Godzilla ist nicht fett genug!

Godzilla 3D
(c) Warner

Gareth Edwards' düstere Neuauflage „Godzilla“ mischt zu wenig Riesenmonster in den Katastrophenfilm-Einheitsbrei – und von den vielen menschlichen Nebenfiguren vermag keine wirklich zu interessieren.

Dieser Godzilla ist zu fett! So lauteten jedenfalls die Beschwerden aus Japan über die ersten Bilder der beliebten Riesenechse in der 3-D-Hollywood-Neuauflage „Godzilla“. Die Aufregung ist erheiternd, aber verständlich: Kommt dieser zweite US-Versuch in Sachen Godzilla (nach Roland Emmerichs enttäuschendem Blockbuster von 1999) doch just zum 60. Geburtstag dieser nationalen Ikone ins Kino. 1954 betrat Godzilla als Inbegriff der atomaren Angst der Ära die Leinwand – als Abgesandter jenes Landes, das durch die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki spürbar stärker traumatisiert war als andere. Ishirō Hondas originaler „Godzilla“ sprach aber nicht nur den Japanern aus der Seele: Die wachsende nukleare Bedrohung ebnete dem durch Atomkraft wiederbelebten Urzeitsaurier weltweit den Weg zum Erfolg.

So kam es zunächst zu zahllosen Fortsetzungen in der Heimat, in denen Godzilla in Größe, Dicke und (wachsender Kinder-)Freundlichkeit schon viele verschiedene Erscheinungsformen hatte – weshalb der Vorwurf der Fettleibigkeit doch ein bisserl unfair wirkt. Denn Godzilla selbst ist nicht das Problem des neuen Films – das Problem ist schlicht, dass zu wenig Godzilla geboten wird. Mit dem Briten Gareth Edwards, der zuvor mit „Monsters“ einen kleinen, überraschend ruhigen Genre-Eintrag geliefert hatte, ist zwar ein junger Regisseur an Bord, der die Traditionslinie sichtlich schätzt und respektiert – aber offenbar nicht genug Spielraum bekommen hat: Denn abgesehen vom Riesenmonster handelt es sich um einen eher einfallslosen Hollywood-Katastrophenfilm in zeitgemäßen Düstertönen (der häufige Regen erinnert sogar unglücklich an Emmerichs schwachen „Godzilla“) und mit vielen menschlichen Nebenfiguren, von denen kaum eine wirklich zu interessieren vermag.

 

Farbloser Held

So gibt es das übliche Vorspiel aus in den Wind geschlagenen Warnungen, atomarem Desaster und ausgiebiger Städtezerstörung, diesmal auch und insbesondere in den USA. Durch das Chaos wanken Reihen von austauschbaren Wissenschaftlern (Juliette Binoche als Bauernopfer, das auch im Strahlenanzug gute Figur macht, oder – der hier hoffnungslos überspielende – Bryan Cranston aus „Breaking Bad“), Soldaten (Aaron Taylor-Johnson trägt als nomineller Held des Films zu dessen Farblosigkeit bei) und süßen Kindern. All das ist in „Godzilla“-Filmen nicht unüblich, aber wo selbst die kindischsten japanischen Ausläufer zwischen Sentiment und Riesenmonster-Wrestling erstaunliche soziale und psychologische Einsichten über ihr Land boten, bewegt man sich hier durch das allzu bekannte Niemandsland heutiger Großproduktionen: Ein paar kleine Öko-Lippenbekenntnisse sorgen nicht für Substanz.

Immerhin gelingen Regisseur Edwards zwischendurch einige poetische Momente, die wahren Godzilla-Fans zwar nichts Neues bieten, aber stimmungsvolle Variationen von beliebten Motiven sind – etwa wenn nur der riesige Monsterschatten am Wolkenkratzer zu sehen ist oder eine Konfrontation auf einer ausweglosen Brücke stattfindet. Aber sein Film bleibt im Schatten von Guillermo del Toros „Pacific Rim“ aus dem Vorjahr: Der war selbst in solchen Details einfallsreicher und bot vor allem viel mehr gute Laune, nicht zuletzt angesichts regelmäßiger Kämpfe der Kaijus: Dieser japanische Begriff für Riesenmonster ist unter Anhängern ein geflügeltes Wort geworden, auch weil die verschiedenen Wesen und ihre Wrestling-Strategien einen zentralen Reiz des Genres ausmachen. Im neuen Film dominieren prinzipiell nicht üble, insektoide Godzilla-Verwandte, aber im Zusammenspiel mit zu wenig Godzilla (und gerade mal ein oder zwei soliden Monsterkampf-Tricks) wird wenig Kaiju-Kompetenz verströmt: Die von den Monstern ausgelösten Flutwellen hinterlassen mehr Eindruck als die Monster selbst.

Indessen schlägt der neue „Godzilla“ im Gegensatz zu „Pacific Rim“ wieder den demonstrativ ernsten Ton an, der seit Christopher Nolans „Batman“-Filmen das fantastische Großproduktionskino zum depressiv- aggressiven Spektakel macht. Aber immerhin: Depressiv muss man wegen dieser Verfilmung auch nicht werden – sie hat nur, was die Knalleffekte angeht, ihr Pulver schon in den Trailern verschossen. So erzählt sie letztlich, wie die meisten Blockbuster dieser Tage, nur von Marketing-Strategien: Weil es nur mehr im asiatischen Raum Kinowachstum gibt, wird dieser Markt immer wichtiger – zuletzt machte er „Pacific Rim“ erst (zurecht) zum Erfolg. Offenbar war man der Ansicht, dass bei „Godzilla“ dafür die asiatische Marke genügen muss. So haben viele (Zielgruppen-)Köche daraus Einheitsbrei mit ein paar knackigen Zutaten gemacht. Und von der wichtigsten entschieden zu wenig hinzugefügt: So fett kann dieser Godzilla gar nicht sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2014)