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Nachruf: Der wahre Lorin Maazel

Lorin Maazel
Lorin Maazel(c) APA/EPA/KARL MATHIS (KARL MATHIS)
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Wien hat ihm übel mitgespielt. Hier entstanden aber auch Aufnahmen, die lang fortbestehen werden. Zum Tod des Dirigenten, der mit 84 Jahren in den USA gestorben ist.

Nicht alle Musikfreunde fanden ihn sympathisch – aber Respekt brachten ihm alle entgegen: Lorin Maazel galt unter Kennern jedenfalls als souveräner Beherrscher seines Handwerks. Weshalb man ihm hie und da eine gewisse Kälte und Distanz nachsagte. Die Sicherheit seiner Gebärden führte manchmal dazu, dass Musikfreunde vergaßen, worauf es im Konzert ankommt. Das ist ein Phänomen des Fernsehzeitalters. Zuallererst zählt die Optik.

Mit Videoaufnahmen Lorin Maazels – deren er viele hinterlässt, denn er war gewiss einer der meistgefilmten Klassik-Künstler unserer Zeit – lässt sich ein aufschlussreiches Exempel statuieren: In dem Moment, in dem man das Bild abdreht und nur noch zuhört, gewinnt die akustische Komponente eine Lebendigkeit und Vieldimensionalität, die hinter der Fassade eines konzentriert organisierenden Kommandeurs am Dirigentenpult leicht verblassen kann.

In diesem Sinne lässt sich behaupten, dass Maazel für viele, die sich bei seinen Auftritten allzu sehr vom Augenschein blenden ließen, posthum noch Überraschungen bereithält. Über ihn ließe sich eine spannende Biografie ausschließlich mittels Rezensionen seiner Aufnahmen schreiben. Das wäre wohl in seinem Sinne, denn seine Lebensgeschichte wusste er im Hintergrund zu halten, auch auf dem Höhepunkt seines Ruhms, als das Blitzlichtgewitter der Reporter ihn kräftig illuminierte.

Der erste Amerikaner und jüngste Dirigent bei den Bayreuther Festspielen, Kurzzeit-Direktor der Wiener Staatsoper, doch Rekordhalter als Neujahrsdirigent der Philharmoniker, seit diese ihr Medienspektakel wechselnden Maestri anvertrauen, Arrangeur von Aufführungen der neun Beethoven-Symphonien innerhalb eines Tages und auch des ersten Gastspiels der New Yorker Philharmoniker in Pjöngjang, Dirigent des meistverkauften Klassik-Albums mit Andrea Bocelli – es gab immer viel für die Klatschspalten zu beplaudern, dazu drei Ehen, sieben Kinder, fünf Enkel.

 

Lollipops für den Kinderstar

Und doch war Maazel kein „Seitenblicke“-Star, er machte Karriere als hervorragender Musiker. Die diesbezügliche Weichenstellung gelang ihm buchstäblich wie im Kinderspiel. Mit fünf begann er Geige zu spielen, mit neun stand er am Dirigentenpult. Arturo Toscanini bat „Little Lorin“ vor sein NBC-Orchestra. Dieser Mann war alles andere als leichtfertig, wenn es um große Klassik ging! Was hätte das für Schlagzeilen geben können: Die Musiker erschienen mit Lutschern zur Probe – legten diese aber bald weg: Schon der kleine Mann wusste, was er wollte.

Als Dirigent war er offenkundig eine Naturbegabung. Das verstand man noch in späten Jahren, denn das scheinbare Raffinement, mit dem er kleine rhythmische Nuancen anzuzeigen wusste, war eben nicht raffiniert, sein kleiner Finger reagierte einfach im richtigen Moment und gab den Spielern ein unmissverständliches Signal.

Für Maazel als diesbezüglich unvergleichlich begabten Organisator schienen wirkliche Herausforderungen erst bei undurchdringlichen Partituren vom Format der Achten Symphonie Gustav Mahlers zu beginnen. Die sogenannte „Symphonie der Tausend“ zählte denn auch zu seinen Bravourstücken – mit ihr kehrte er auch für zwei Abende an die Wiener Staatsoper zurück, aus der er sich 1984 nach nur zwei Spielzeiten mit der Bemerkung „Ein Gast muss wissen, wann er die Koffer zu packen hat“ verabschiedet hatte.

Der raue Wind, der Maazel von Medien und Kulturpolitik während dieser kurzen Direktorenfrist um die Ohren geblasen wurde, gehörte zu den grellsten Misstönen im Verlauf seines Lebens. Was der Organisator Maazel dem Haus als Strukturreform verordnete, erwies sich dennoch als dauerhaft; und von den Klangdokumenten, die sich erhalten haben, muss man nur den Mitschnitt von Puccinis „Turandot“ aus dem Juni 1983 hören, um zu wissen, zu welchen Höhen dieser Mann die Hundertschaft von Chor, Orchester und prominenter Solistenriege führen konnte. Es wird sich wenig Intensiveres finden.

Was sonst sollte man nun, nach Lorin Maazels Tod im Alter von 84 Jahren in seinem Heim in Virginia, „nachhören“?

 

Tönende Erinnerungen: Eine Auswahl

Wie faszinierend dieser Maestro als junger Mann auf Orchester und Publikum gewirkt haben muss, verrät nach wie vor sein Debütalbum, das er mit den Berliner Philharmonikern (für DG) eingespielt hat: Verschiedene „Romeo und Julia“-Vertonungen sind da zu hören – und gleich das „Fest bei Capulet“ in Hector Berlioz' „dramatischer Symphonie“ reißt den Hörer vom ersten Ton an vom Sitz: rhythmische Verve und rasantes Tempo, doch kein Moment der Unklarheit oder mangelnden Durchhörbarkeit!

Zu den exquisiten, bis heute kaum übertroffenen Schallplattenklassikern Maazels zählen auch Mendelssohns Symphonien 4&5 und einige der frühen Schubert-Symphonien mit den Berliner Philharmonikern (auf DG). Ein wenig später nahm der Dirigent mit den Wienern sämtliche Sibelius-Symphonien (Decca) auf – erste Wahl bis heute.

Der Berliner Mitschnitt des „Rings ohne Worte“, den der Komponist Maazel selbst aus Wagners Nibelungen-Tetralogie kompiliert hat (Telarc), zählt wohl zu den herrlichsten Orchesteraufnahmen aller Zeiten, die in Frankreich entstandenen Aufnahmen von Ravels Operneinaktern (DG) sind superb.

Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Wie schon gesagt, man sollte vor allem aufmerksam zuhören, er war ein Dirigent für die Ohren, kein Showmaster. Wer das zu seinen Lebzeiten schon durchschaut hat, bewahrt einige höchst prägende Momente erfüllten, intensiven Musizierens im Herzen, die leider nicht auf CD greifbar sind – das ätherisch-fragile Streichergespinst um Brangänes Wacherufe und die schmerzhaft intensiven Fiebervisionen aus dem Münchner „Tristan“, eine singuläre Sechste Mahler mit den Wiener Philharmonikern und eine atemberaubende Leonorenouvertüre aus dem Salzburger Festspielhaus...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2014)