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Salzburger Bettlerkonferenz: "Ohne Revolution geht nichts"

Fabry (Die Presse)
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Soziologe Nikolaus Dimmel sieht eine zwingende Notwendigkeit von Umverteilung auf EU-Ebene und warnt vor einer Explosion der Bettler-Zahl von bisher 150 "auf vielleicht 10.000".

"Der Druck von unten wird steigen. Wenn es so weitergeht, dann muss man in einer Stadt wie Salzburg nicht mit 150, sondern mit vielleicht 10.000 Bettlern rechnen." Dieses Szenario zeichnete Nikolaus Dimmel, Soziologe an der Universität Salzburg, am Rand der Salzburger Bettler-Konferenz im APA-Gespräch sowie in seinem Impulsreferat.

"Aufzuhalten ist das nur mit einer entschlossenen Umverteilungspolitik auf EU-Ebene. Die Strukturen der Finanzwirtschaft sind die zentrale Ursache für das ständig steigende Heer an Armen in Europa und die daraus resultierende Migration. Von 505 Mio. Europäern sind 24,8 Mio. Menschen arm und 125 Mio. armutsgefährdet. Ein Prozent der Bevölkerung besitzt die Hälfte aller Güter. Die ärmere Hälfte aller Europäer besitzt insgesamt ein Prozent der Güter."

Einkommensschere bei 1:432

Die Einkommensschere zwischen einfachem Arbeiter und Firmenchef sei in den 1960er-Jahren durchschnittlich 1:16 gewesen, heute sei sie 1:432, erklärte der Soziologe und Autor zahlreicher Studien. "Wenn Europa die rasant steigende Armut wirklich in den Griff bekommen will, dann ist eine Kapitaltransfersteuer ebenso zwingend nötig wie ein europäischer Sozialstaat mit den gleichen Rechten für alle. Nur so lässt sich Armutsmigration verhindern. Also entweder eine Revolution in der europäischen Sozialpolitik oder eine Revolution auf Europas Straßen und Städten. So oder so, ohne Revolution geht nichts".

"In Europa", so Nikolaus Dimmel weiter, "ist erstens eine Refeudalisierung im Gange, die Durchlässigkeit der sozialen Schichten sinkt rapide. Zweitens hat sich eine Plutokratie ausgebreitet, das bedeutet, die reichen Eliten haben die politischen Strukturen gekapert und die Politik gekauft. Drittens verschärft sich der Standortwettbewerb der Regionen. Das Geld wird aus der Produktion herausgenommen und in die Finanzwirtschaft hineingesteckt. Dort werden bis zu 20 Prozent Rendite angekündigt, was aber ohne extremen Druck auf die Löhne und die Reduzierung von Sozial- und Umweltstandards gegen null völlig unmöglich ist. Was also bleibt, ist ein Lumpenproletariat im Marx`schen Sinn, das von korrupten Oligarchen ausgebeutet wird. Genau das machen uns Länder wie Griechenland und noch extremer Bulgarien und Rumänien täglich vor, deswegen kommen immer mehr Bettler."

Bettler als ideologischer Blitzableiter

In unserer heimischen Biedermeieridylle müssten die Bettler als ideologischer Blitzableiter der bürgerlichen Abstiegsängste herhalten, argumentierte der Soziologe. "Die Braven und Fleißigen können mit der eigenen Ausschluss- und Absturz-Angst nicht umgehen und brauen eine Melange aus Ausländerfeindlichkeit, Antiziganismus und Hängematten-Diskurs, in der mit fehlender Leistungsbereitschaft, völkischer Minderwertigkeit oder Sozialschmarotzertum argumentiert wird."

Auch das Argument "Banden-Kriminalität" greife zu kurz, erläuterte Dimmel. "Jede Form von Betteln ist organisiert. Betteln setzt Körpertraining, eingeübte Mimik, spezifische Kleidung, Requisiten, Kalkül und Methode voraus. Die Leute werden ausgebildet, strategisch platziert, und intern betreut. Einnahmen werden familiär verwaltet, man kommt gemeinsam mit einem Bus und wird wieder abgeholt. Im strafrechtlichen Sinn ist das aber kein Tatbestand."