Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Michael Michalsky: „Ich bin am Leben interessiert“

(c) Alexander Gnädiger
  • Drucken

Berlins Vorzeigedesigner Michael Michalsky im Gespräch über politisch inspirierte Mode, Wohnlandschaften und modeaffine Lebensmittel.

Er steht für Berlin wie wohl kein anderer Modedesigner. Seine Kreationen sind urban und lässig, seine berüchtigte StyleNite, ein Mix aus Modeschau und Konzert, ist der fulminante Höhepunkt jeder Berliner Fashion Week. Sogar der Bürgermeister der deutschen Hauptstadt, Klaus Wowereit, gehört zu seinen Kunden, Kollegen wie Karl Lagerfeld und Wolfgang Joop zählen dem Vernehmen nach zu seinen Fans. Die Rede ist von Michael Michalsky.
Aufgewachsen ist der Designer freilich gar nicht in Berlin, sondern in einem kleinen Dorf in Schleswig-Holstein. Später zog es ihn in die weite Welt, in den späten Achtzigern studierte er in London Mode. In den ersten Jahren seiner Karriere arbeitete er für Marken wie Levi’s, Adidas und MCM, 2006 gründete er dann in Berlin sein eigenes, nach ihm selbst benanntes Label. Einen Gastauftritt wird Michalsky demnächst auch in Wien absolvieren, wenn er am 8. September die MQ Vienna Fashion Week mit einer Show eröffnet. In einer Art Vorstellungsgespräch gibt Michalsky den „Schaufenster“-Lesern noch vor seinem Wien-Auftritt die Möglichkeit, seine Sicht der (Mode-)Welt zu erkunden.

Heuer zeigen Sie erstmals Ihre Mode in Wien. Meinen Sie denn, dass das Wiener Publikum Sie schon kennt?
Ich weiß nicht, wie bekannt ich hier bin. Aber wohl bekannt genug, um von den Organisatorinnen zur MQ Vienna Fashion Week eingeladen zu werden.

Wie würden Sie sich denn den Leuten vorstellen, die Sie noch nicht kennen?
(Lacht) Hallo, ich bin Michael Michalsky, 47 Jahre alt, lebe in Berlin und bin Modedesigner. Darüber hinaus bin ich fleißig, ehrgeizig, pünktlich, an Menschen sehr interessiert und lebensbejahend.

Und Ihr Label?
Das Label Michalsky steht für moderne, urbane, kosmopolitische Mode. Unser Mantra lautet: „Real clothes for real people“. Das heißt, ich designe individuelle Einzelteile mit dem Ziel, Lieblingsteile für Menschen zu schaffen.

Geheimnisvoll. Mit der Kollektion „Important Secrets“ kommt Michalsky nach Wien.(c) Beigestellt


Mit welcher Kollektion kommen Sie nach Wien?
Das konkrete Thema meiner Frühjahrskollektion 2015 lautet  „Important Secrets“. Dabei geht es um die aktuelle Diskussion um Datenschutz und Privatsphäre, in die permanent und ohne große Aufschreie vonseiten der Bevölkerung eingedrungen wird. In den Achtzigerjahren gab es in Deutschland eine Volkszählung. Leute sind mit einem Stück Papier herumgegangen und wollten von den Menschen wissen, wer einen Fernseher besitzt, wie viele Leute in einem Haus zusammenwohnen oder ob sie in einem Alt- oder Neubau leben. Die Bevölkerung ist damals auf die Barrikaden gegangen, hat sich geweigert, Auskunft zu geben, und zog sogar teilweise vor Gericht. Mittlerweile scheint sich aber keiner mehr darüber aufzuregen. Das finde ich komisch, und darauf will ich aufmerksam machen.

Fühlen Sie sich denn beobachtet?
Wahrscheinlich nicht mehr als jeder andere auch. Ich verfüge aber über keine Informationen, die mich zu einem Verdächtigen machen könnten.

Sind Sie dann also einfach ein politischer Mensch?
Sagen wir, ich bin am Leben interessiert, und mich beschäftigen natürlich dieselben Dinge wie andere auch. Ich bin aber in keiner Partei und hänge auch keine Plakate für Parteien auf. Aber wenn man in einer Demokratie lebt, dann ist dies nicht nur eine Hol-, sondern auch eine Bringschuld. Vor sechs Jahren hatte ich zum Beispiel eine Show mit dem Titel „Demo-Culture“. Es ging um den Einfluss der 68er-Bewegung bzw. der Politik der Grünen auf unsere Gesellschaft. Damals hatte ich T-Shirts mit dem Aufdruck „Atomkraft? Nein danke“ im Repertoire. Ein paar Jahre später kam dann der Atomkraftausstieg.

Wie spiegeln die Entwürfe das Thema „Important Secrets“?
Das erkennt man etwa an den Aussparungen, den Cut-Outs. Oder Materialien wie Metallic-Leder, die mich an Parabolantennen erinnern. Dann habe ich neue, kokonartige Schnitte dabei, um den eigenen Schutzraum, den Kokon darzustellen, habe mit netzartigen Materialien als Symbol für das World Wide Web gespielt.

Was unterscheidet Ihrer Meinung nach die Wiener von der Berliner Modewoche?
Die herkömmlichen Fashion Weeks, so auch die Berliner, laden allein Medienvertreter oder Leute aus der Modebranche ein. Der Endkonsument kann die Shows – wenn überhaupt – nur über Livestreams verfolgen. In Wien hingegen wird dem Konsumenten die Möglichkeit gegeben, die aktuelle Kollektion vor Ort und live zu sehen, sogar zu kaufen. Das hat viel mit Demokratisierung der Mode zu tun. Das finde ich cool. Das passt zu meiner Attitude.

War dies allein das auslösende Moment?
Daneben gibt es mir natürlich auch die Möglichkeit, die Bekanntheit meiner Marke zu steigern. Und mir gefällt auch die Stadt, in der ich schon oft war und Kunden besucht habe. Architektonisch gibt es hier so viel zu sehen. Die Zeit will ich dieses Mal nutzen, um mir das alles einmal anzusehen.

Sie interessieren sich für Architektur?
Ja, sehr sogar. Wäre ich nicht Modedesigner geworden, wäre ich nun wohl Architekt. Ich hatte sogar schon einen Studienplatz in Coburg.

(c) Beigestellt


Die Gestaltung von Räumen liegt Ihnen aber immer noch sehr am Herzen. Neben Mode kreieren Sie seit 2012 auch Interior-Kollektionen wie Teppiche, Sofas, Tapeten. Was ist dabei die Herausforderung?
Die Funktionalität. Das sieht man besonders gut bei meinen Sofas. Ich habe sie so designt, wie ich sie selbst gern nutzen würde.

Und wie möchten Sie ein Sofa am liebsten nutzen?
Ich sitze am liebsten mit Freunden auf meiner selbst designten Couch, dem Modell Berlin, und rede.

Und das Modell Berlin erfüllt diesen Anspruch?
Das Modell Berlin kann noch viel mehr. Es besteht aus lauter Einzelteilen, die man zusammensetzen und die Couch dadurch verlängern oder kürzen kann. Damit passt sich das Sofa den jeweiligen Größenverhältnissen des Wohnraums an. Dies ist von Vorteil, wenn man beispielsweise umzieht, sich die Räume also ändern. Außerdem können die Lehnen umgeklappt werden. So entsteht eine Arbeitsfläche beispielsweise für die Arbeit am Laptop.

Teppiche, Tapeten, Sofas – Michalsky richtet sich ein. Werden Sie nun alt und sesshaft?
Alt werde ich bestimmt, sesshaft aber nicht. Denn ich liebe Veränderungen. Und Mode ist Veränderung. Ich bin immer am Wandel interessiert. Ich bin kein Typ, der sagt, früher sei alles besser gewesen. Ich bin am Jetzt interessiert und überlege mir: Was kommt als Nächstes?

Und was kommt als Nächstes?
Da gibt es vieles. Grundsätzlich kann man den Interior-Bereich noch ausbauen. So könnten im nächsten Jahr noch Stäbchen und Schalen zur Tableware hinzukommen, die ich gerade für WMF kreiert habe. Auch der Heimtextilbereich, also Handtücher oder Bettwäsche, interessiert mich.

Alles Michalsky – ist das nicht auch ein wenig langweilig?
Das wird doch keiner machen, oder? Kunden kommen in meinen Laden und wollen vielleicht einen neuen Teppich. Und dafür biete ich Möglichkeiten an. Es wird doch keiner mit einer leeren Wohnung kommen und alle Einrichtungsgegenstände und Tapeten bei mir kaufen.

Und was ist mit Lebensmitteln à la Michalsky?
Ja, das habe ich mir auch schon überlegt. Gesundes Essen für Großstädte oder so etwas. Konkrete Vorstellungen habe ich aber noch nicht.

Tipp

Opening Act. Von 8. bis 14. September findet die Wiener Modewoche heuer statt. Wer außer Michalsky defiliert ist nachzulesen auf mqviennafashionweek.com