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„Gute Chefs sind wie Eltern“

Führung. Der Engländer Simon Sinek rät, Mitarbeiter zu Fans zu machen, und warnt Manager vor einer „Command & Control“-Mentalität. Von Michael Köttritsch

Die Presse: Wer ist im beruflichen Kontext ein Fan?
Simon Sinek: Ein Fan glaubt an etwas, er hält etwas für relevant. Ein Fan von J.R.R. Tolkien stellt eine Verbindung zwischen sich und Frodo her. Ein Fan meiner Arbeit findet eine Beziehung zu meinen Ideen und wird zu einem Begleiter.

Wie wird jemand zum Fan?
Man muss etwas aussenden, das einen Wert im Leben des anderen hat. Das ist in aller Regel etwas, das auch Wert in meinem Leben hat. Das beginnt meist sehr klein. Jemand hält meine Vorstellungen für gut und erzählt sie weiter.

Als Manager habe ich Vorgaben. Wie kann ich sie erfüllen und gleichzeitig Fans schaffen?
Man wird gern an den Zahlen gemessen, die man in bestimmter Zeit erreicht hat. Auch Fans zu gewinnen ist messbar – eben nicht so einfach. Das ist wie mit der Liebe.

Man kann Liebe messen?
Wenn Sie jemandem einen Heiratsantrag machen, bereit sind, Geld in die Zeremonie und das Rundherum zu investieren, dann sind Sie sich sicher, dass es das wert ist. So ist es auch mit den Fans: Es geht darum, Dinge aus einem guten Grund zu tun. Rückt man die Anzahl der Fans, die man gewinnen will, in den Vordergrund, ist das ein Zeichen, dass man sich nicht um die Menschen kümmert. Entscheidend ist die Reihenfolge. Viele Unternehmen halten es so: „Unsere Priorität ist das Wachstum und dann kümmern wir uns um die Menschen.“ Das ist wohl legitim, aber es macht es schwieriger, als wenn ich sage: „Wir haben diese Idee. Vielleicht finden sich Fans dafür und dann kommen die Zahlen.“ 

Wie lassen sich Fans messen?
Die traditionellen Messgrößen sind Umsatz, Gewinn, manchmal die Anzahl der guten Ideen. Die Messgrößen in Zusammenhang mit Fans sind Produktivität, Kooperation. Eine andere ist: Wenn die Führungskraft einen Fehler macht, unterstützen ihn die Fans. Einander zu helfen ist der beste Indikator und zu sagen: „Okay, wir versuchen es noch einmal.“

Das waren Auswirkungen im Inneren des Unternehmens. Wie wirken Fans nach außen?
Nehmen wir das Firmenlogo: Fans nutzen es, um etwas darüber auszusagen, wer sie sind. Wenn sie bei einer Firmenveranstaltung ein T-Shirt mit dem Logo geschenkt bekommen: Verwenden sie es zum Schlafen oder tragen sie es, wenn sie Freunde treffen? Wenn sie das Logo mit Stolz tragen, heißt das: „Ich bin ein Fan.“ Oder: Wenn jemand das Unternehmen kritisiert, werden Fans den Arbeitgeber wie ganz selbstverständlich verteidigen.

Kann jeder ein Fan werden?
Wenn die Bedingungen stimmen und das Unternehmen gut geführt ist, dann sicher.

Wie arbeite ich als Führungskraft mit Fans: anordnend, befehlend?
Zu kommandieren ist eine sehr kurzfristige Strategie. Was passiert, wenn der Kommandant weg ist? Was, wenn er Fehler macht?

Befehlen scheidet also aus.
Es gibt viele Filme über schlechte Führungskräfte, die herumschreien. Wissen Sie, warum es keine Filme über gute Führungskräfte gibt? Weil sie langweilig sind. In gut geführten Unternehmen geht jeder ruhig seiner Arbeit nach. Wenn etwas schiefgeht, wird das Problem gelöst, Veränderungen passieren nicht plötzlich, es gibt kein Drama. Aber das will niemand sehen.

Also soll der Führungsstil inspirierend, fürsorgend sein?
Ja. Gute Führungskräfte sind wie Eltern. Sie sorgen sich, sie stellen ihre eigenen Interessen zurück. Sie opfern sich in gewisser Weise für ihre Mitarbeiter auf.

Wenn Führungskräfte wie Eltern sind, dann sind die Mitarbeiter wie Kinder?
Vorsicht, dass es hier kein Missverständnis gibt. Mitarbeiter sind ja nicht kindisch. Es geht um das Gefühl der Führungskräfte, sich um die Mitarbeiter wie um Kinder zu sorgen und verantwortlich zu sein. Sie bieten Ausbildung, geben Raum zu probieren – und zu scheitern. Manchmal müssen sie bremsen, manchmal müssen sie sie ins kalte Wasser werfen. Manchmal helfen sie ihnen auf die Beine und manchmal erwarten sie, dass sie selbst wieder aufstehen. Und manchmal müssen sie streng sein.

Wofür sind Fans, also Mitarbeiter verantwortlich?
Sie folgen einer Vision, sie achten aufeinander und sie sind verantwortlich dafür, dass das Unternehmen Bestand hat.

Das heißt, sie sind nicht so leicht bereit, den Job zu wechseln?
Wenn ihnen das Unternehmen die Möglichkeit bietet zu bleiben, werden sie das tun. Wenn nicht, sollten sie gehen. Es ist eine zweiseitige Vereinbarung. Aber die Führungskraft kann das nicht kontrollieren. Die Führungskraft arbeitet für die Gruppe. Und solange sie das tut, werden auch die Mitarbeiter für sie arbeiten. Tut sie es nicht mehr, kann sie nicht erwarten, dass sich die Mitarbeiter um sie kümmern.

Zur Person

Simon Sinek gilt als unkonventioneller Managementdenker und Autor. Führung versteht er als Haltung, Mitarbeiter sieht er als Fans. Der 41-jährige Engländer war kürzlich beim „Business School Impact“ der Telekom Austria in Wien zu Gast.