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Wenn neoliberale Ratten spekulieren

... und wie Bill Clinton politisch korrekt das Fundament zur globalen Finanzkrise schuf.

Menschen mit Ungeziefer zu vergleichen, ist in der deutschsprachigen Publizistik aus der Mode gekommen, zumindest seit die Auflage des NS-Blattes „Der Stürmer“ (dessen Spezialität die Gleichsetzung von Juden mit Ratten war) im Jahre 1945 umständehalber zurückging. Um so mehr ist es irgendwie erfrischend, dass ausgerechnet das Magazin „profil“, traditionell mit einem höchst empfindlichen Nazisensor gerüstet, in seinem jüngsten Leitartikel über die Finanzkrise zu einem wirklich gelungenen Sprachbild fand: „Vorvergangene Woche, als der Kahn schon sank, spekulierten neoliberale Ratten in New York auf den Verfall noch halbwegs gesunder Bankhäuser ...“

Jenen publizistischen Furor, der einen FPÖ-Politiker getroffen hätte, der etwas von „in New York“ (US-Ostküste!) „spekulierenden“ „Ratten“ herumlallt, können wir uns lebhaft vorstellen (dass der „profil“-Herausgeber in der gleichen Woche in einem Nachruf auf Jörg Haider zutreffenderweise an dessen diesbezüglich problematische Rhetorik erinnert, entbehrt da nicht einer heiteren Note). Aufschlussreich ist, dass „profil“-Chefredakteur Herbert Lackner, Autor der „spekulierenden Ratten“-Metapher, nicht nur dem Autor dieser Kolumne als durch und durch anständiger Kollege geläufig ist, der von der Sprache des „Stürmer“ so weit entfernt ist wie die „neoliberalen New Yorker Ratten“ von seinem Büro in der Wiener Hainburger Straße. Zu vermuten ist daher: Da war die Freude über das vermeintliche Versagen des Kapitalismus wohl so groß, dass die journalistischen Sicherungen durchgeknallt sind.

Dass wir gerade den Untergang des „Neoliberalismus“ erleben, kräht ja mittlerweile jeder Volontär, sobald er mit den Buchstaben des Alphabetes halbwegs unfallfrei hantieren kann; auch wenn sich immer mehr herausstellt, dass weniger der Markt, sondern eher der Staat (als Regulator, als Notenbanker und Gesetzgeber) versagt hat. Denn unumstritten ist, dass die amerikanischen „Subprime“-Kredite an finanzschwache Immobilienkäufer zentrale Ursache der Krise waren und sind. Wie die wirklich zustande kamen, beschrieb die „New York Times“ bereits am 13. 9. 1999: „Unter dem zunehmenden Druck der Regierung Clinton“ müsse der staatsnahe Immobilienfinanzierer „Fannie Mae“ künftig Hypothekarkredite „für Menschen mit ...geringen Einkommen bereitstellen“. Intention der Clinton-Administration war, den Anteil nicht-weißer Hauseigentümer zu steigern. („Fannie Mae“ stand damals auch unter Verdacht, Weiße bei der Hypotheken-Vergabe zu bevorzugen.) Präzise beschrieb die NYT die Gefahr dieser politisch motivierten Kredite an Einkommensschwache: „Indem Fannie Mae derartige Kredite vergibt, entsteht das Risiko, dass das Unternehmen in wirtschaftlich schlechten Zeiten so in Not gerät, dass es von der Regierung gerettet werden muss ...“ Was ja auch neun Jahre später genau so eintritt, mit den bekannten Folgen für den Rest der Welt. – Nett, dass die Regierung Clinton armen Schwarzen zu Immobilienbesitz verhelfen wollte. Klassisches Marktversagen freilich sieht anders aus.

Ortners Kolumne erscheint diese Woche ausnahmsweise Samstag statt Freitag.

Christian Ortner ist Journalist in Wien


christian-ortner@chello.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2008)