Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Literatur-Tipp: Das Tagebuch des verschollenen Mädchens

  • Drucken

„Cathy's Book“, eine Innovation auf dem Jugendbuch-Markt, begeistert Youngsters. Eltern könnten weniger erfreut sein.

Eine 17jährige Kunststudentin verschwindet spurlos. Ihr Freund hat sie verlassen. Der Vater ist gestorben. Mit der Mutter gibt es heftige Kämpfe.
Die Verschollene hinterlässt ein herzzerreißendes Tage-, Notizbuch, in dem sie ihre Erlebnisse aufgeschrieben hat, versehen mit Zeichnungen, Fotografien. In einem Extra-Fach finden sich Briefe, Einladungen, Zeitungsausschnitte, ein Taschentuch mit Kuss-Mund („See you"). Außerdem gibt es Telefonnummern. Ruft man sie an, melden sich Mailboxen . . .


„Cathy's Book" heißt das neueste, besonders findige Produkt auf dem Kinder-und Jugendliteratur-Markt. Der hat damit zu kämpfen, dass immer mehr Kinder und Jugendliche vor dem Fernseher oder dem Computer sitzen und Bücher meiden. Also müssen jetzt Bücher mit Verbindung zur modernen Welt der Homepages und SMS her. Da ist offenbar jeder Fake recht.
Selbstverständlich ist die Cathy-Geschichte von A bis Z erfunden - und zwar von zwei US-Multimedia-Spezialisten: Der gebürtige Texaner Sean Stewart gewann 2000 mit dem Roman „Galveston" (Mädchen verwandelt sich in seinen eigenen bösen Zwilling) den „World Fantasy Award" und liefert Stoff für die Firma „42 Entertainment", die Computerspiele herstellt, speziell so interaktive wie sie auch „Cathy's Book" begleiten.

 

Stewarts Partner Jordan Weisman entwickelt Fantasy-Rollen-und Computerspiele und eröffnete Ende der Achtziger die ersten Spielhallen für vernetzte Produkte dieser Art; die Firma wurde später von Microsoft übernommen. Weisman wurde Leiter des Unternehmensbereichs Unterhaltung bei Microsoft, gründete weitere Firmen, darunter auch „42 Entertainment". Außerdem ist Weisman Professor für interaktive Medien an der Universität of Southern California School of Cinema-Television in Los Angeles.

In Kalifornien spielt auch „Cathy's Book". Cathy's Freund und Freundin stammen aus Asien.
Die Story ist komponiert wie einer dieser angelsächsischen Romane, die man in einem Zug durchliest, egal wie spät Nachts es ist, weil man das Buch einfach nicht aus der Hand legen kann. Außerdem ist die Sache so cool gestaltet, dass man selbst als Coolness fern stehender Erwachsener beeindruckt ist. Z. B.: Cathy ist äußerst stilbewusst, geht niemals aus ohne sich sorgfältig gestylt zu haben - und sie zeichnet sich selbst in ihren tollen Outfits, die sie sich teilweise bei ihrer Mutter aus leiht; die Krankenschwester-Mama trinkt morgens Gin-Tonic, wenn sie vom Dienst kommt, auch Cathy trinkt Gin-Tonic, manchmal mehrere. Mit der „Correctness" bzw. dem, was sich Eltern vom Nachwuchs wünschen, haben die Autoren nichts am Hut.
Das wäre natürlich ein Grund für einen Erwachsenen, das Buch zu lesen. Mancher dürfte staunen, wie emanzipiert Jugendliche ihre eigenen Wege gehen. Die Alten in die eigenen Pläne einbeziehen? Kommt nicht in Frage. Dann schon besser lügen . . .


Ein anderer interessanter Aspekt ist: „Cathy's Book" ist nicht nur wie ein Comic illustriert, es hat auch viel von einem Comic in Worten, ist äußerst bildhaft, intelligent, modisch. Ein Nachteil für die Kids mag sein, dass die angegebenen Telefonnummern oft besetzt sind und die Homepages auf deutsch teilweise noch nicht funktionieren.


Die Rezensionen für die amerikanische Ausgabe, die 2006 bei Perseus Books erschienen ist, waren euphorisch: „Erfinderisch", „Ein Schnellfeuer" schrieben die Zeitungen. Die „New York Times" nannte das Buch „einen erstaunlich lyrischen Beitrag zum Teenie-Genre". Diskutiert wurde dann trotzdem heftig, aber nicht darüber, ob es im Zeitalter von Kampusch, Madeleine & Co. nicht zynisch ist mit einem täuschend echt gestalteten Buch über ein verschwundenes Mädchen Geschäfte zu machen. Nein, diskutiert wurde, ob man mittels Cathy-Multimedia für Kosmetik-Produkte, genauer Cover Girl, werben dürfe. Das freilich wirkt wie eine läppische Debatte, wenn man bedenkt, dass das gesamte ausufernde Entertainment für Kinder und Jugendliche im Dienste irgendwelcher Produkte steht.
Was ist, um nur ein beliebiges Beispiel von vielen zu nennen, die Girlie-Welle als auch Werbung für Produkte? Bleibt abzuwarten, ob die Autoren, beflügelt vom Erfolg, „Cathy's Book" bald „Simon's Book" nachreichen. Die Geschichte von einem Jungen, der in der Schule Probleme hat, weil er Geheimagent ist, gibt es allerdings schon. Der Buchmarkt sucht einen neuen Potter samt Hype und Profit. Die Technologie dafür ist mit „Cathy's Book" auf gutem Wege.

(bp)