„Lidl muss künftig auf meine Dienste verzichten“

(c) AP (Fabian Bimmer)

Über Spitzelaktivitäten empörte Kunden überlegen Boykott des Discounters.

Berlin. Die Hilfskraft hat ihr Ohr ans Handy geklemmt, während sie Waschmittel ins Regal schlichtet. Die Frau, die nicht den obligaten blauen Lidl-Kittel trägt, wäre eigentlich ein Fall für die ominösen Spitzel und die installierten Mini-Kameras, deretwegen der Billig-Discounter jetzt in die Negativ-Schlagzeilen geraten ist: Big Brother is watching you.

Einen Tag, nachdem der „Stern“ die Missstände enthüllt hat, gibt sich die Lidl-Filiale in der Schwedter Straße im Berliner Szeneviertel Prenzlauer Berg den Anstrich von „Business as usual“. Vor der einzig offenen Kassa hat sich eine Schlange gebildet, in den Gängen sind drei Mitarbeiter mit dem Nachfüllen beschäftigt.


Maulkorb für Mitarbeiter

Während der Kassiererin aber sonst ein flottes „Tschüssi“ entfleucht, kommt ihr heute nur ein knappes „Kein Kommentar“ über die Lippen. Die Gewerkschaft fordert die Angestellten zu Schadenersatzklagen auf. Lidl ist ihr ein Dorn im Auge: Der schwäbische Gründer Dieter Schwarz, als viert-reichster Deutscher ein großer Mäzen, hat seinen Mitarbeitern quasi einen Maulkorb umgehängt. Und für einen Betriebsrat ist ohnedies kein Platz im Unternehmen. Schon vor Jahren hat ein „Schwarzbuch“ eine Reihe von Verfehlungen aufgelistet.

„Wir haben damit nichts zu tun“, sagt eine Hilfskraft genervt. Ein Praktikant meint unverblümt: „Das geht mir am Arsch vorbei.“

Für die Kunden ist es damit nicht abgetan. „Ich überlege mir, ob ich die Lidl-Märkte boykottieren soll“, erklärt Samuel, ein Barkeeper, der Eier und Lauch für den Morgenbrunch eingekauft hat. „Unverschämt“, entfährt es einer Stammkundin. „Die Firma Lidl wird wohl auf meine Dienste verzichten müssen. Auf die paar Cents soll es dann auch nicht ankommen“, empört sich einer im schwarzen Kreativen-Look.


Unschlagbar billig

Jana, eine pensionierte Altenpflegerin, trägt einen Tulpenstrauß nach Hause. Sie wohnt um die Ecke in der Choriner Straße. „Die hätten in der ,Pusteblume‘ zehn Euro gekostet. Bei Lidl gibt's die um zwei Euro.“ Die Bequemlichkeit und die Tiefpreise locken sie an, gibt sie zu. Milch und Butter seien unschlagbar billig. „Es ist ja alles teurer geworden. Das Leben wird immer teurer, und ich kann es mir nicht leisten, im Ökoladen einzukaufen. Aber ich frage mich, wo man überhaupt noch reinen Gewissens einkaufen kann.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2008)