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„Menschen haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben“

Lenin und Gott - auf dem Gelände eines Steinmetzes friedlich nebeneinander.
(c) EPA

In Tschechien und Ost-Deutschland war der Kommunismus mit dem Ausmerzen der Religion erfolgreich.

Der Kommunismus ist explizit mit dem Programm angetreten, die Religionen auszurotten. Sofort nach der Oktoberrevolution in Russland starteten die neuen Machthaber um Lenin mit einer „monumentalen Propaganda“, um den „Religions-Drogendealern“ das Handwerk zu legen. Kirchengebäude wurden abgerissen oder in Lagerhallen umgewandelt, die religiösen Gemeinschaften wurden arg unter Druck gesetzt, Bischöfe landeten meist in Gefängnissen. Christliche Rituale sollten durch politische ersetzt werden. Ein fester Bestandteil einer sowjetischen Feier war beispielsweise ein Wagen mit einer Karnevalsfigur eines Priesters, der im Verlauf verbrannt werden sollte, berichtet der Philosoph Michail Ryklkin in seinem lesenswerten Buch „Kommunismus als Religion“ (Verlag der Weltreligionen).

In Mittel- und Osteuropa geschah nach dem Zweiten Weltkrieg Ähnliches: In manchen Ländern wurde die Religion radikal bekämpft – Albanien rief sich gar zum ersten atheistischen Staat der Welt aus. In anderen Ländern, etwa in Polen, trauten sich die Machthaber keine so drastischen Schritte. Überall glich die Kirche aber einem „sterbenden Baum“, soBeobachter. Abgeschnitten von den Wurzeln, verlor die Religion ihren Stellenwert in der Gesellschaft, Kinder wurden oft nicht mehr getauft, ohne Priester und Gottesdienste wurden ganze Staaten zu religiösen Wüsten.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 bekamen die Kirchen zwar wieder ihre Freiheit zurück. Viele Menschen waren aber durch zwei Generationen Kommunismus verändert. Das kommt auch klar in einer großen Studie zum Ausdruck, die der Wiener Pastoraltheologe Paul Michael Zulehner nun in Buchform veröffentlicht hat. Im Jahr 2007 untersuchte das Pastorale Forum – ein Verein zur Förderung der Kirchen in Ost(Mittel)Europa – mit Unterstützung des Wissenschaftsministeriums (BMWF) in 14 Ländern die Einstellung der Menschen zu Religiosität, Glauben und Kirchlichkeit.

 

Zahl der „Vollatheisten“ steigt

Demnach bezeichnet sich im Durchschnitt jeder fünfte Osteuropäer als nichtreligiös, 16 Prozent sehen sich als weder religiös noch nichtreligiös und 61 Prozent als religiös oder ganz besonders religiös. Das ist nicht allzu weit vom europäischen Durchschnitt entfernt. Die Veränderungen werden aber deutlich, wenn man die einzelnen Länder betrachtet. Am krassesten war die Entwicklung im ehemaligen Ostdeutschland und in Tschechien, wo die Nichtreligiösen die dominierende Gruppe sind: Nicht einmal jeder Vierte bezeichnet sich als religiös. „Polarisierte“ Länder sind etwa Slowenien, Bulgarien oder Ungarn – dort sind sowohl die Religiösen wie die Atheisten stark vertreten. In Rumänien, Polen, Kroatien oder Serbien hingegen bekennt sich eine klare Mehrheit der Bewohner zur Religiosität.

Schon im Jahr 1997 hatte das Pastorale Forum eine ähnliche Studie durchgeführt (allerdings in nur zehn Ländern). Im Vergleich ist die religiöse Zuordnung im Länderschnitt leicht gestiegen. Was dabei aber auffällt: Stark zugelegt hat die Religiosität vor allem in orthodoxen Staaten, die Slowakei ist der einzige katholisch dominierte Staat, für den das auch gilt. In allen anderen katholischen Staaten stagniert hingegen der Anteil der Religiösen oder geht sogar zurück. „Während sich die atheisierenden Kulturen verfestigten, zeigten religiöse Kulturen Abbauerscheinungen“, fassen die Autoren zusammen. Die Abnahme der religiösen Zuordnung ist nicht zuletzt ein Generationsproblem: In allen Staaten außer der Slowakei halten sich derzeit weniger 18- bis 29-Jährige für religiös als vor zehn Jahren.

In Ostdeutschland und Tschechien hatte der Kommunismus mit seiner Absicht, Religionen auszumerzen, jedenfalls Erfolg – der bis heute nachwirkt. „Atheismus ist in ihnen zu einer Art bleibender kultureller Selbstverständlichkeit geworden“, heißt es in der Studie. Kinder würden auch heute mehrheitlich ohne Gottesglauben aufwachsen. „Für diese Länder gilt, dass die Menschen vergessen haben, dass sie Gott vergessen haben.“

Wer sind nun diese Atheisten? Männer sind häufiger Atheisten als Frauen. In der Sozialstruktur gibt es eine auffällige Häufung in der unteren Mittelschicht. Unter Grundschulabsolventen und Maturanten ist der Anteil geringer. Es gibt auch einen „Intellektuellen-Atheismus“, doch dieser sei weniger stark. Nichtgläubige lehnen Kirchen und Religiosität nicht grundwegs ab. Viele zeigen laut der Studie eine auffällige Wertschätzung für Rituale wie Taufe oder Beerdigung. Auch bei den Erwartungen an Kirchen als soziale Organisationen fallen die Unterschiede zwischen Gläubigen und Atheisten eher gering aus.

Atheist ist freilich nicht gleich Atheist: Die Forscher unterscheiden je nach dem Grad der Ablehnung der Religion drei Gruppen: atheisierend, atheistisch und vollatheistisch. Im Schnitt aller Länder ist die Summe dieser drei Formen zwischen 1997 und 2007 praktisch nicht gewachsen. Doch überall ist der Atheismus markanter geworden: Der Anteil der Vollatheisten unter den Nicht-Gläubigen ist stark angestiegen, in Tschechien und Slowenien hat er sich innerhalb des letzten Jahrzehnts sogar verdoppelt.

Die Forscher führen den Glaubensverlust auf zwei Faktoren zurück, die parallel wirken, aber je nach Staat unterschiedlich stark ausgeprägt sind. In Tschechien und Slowenien könne die „Modernisierung“ der Gesellschaften als Ursache angenommen werden. Ein Indiz dafür: Vollatheismus ist vor allem bei jüngeren Menschen anzutreffen – was auf Langzeiteffekte eines weiter zunehmenden Atheismus schließen lässt.

In Ostdeutschland, Kroatien oder Ungarn hingegen ist der Vollatheismus besonders in der ältesten Bevölkerungsgruppe größer geworden – weshalb die Forscher Nachwehen des Kommunismus als Ursache vermuten. Das ließe darauf schließen, dass die Stärke des Phänomens mit dem Ableben dieser Generation schwächer wird. Es könnte aber auch sein, dass dieser Faktor ein statistisches Artefakt ist: Der bei der Umfrage 1997 geäußerte Gottesglaube könnte „nur eine provisorische Frucht inzwischen enttäuschter politischer Erwartungen und Hoffnungen sein“, heißt es. Demnach könnten die vor Jahrzehnten religiös sozialisierten Generationen nach der Wende einen sozialen Druck verspürt haben, sie als religiös zu „outen“ . Dieser Druck habe sich aber inzwischen mit der Ausbreitung des Liberalismus und mit der Verlangsamung des religiösen Wiederaufbaus verflüchtigt.

 

Paul M. Zulehner, Miklós Tomka, Inna Naletova:
Religionen und Kirchen in Ost(Mittel)Europa:
Entwicklungen seit der Wende. 208 S., brosch., 30,90 Euro (Schwabenverlag)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2008)