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Finanzkrise: Das krachende Burgtheater

Karin Bergmann und Silvia Stantejsky Burgtheater Interview Krise
Karin Bergmann und Silvia Stantejsky(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Was den nächsten Direktor beschäftigen wird: Subventionen, Investitionen. Der Betrieb ist gefährdet, sagt Geschäftsführerin Silvia Stantejsky. Zurückhaltung bei teuren Tickets ortet Vizedirektorin Karin Bergmann.

Die Presse: Das Burgtheater läuft zwar gut, braucht aber mehr Geld. Meine Kollegen von der Wirtschaftsredaktion verstehen das nicht.

Silvia Stantejsky: Der Grund ist, dass die Erhöhungen der Ausgaben, beim Personal wie bei Sachkosten, trotz aller Sparmaßnahmen nicht durch Einnahmensteigerungen abzufangen sind. Die Karteneinnahmen des Burgtheaters machten bei einer fantastischen Auslastung von über 80 Prozent letzte Saison 10 Prozent der Ausgaben aus. Wären alle Karten weg, also auch jene mit schlechter Sicht im Burgtheater, sind durch den Kartenverkauf etwas mehr als 11 Prozent der Ausgaben zu decken. Da ist effektiv nichts mehr drin.

Karin Bergmann: Man merkt auch: Die Leute überlegen genauer. Wenn eine Familie mit Kindern ins Theater geht – 48 Euro kostet die teuerste Karte –, das ist dann schon eine beträchtliche Summe. Die Besucher geben das Geld nicht mehr so leicht aus.

Offenbar ist der Betrieb zu teuer? Die Subvention beträgt immerhin 43–45 Mio. Euro.

Stantejsky: Das Burgtheater hat verdammt viele Aufgaben zu erfüllen: Es hat laut Kulturauftrag ein repräsentatives Repertoire- und Ensembletheater zu sein, es hat sich der Pflege der klassischen und modernen Literatur zu widmen – alles auf höchstmöglichem Niveau. Die Erfüllung dieser gesetzlich formulierten Anforderungen kostet Geld. Die Subvention ist kein Geschenk, sondern die Bezahlung für die Erfüllung des Kulturauftrags vom Staat. Dazu gehört auch eine Preisgestaltung mit Rücksicht auf einkommensschwache Gruppen.

Wie ist der aktuelle Finanzbedarf des Burgtheaters? Sind Investitionen nötig?

Stantejsky: Wenn die Budgeterhöhung im Geschäftsjahr 2007/2008 von etwas über zwei Millionen Euro erhalten bleibt – derzeit gibt es ja nur ein Budgetprovisorium, weil es keine Regierung gibt –, dann sind es zusätzliche vier, wenn nicht, sind es sechs Mio. Euro, die wir für den Betrieb mehr benötigen. Außerdem müssten die jährlichen Gehaltserhöhungen abgegolten werden. Dann steht man nicht jedes Jahr auf der Matte und sagt: „Wir brauchen!“ Bei Investitionen ist die Situation dramatisch. Wir haben Auflagen vom TÜV und andere sicherheitstechnische Auflagen, deren Erfüllung wir ständig hinausschieben müssen.

Die Bundestheater haben 1992 ein Sonderbudget für Investitionen bekommen.

Stantejsky: Ja. Darauf hoffen wir auch jetzt, denn der Betrieb ist bereits gefährdet. Die Steuerung der Oberbühnenmaschinerie muss neu gemacht werden, der Bühnenboden wird immer wieder fleckerlteppichartig erneuert, aber das Darunter steht auch schon lange. Lichtstellpulte haben nur eine Lebenszeit von zehn Jahren. Für das Tonmischpult, das bei der Ausgliederung 1999 neu angeschafft wurde, gibt es nicht einmal mehr Ersatzteile oder Service etc. etc. Wenn man all die notwendigen Investitionen macht – das betrifft ja nicht nur uns, sondern auch die anderen Theater –, dann sind die Häuser wieder eine Weile auf dem letzten Stand der Sicherheitstechnik, der gesetzlich vorgeschrieben ist.

Bergmann: Österreich lebt sehr stark vom Tourismus, auch vom Kulturtourismus: Burgtheater, Oper, Festspiele. Wenn man da Schnitte macht, verliert man Geld. Das sind Verluste, die nicht mehr hereinzuholen sind. Das sollte die Politik viel mehr bedenken.

Die Bundestheater haben früher jedes Jahr mehr Geld gebraucht und bekommen. Das wurde kaum hinterfragt. Jetzt lehnen die Politiker Subventionserhöhungen meist ab, weil sie denken, die Theater sollen eben sparen.

Stantejsky: Das machen wir auf allen Gebieten! So wurden z.B. im Zusammenwirken mit den Betriebsräten neue Verträge für die Technik geschaffen. Die Arbeitseinteilung ist flexibel, es gibt keinen Anfall von Mehrleistungen. So wurde enorm an Kosten eingespart und trotzdem die Arbeitszufriedenheit erhöht. Wir haben über alle Bereiche, Kunst und Technik, über 10 Prozent weniger Beschäftigte gegenüber der Zeit vor der Ausgliederung. Die Subvention ist seit über zehn Jahren eingefroren. Wir haben getan, was möglich war. Irgendwann muss man sagen, jetzt ist Schluss, man kann nicht mehr reduzieren.

Frau Bergmann, Sie sind mit Claus Peymann ebenso ausgekommen wie mit Klaus Bachler. Sind Sie eine ausgleichende Person? Werden Sie auch Matthias Hartmann ertragen?

Bergmann:Ertragen habe ich noch keinen Direktor, sondern mit allen konstruktiv zusammengearbeitet. So habe ich es auch mit Matthias Hartmann vor. Funktioniert hat das bisher, indem ich klar meinen Standpunkt vertrete, keine Spiele spiele und immer offen sage, was ich meine. Darauf kann sich auch der neue Direktor verlassen. Mit Klaus Bachler herrschte von Anfang an Teamwork. Bachler und Peymann sind sehr unterschiedliche Menschen. Bei Peymann hatte ich als Pressesprecherin eine andere Position als bei Bachler als Vizedirektorin. Es ist auch ein Unterschied, ob ein Direktor das Haus von der Direktionsetage oder von der Bühne her leitet, wie es Matthias Hartmann tun wird. Für einen Regisseur ist das Burgtheater das schönste Theater, wegen der wunderbaren Schauspieler und der hervorragenden Arbeitsbedingungen.

Wie sehen Sie die Unterschiede zwischen den Direktionen, Frau Stantejsky? Die Deutschen am Burgtheater, das war früher ein Thema.

Stantejsky: Das wurde von außen ins Haus getragen. Ich sagte einmal spaßeshalber, ich trage keinen Knochen in den Haaren – obwohl ich eine „Eingeborene“ bin, kann ich lesen, schreiben und sogar rechnen. Es war eine anstrengende, aber interessante Zusammenarbeit mit Peymann. Wenn man 13 Jahre mit ihm gearbeitet hat, kann einen nicht mehr sehr viel erschüttern. Man war immer gezwungen, rasch und flexibel zu reagieren. Das war eine harte, aber gute Schule.

Frau Bergmann, Sie sind meines Wissens die erste Vizedirektorin des Burgtheaters. Wären Sie nicht gern Direktorin geworden?

Bergmann: In den ersten Jahren in Wien wusste ich noch nicht, dass ich so lange bleiben werde, da dachte ich schon, einmal ein eigenes Theater zu übernehmen. Aber nie in der Größenordnung des Burgtheaters.

Klaus Bachler leitet diese Saison das Burgtheater und die Bayerische Staatsoper. Die Männer fliegen herum, die Frauen arbeiten...

Bergmann: Das ist ein Klischee. Es gehört Leidenschaft zu dem Beruf. Man kann das nur machen, wenn einem klar ist, dass man von morgens bis abends im Haus oder erreichbar ist. Das ist bei Männern und Frauen gleich.

STARKE BURGFRAUEN

Karin Bergmann (55), seit 1999 Vizedirektorin des Burgtheaters, stammt aus Recklinghausen. Sie war mit Peymann am Bochumer Schauspielhaus und in Wien, außerdem bei den Vereinigten Bühnen (Intendanz Klausnitzer).

Silvia Stantejsky(53), Wienerin, seit 1.9. kaufmännische Geschäftsführerin des Burgtheaters, ist seit 1980 bei den Bundestheatern. [Fabry/2]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2008)