Kraftwerk: Konservierte Zukunft

Kraftwerk
„Wir fahren, fahren, fahren auf der Autobahn“: Die elektronischen Instrumente mögen heute perfekter als 1974 sein, als Kraftwerk das Album „Autobahn“ aufnahmen – die Ästhetik haben sie bewahrt. Ein dicht gefülltes Burgtheater dankte es ihnen.(c) APA/EPA/HERBERT P. OCZERET (HERBERT P. OCZERET)

Die deutsche Elektronikband Kraftwerk begann im Rahmen der Wiener Festwochen ihre „Katalog“-Serie im Burgtheater mit „Autobahn“ und „Radioaktivität“: Ein einzigartiges Museum der Moderne.

Europa endlos – das Leben ist zeitlos – Europa endlos – Parks, Paläste und Hotels – Europa endlos – Flüsse, Berge, Wälder – Europa endlos – Wirklichkeit und Postkartenbilder – Europa endlos – Eleganz und Dekadenz.“ Dieser Liedtext aus dem Jahr 1977 strahlt mehr echtes Gefühl aus als der besonders vor EU-Wahlen grassierende Europabekenntniskitsch; er ist in seiner kargen Kühle, seiner verhohlenen Sentimentalität typisch für Kraftwerk.
„Europa endlos“ stand am zweiten Abend, beim dritten Konzert der achtteiligen Serie auf dem Programm: Kraftwerk präsentierten ihren „Katalog“, ihre acht kanonischen Alben; ihre drei ersten Platten, die noch den Geist des Krautrock der Frühsiebziger atmen, ließen sie aus.

Es begann am Donnerstag mit „Autobahn“ (1974) und „Radioaktivität“ (1975): jeweils das ganze Album, gefolgt von einer Best-of-Zusammenstellung, wie sie Kraftwerk seit gut zwei Jahrzehnten immer wieder bringen – ein Museum einer Pop-Moderne, die zeitlos ist, weil nach ihr nur mehr eine Postmoderne kommen konnte und kam. Kraftwerk – und das ist natürlich vor allem der letzte Verbleibende aus der Stammbesetzung, Ralf Hütter – wissen das und haben sich entsprechend selbst konsequent musealisiert. Im Grunde tun sie das, was viele Opernfreunde von einem Opernhaus verlangen: Sie reproduzieren Klassiker auf dem neuesten technischen Stand, aber ohne den Versuch, sie zu aktualisieren, an den vermeintlichen Zeitgeist anzupassen.

Bei Kraftwerk würde das jedenfalls gewiss nicht funktionieren: Denn die frische Naivität des Aufbruchsgeists, den sie eingefangen haben, ist unwiederbringlich und nicht aktualisierbar. Die Zukunft, die sie gesehen haben, haben wir nicht mehr vor uns, wir sehen sie nur mehr im Retrorückspiegel.

Strahlentod und Mutation?

Dabei war, und das macht Kraftwerk noch faszinierender, ja schon ihr Futurismus auch rückwärtsgewandt: Die blitzsaubere Ästhetik in „Autobahn“ stammt aus der Wirtschaftswunderwelt der Fünfzigerjahre, ebenso der ungebrochene Fortschritts- und Technikglaube in „Radioaktivität“. Diesen haben Kraftwerk selbst schon 1991 durch einige mahnende Textzeilen („Tschernobyl, Harrisburg, Sellafield, Hiroshima / stoppt Radioaktivität, weil's um unsere Zukunft geht / Strahlentod und Mutation, durch die schnelle Kernfusion“) konterkariert; diese Korrektur, die sie seitdem beibehalten haben, wirkt immer noch unpassend.

Sonst passt alles. Die Sonne scheint mit Glitzerstrahl auf das graue Band der Fahrbahn, ein VW mit dem Kennzeichen KR70 und ein Mercedes (KR74) ziehen durch die ewige Idylle einer neuen Zeit, Motoren und Kometen singen ihre Lieder, es wird Morgen über der modernen Kleingartensiedlung, elektronische Vögel zwitschern, Radiowellen wellen in die weite Welt hinaus, Antennen knistern optimistisch, Elektronen kreisen frohgemut um ihren Atomkern, der Genius der Energie strahlt stolz, und am Ende stimmen alle Oszillatoren in den technischen Lobgesang ein: „Ohm, sweet ohm!“

Ausgestattet mit den 3-D-Brillen, die ja auch schon längst retrofuturistische Objekte sind, starrte das Publikum im randvollen Burgtheater auf diese alte neue Wunderwelt und auf die vier Herren vor ihren elektronischen Kästen, aus denen sie die Klänge holten – offenbar zu einem guten Teil wirklich live, denn „Autobahn“ etwa klang beim zweiten Set deutlich anders als beim ersten.

Nein, durch Roboter wurden sie diesmal nicht ersetzt, sie gingen auch ganz klassisch einer nach dem anderen von der Bühne, nachdem sie jeder noch ein Solo (!) gespielt hatten, stolz und wissend: Das Museum, das sie betreiben, ist einzigartig; und über diese längst vergangene Zukunft kann niemand so gut erzählen wie sie.