller den Mord an Geßler propagiert. Sicher kann das keiner sagen.

Hochhuth: Ich schon. Ich schreibe gerade eine Rede zum 17. März, an diesem Tag, genau vor 200 Jahren wurde nämlich "Wilhelm Tell" in Weimar uraufgeführt. Ich habe das Stück neu gelesen. Schiller propagiert keinen Meuchelmord, sondern es geht um historische Erfahrung im Sinne Jacob Burckhardts, des größten Schweizer Historikers und Philosophen. Der schrieb 1867 über den "Mord als Hilfsmittel, . . . da man bei Abwesenheit aller legalen Rechtsmittel Richter in eigener Sache wird . . .".

Das geschieht so oft in der Geschichte, dass man folgern muss, Meuchelmord ist eine ihrer Aktionen, auch wenn uns das moralisch missfällt. Aber die Geschichte schert sich einen Dreck um menschliche Moralvorstellungen, sonst hätte sie Auschwitz und Hiroshima nicht zugelassen.

Wir haben es doch erst erlebt: Detlev Karsten Rohwedder, Präsident der Treuhand - das war die Mafia, mit der der Kohl-Staat die DDR abgewickelt hat - wurde ermordet. Die Tat ist bis heute nicht aufgeklärt.

Solidarisieren Sie sich mit dem Täter?

Hochhuth: Nein. Ich finde Meuchelmord abscheulich, aber das kann mich als Autor nicht hindern, daran zu erinnern, dass die Geschichte ihn uns nicht ersparen wird.

Wen wird es treffen?

Hochhuth: Das weiß kein Mensch. Ich kann nur berichten: Am Sonntag vor der Premiere von "McKinsey kommt" gab es in dem Theater ein Frühstück für 200 Leute, das ist in Brandenburg Brauch vor Premieren. Da stand ein friedliches, kleines Männchen auf, so 62. Der sagte: Ich bin nicht arbeitslos, aber ich bin es gewesen und ich muss dem Hochhuth Recht geben. Ich habe nicht selten davon geträumt, den umzulegen, der mich entlassen hat und zwar ohne Grund. Der Betrieb war finanziell obenauf.

Der Skandal ist: Die Deutsche Bank wird geleitet vom Schweizer Josef Ackermann, der sich laut Spiegel bei Kanzler Schröder die Erlaubnis holte, die DB nach New York zu verkaufen. Eine nationale Schande! Eine Schuftigkeit, ein Schurkenstreich! Aber das Musterstück für Europas Großkonzerne!