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Elliott Erwit: "Ich nehme es sehr ernst, nicht allzu ernst zu sein"

Elliott Erwitt
Elliott Erwitt(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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US-Fotograf Elliott Erwitt über Hunde, Menschen und massenhafte Handyfotos.

Man verbindet Sie als Fotograf in erster Linie mit Fotos von Hunden. Warum die vielen Hundefotos?

Elliott Erwitt: Ich mag Hunde. Ich habe acht Bücher über Hunde gemacht und hatte selbst einen Hund. Sie sind einfach gute Objekte, und sie sind überall. Außerdem fragen Hunde nicht nach kostenlosen Abzügen...

 

 

Wurden Sie eigentlich jemals gebissen?

Bisher nicht. Aber ich wurde ein paar Mal angepisst.

 

 

Sie sind mit Ihren 86 Jahren noch immer als kommerzieller Fotograf aktiv, Sie haben vor nicht allzu langer Zeit eine schöne Fotostrecke gemacht für einen schottischen Whisky-Hersteller. Stört es Sie eigentlich, dass man Sie nur für die Fotos kennt, die Sie privat gemacht haben?

Nein, ich bin froh, dass Menschen meine Fotos überhaupt mögen. Das ist schon eine Anerkennung. Ich bin ein Amateurfotograf neben meinem Beruf als Berufsfotograf. Vielleicht sind meine Amateurbilder einfach die besseren.

 

 

Ihre Hundefotos sind voller Witz. Es heißt, Sie hätten teils gebellt, um die Aufmerksamkeit der Hunde für ein Foto zu erregen. Sie haben auf Ihrem Gehstock eine Hupe und verwenden Sie auch. Sind Sie albern?

Naja, ich bin kein ernsthafter Fotograf wie vielleicht viele meiner Kollegen. Aber ich nehme es sehr ernst, nicht allzu ernst zu sein.

 

 

Könnten Sie heutzutage in unserer so auf Privatsphäre bedachten Zeit eigentlich noch die Fotos machen, die Sie vor einigen Jahrzehnten gemacht haben? Menschen reagieren heutzutage ja teilweise richtig aggressiv, wenn man sie auf der Straße fotografiert.

Wenn sie einen fotografieren sehen, ja. Aber ich frage nie um Erlaubnis. Warum sollte ich? Das lenkt nur die Aufmerksamkeit auf einen, und die Bilder sind gestellt. Das ist nicht meine Art der Fotografie. Als Street Photographer sollte man gar nicht wahrgenommen werden. Nur so kann man wirklich gute Straßenfotografie machen. Aber es stimmt schon, die Einstellung der Menschen gegenüber einem Fotografen hat sich geändert. Sie sind nicht mehr erfreut, wenn man sie fotografiert, sondern oft verärgert. In Frankreich ist es überhaupt ziemlich schwierig geworden, Menschen auf der Straße zu fotografieren, weil es ein Gesetz gibt, das es Menschen ermöglicht, den Fotografen zu klagen.

 

 

Hat man als Privatperson nicht ein Recht auf das eigene Bild? Auch darauf, dass man nicht mit einem peinlichen Foto sofort überall im Internet aufscheint.

Wenn man jemanden mit dem Foto nicht beleidigt oder ihn lächerlich macht, finde ich es durchaus in Ordnung, heimlich Fotos zu machen. Außer bei Paparazzi.

 

 

Ist die klassische Straßenfotografie, die Fotografen wie Henri Cartier-Bresson, Sie oder auch Lee Friedlander berühmt gemacht hat, heute tot?

Ja, ich glaube schon. Wobei: Tot ist so ein harter Ausdruck. Sie wird wahrscheinlich nicht mehr so geschätzt wie früher. Dazu kommt die Bilderflut, die es heute gibt. Jeder, der ein Handy hat, ist auch schon ein Fotograf.

 

 

Aber nicht unbedingt ein guter. Auch nicht jeder mit einem Kugelschreiber ist schon ein brillanter Schriftsteller.

Stimmt, aber die digitale Fotografie macht es so einfach für jeden, Fotos zu machen. Und wenn etwas zu einfach ist, dann werden die Menschen gemütlich. Als es noch keine Digitalkameras gab, musste man sich ein wenig anstrengen. Fotografie war nie Hirnchirurgie, aber es hatte etwas Überlegung und Mühen gekostet, ein Foto zu machen. Und das ist das Problem: zu viel, zu leicht und deshalb wird auch nicht mehr so mitgedacht. Das führt dazu, dass die meisten Fotos nicht gut sind. Deshalb wird Straßenfotografie vielleicht auch nicht mehr so geschätzt, weil sie heute selten wirklich gut ist.

 

 

Was sind überhaupt gute Bilder? Welche Fotos, außer die eigenen, hängen bei Ihnen zu Hause an der Wand?

Das ist sehr subjektiv. Manchmal erkennen Menschen gute Fotos als gute Fotos, manchmal halten sie schlechte Fotos für gute Fotos. Ich habe ein paar Fotos, die mir Henri Cartier-Bresson gegeben hat. Das sind signifikante, historische Bilder.

 

 

Fotografieren Sie mit digitalen Kameras?

Es hängt vom Auftrag ab. Für viele meiner kommerziellen Aufträge ja, auch weil es die Auftraggeber verlangen. Es ist einfach leichter, damit zu arbeiten. Aber privat fotografiere ich noch immer mit Film und mit einer Leica. Ich habe mich an Film gewöhnt, ich mag ihn, und ich mag die Resultate, die ich damit erziele.

 

 

Glauben Sie, dass man mit einer manuellen Kamera bewusster fotografiert als mit einer Digitalkamera mit vielen Spielereien?

Vielleicht. Ich bin grundsätzlich mit digitalen Sachen furchtbar dumm. Aber eigentlich kommt es darauf an, wie man die Werkzeuge, die einem zur Verfügung stehen, nützt. Das ist auch bei der Wahl des Films so: Mir ist egal, ob ein Bild schwarz, braun, blau oder schwarz-weiß oder in Farbe ist. Es kommt auf das Bild an. Ich habe einfach für meine privaten Aufnahmen in erster Linie Schwarz-Weiß verwendet, für meine berufliche Arbeit meist Farbe.

 

 

Wie gehen Sie an Ihre Arbeit heran?

Ich hab keine bestimmten Regeln. Ich stehe nicht auf mit dem Ziel, dass ich heute ein Foto für die Ewigkeit mache. Ich gehe einfach hinaus in die Welt und mache Fotos. Wenn man Glück hat, ist ein gutes darunter, das den Menschen gefällt. Ich denke nicht viel darüber nach, ich habe auch keine Regeln. Ich mache nur Fotos.

Steckbrief

Elliott Erwitt
gehört neben Robert Capa und Henri Cartier-Bresson zu den Ikonen der Fotografie des 20.Jahrhunderts. Er wurde 1928 in Paris geboren, seine Familie übersiedelte aber bald in die USA, wo er unter anderem für das legendäre „Life“-Magazin arbeitete.

Berühmt wurde Erwitt mit seinen Fotos von Hunden. Die teils skurril kombinierten Mensch-Hunde-Bilder hat er in mehreren Büchern veröffentlicht, die bekanntesten sind „Son of Bitch“ und „Dog Dogs“.
Guschelbauer/Westlicht

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2014)