Tour de France: Die Krönung des Solisten

Race leader Astana team rider Vincenzo Nibali of Italy cycles during the 54-km individual time trial 20th stage of the Tour de France cycling race from Bergerac to Perigueux
Vincenzo NibaliREUTERS

Vincenzo Nibali besiegelt am Sonntag seinen Triumph bei der Tour de France und gewinnt als sechster Fahrer alle drei Grand Tours. Das entthronte Team Sky ist unterdessen wieder geerdet.

Italiens Radsport-Tifosi blicken am Sonntag gebannt nach Paris. Auf den Champs-Élysées der französischen Metropole fährt Vincenzo Nibali seiner Krönung bei der 101. Tour de France entgegen. Als erster Italiener seit Marco Pantani 1998 wird er im Gelben Trikot die Ziellinie überqueren und mit seinem ersten Tour-Sieg zugleich Rad-Geschichte schreiben. Nach dem Erfolg bei der Vuelta 2010 und dem Heimsieg beim Giro d'Italia 2013 ist der 29-Jährige aus Messina der erst sechste Fahrer nach Bernard Hinault, Jacques Anquetil, Felice Gimondi, Eddy Merckx und Alberto Contador, der alle drei großen Rundfahrten gewinnen konnte.

Die Unterschiede zwischen Italiens alten und neuen Helden könnten nach außen hin nicht konträrer sein. Auf der einen Seite der 2004 verstorbene Pantani, der Glatzkopf mit Piratentuch und Ohrring, eine ganz und gar schrille Figur. Auf der anderen Nibali, ein Mann mit schier unerschütterlicher Miene, er ist die Zurückhaltung in Person. Nur auf dem Rad zeigen sich Ähnlichkeiten, beide stehen bzw. standen für Angriff und Risiko. Das unterstrich Nibali in den Alpen und Pyrenäen eindrucksvoll. Nicht umsonst triumphiert er mit Respektabstand, auf seinen ersten Verfolger Jean-Christophe Péraud hat er 7:52 Minuten Vorsprung.


Ausfälle als Makel. Nicht zu „umfahren“ ist die Frage, welchen Anteil an seiner Dominanz die Ausfälle von Chris Froome und Alberto Contador haben. Für Nibali selbst ist das nebensächlich. „Warum sollte dieser Sieg deswegen weniger wert sein? Ich sehe mich auf Augenhöhe mit beiden und habe im Vorjahr auch oft genug gegen sie gewonnen“, erklärte der Italiener. Nicht zuletzt entschied Nibali das – wenn auch kurze – Duell mit Contador für sich. Den Angriff auf der zweiten Etappe konterte der Astana-Profi mit Leichtigkeit und sicherte sich den ersten von vier Etappensiegen. Als der Spanier auf dem zehnten Teilstück aufgeben musste, wies Nibali dank starker Auftritte auf dem Kopfsteinpflaster bereits fast drei Minuten Vorsprung auf.

Fügung hin oder her, auch die Konkurrenz weiß Nibalis Leistung zu würdigen. „Ein Tour-Sieg ist ein Tour-Sieg. Man kann nur Leute schlagen, die vor einem sind. Alle Favoriten waren am Start, im Gegensatz zu Vincenzo haben es die anderen nicht ins Ziel gebracht“, betonte etwa Sky-Manager David Brailsford, bei dessen Team die Stimmung nach dem Höhenflug der letzten Jahre am Tiefpunkt angelangt ist. Ohne einen einzigen Etappensieg und mit Mikel Nieve Iturralde als Gesamt-18. schrammte das Team von Bernhard Eisel nur knapp am schlechtesten Tour-Abschneiden vorbei: 2010 belegte Wiggins den 24. Platz.


Sky-Fall. Seit dem Einstieg vor vier Jahren legte der britische Rennstall einen beeindruckenden Erfolgslauf hin, der im ersten britischen Gesamtsieg durch Bradley Wiggins 2012 und dem prestigeträchtigen Gewinn der 100. Tour-Auflage durch Chris Froome im Vorjahr gipfelte. 2009 im Zuge der Olympia-Vorbereitungen gegründet, wurde unter der Regie von Mastermind Sir David Brailsford das erfolgreiche Konzept der Bahn auf die Straße übertragen. Es setzt auf „marginal gains“; dass viele Kleinigkeiten in Summe eine signifikante Steigerung ergeben. Dafür wurde Know-how aus verschiedensten Bereichen, von der Aerodynamik bis zur Psychologie, zusammengeführt.

Im Vorjahr ließ der Streit um die Führungsrolle zwischen Wiggins und Froome erstmals Risse im Gefüge erahnen, das heurige Jahr holte den Rennstall endgültig auf den Boden zurück. 2014 steht auf der World Tour bislang nur Froomes Gesamtsieg bei der Tour de Romandie zu Buche, zudem je ein Erfolg auf der Europa bzw. US-Tour – noch magerer fiel die Bilanz nur im Auftaktjahr aus.

Die Konzentration sollte erneut der Tour gelten, die Sky mit der stärksten Mannschaft aller Zeiten in Angriff nahm, wie Brailsford betonte – und das trotz Wiggins' Nicht-Nominierung.


Vuelta als Chance. Drei Wochen später ist davon keine Rede mehr. Nach der verletzungsbedingten Aufgabe von Froome – der Titelverteidiger musste nach drei Stürzen mit Brüchen an beiden Handgelenken aufgeben – endete auch Plan B mit Richie Porte als neuer Nummer eins in einem Fiasko. Durch einen Magen-Darm-Infekt geschwächt brach der Australier in den Alpen völlig ein und verspielte alle Siegchancen. „Krankheiten, Stürze und Materialprobleme gehören zu diesem Sport“, hieß es bei Sky. Die im Anschluss ausgegebene Jagd nach Tagessiegen erwies sich wie schon beim Giro als Herausforderung, die dem aktuellen Team nicht liegt. „Der Sport hat seine Zyklen, und Scheitern gehört dazu. Entscheidend ist, wie man daraus hervorgeht“, sagte Brailsford.

Mitten im sportlichen Desaster ereilte die Briten noch eine Hiobsbotschaft. Sky, das eine absolute Nulltoleranz in Sachen Doping vertritt, hatte plötzlich ein schwarzes Schaf in seinen Reihen. Jonathan Tiernan-Locke wurde vom Weltverband wegen Unregelmäßigkeiten in seinem biologischen Pass im Jahr 2012 rückwirkend für zwei Jahre gesperrt. Zur betreffenden Zeit fuhr der im Vorjahr engagierte Brite zwar noch für das drittklassige Endura-Team, trotz umgehender Entlassung blieb dennoch unerwünschte Publicity.

Eine Chance auf einen versöhnlichen Saisonabschluss hat Sky noch: Bei der am 23. August beginnenden Vuelta könnten erstmals seit der Tour 2012 Froome und Wiggins gemeinsam bei einer großen Rundfahrt starten. Nicht umsonst beschränkte der vierfache Bahn-Olympiasieger seinen Auftritt bei den Commonwealth Games in Glasgow nur auf die Teamverfolgung. Hoffnung schöpft Brailsford aus seinem Credo: „Man lernt aus Niederlagen wesentlich mehr als aus Erfolgen.“ Davon hat Sky vorerst genug zu analysieren.

Steckbrief

Vincenzo Nibali
geht heute im Gelben Trikot in die 21. und letzte Etappe der Tour de France, auf der traditionell nicht mehr angegriffen wird. Damit ist dem Italiener der erste Gesamtsieg nicht mehr zu nehmen.

Fünf Fahrer
haben vor Vincenzo Nibali (Vuelta 2010, Giro 2013) bislang alle drei Grand Tours gewonnen: Die Franzosen Bernard Hinault und Jacques Anquetil, der Belgier Eddie Merckx, der Italiener Felice Gimondi sowie der Spanier Alberto Contador.

Das Einzelzeitfahrenam Samstag gewann der Deutsche Tony Martin (Omega Pharma-Quick). Nibali belegte mit 1:58 Minuten Rückstand auf Martin Rang vier.

APA

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2014)