"Rosetta"-Mission: Der erste Ritt auf einem Kometen

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Mittwoch Abend soll mit "Philea" zum ersten Mal eine Sonde auf einem Kometen landen. Federführend bei ihrem Bau war ein Salzburger.

Es gibt in der Geschichte der Menschheit manch markantes Datum: etwa den Tag, an dem Kolumbus in Amerika angekommen ist (12.Oktober 1492), den Tag, als der erste Mensch den Mond betreten hat (21.Juli 1969). Mittwoch, 12.November 2014, könnte ein vergleichbarer Tag werden: Da könnte das erste Objekt von Menschenhand auf einem Kometen, einem dieser nahe an der Sonne vorbeijagenden hellen Schweifsterne, landen – nämlich das kleine europäische Landegerät Philae auf dem Objekt mit dem schwierigen Namen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko.

Der Schauplatz ist nicht eben um die Ecke: Der Komet, der auf seiner aktuellen Bahn einmal in sechs Jahren und 203 Tagen auf einem elliptischen Kurs in etwa zwischen der Bahn des Jupiters und der Erde um die Sonne fliegt (s. Karte, S.2), ist heute circa 510 Millionen Kilometer entfernt; ein Auto würde mit 130km/h 454 Jahre dorthinfahren, auch rasen brächte da vergleichsweise wenig.

Philae brauchte siebeneinhalb Jahre: Das quaderförmige Gerät, das 98Kilogramm wiegt und die Größe eines kleinen Kühlschranks hat, wurde im März 2004 von einer Ariane-Rakete der Europäischen Weltraumorganisation ESA von Kourou (Französisch-Guayana) aus gestartet. Philae ist mit der größeren ESA-Sonde Rosetta verbunden, beide wurden über einen komplizierten Kurs mit Passagen an Erde und Mars vorbei auf eine Bahn gebracht, die im August mit der von Tschurjumow-Gerassimenko (kurz: Tschuri) zusammenfiel. Seither senkte das Duo die Distanz zum Kometen auf teilweise unter 30km und kreist nun um diesen, der derzeit 66.000km/h schnell ist, wie ein Möndchen. Rosetta untersucht bereits seit Längerem den Kometen und seine Ausdünstungen.

 

Zehn Milliarden Tonne schwer

Um 9.35 Uhr (MEZ) wird Philae abgetrennt und soll um 16.30 Uhr landen, die Sache ist heikel (s. S.2). Da Signale von und zu den Sonden eine halbe Stunde unterwegs sind, wird eine Landebestätigung für 17 Uhr erwartet. Der Abstieg erfolgt ob der Zeitverzögerung automatisch und ist nicht beeinflussbar.

Der 1969 von den sowjetischen Astronomen Klim Tschurjumow (*1937) und Swetlana Gerassimenko (*1945, beides gebürtige Ukrainer) in der Sternwarte von Almaty (Kasachstan) entdeckte Komet hat eine eigenartige Form, als seien zwei Kartoffeln zusammengeklebt. Der größere Knollen misst vier mal drei mal einen Kilometer, der kleinere 2,5 mal 2,5 mal zwei Kilometer. Das rund zehn Milliarden Tonnen schwere Objekt besteht, wie fast alle Kometen, großteils aus Wassereis, gefrorenem Kohlendioxid, Kohlenmonoxid, Methan und Ammoniak. Kometen sind Reste der Frühphase des Sonnensystems, des Hadaikums, vor vier bis 4,6 Milliarden Jahren, da formten sich aus einer Staubscheibe um die Sonne die Planeten. Kometen bestehen fast unverändert aus damaligen Substanzen. Man glaubt, dass im Hadaikum zahllose dieser Objekte in Größen von hunderten Metern bis einigen Kilometern die Erde getroffen und einen (Groß-)Teil des hiesigen Wassers gebracht haben: Von Tschuris Volumen (25km3) könnten zehn Kubikkilometer aus Wasser bestehen, das entspricht einem Fünftel des Bodensees oder 2,5-Fachen des Attersees. Zudem könnten Kometen komplexe Moleküle wie Kohlenwasserstoffe, ja organische, fürs Leben notwendige Verbindungen wie Aminosäuren importiert haben.

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Untersuchung der Oberfläche

Philae ist nach einer heute überschwemmten Insel im Nil bei Assuan benannt, wo man anno 1815 Inschriften auf Griechisch und in ägyptischen Hieroglyphen fand, die mithalfen, das Entziffern der Hieroglyphen zu ermöglichen. Der Lander trägt zehn Instrumente zur Untersuchung der Kometenoberfläche und des Inneren und wurde federführend in Deutschland gebaut, mit Beiträgen acht anderer europäischer Länder, darunter Österreich. Auch für Rosetta zeichnete primär Deutschland verantwortlich, Bauherr war Astrium in Friedrichshafen am Bodensee.

Projektleiter von Philae und verantwortlich für die Landung ist der Salzburger Stephan Ulamec, der beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Köln tätig ist (s. S.2). Sehen kann man den Kometen derzeit zwar nur mit wirklich großen Teleskopen. Er befinde sich, sagt Alexander Pikhard von der Wiener Arbeitsgemeinschaft für Astronomie, am Südrand des Sternbilds Schütze, das von Österreich aus gesehen am Abend bis etwa 19 Uhr zwischen Südosten und Südwesten dicht über den Horizont zieht. Dort ist auch der Mars, er schält sich gegen 17 Uhr aus der Dämmerung; der Komet ist weiter hinten. Die ESA bietet auf ihrer Homepage schöne Tools dazu.

Livestream und Sternenkarte: www.esa.int

LEXIKON

Kometen sind Reste der Frühphase des Sonnensystems von vor vier bis 4,6 Milliarden Jahren und bestehen vor allem aus Eis, gefrorenen Gasen und und mineralischen Einträgen. Viele wurden von den Gasplaneten wie Jupiter und Saturn verschluckt, andere in Zonen jenseits der Bahn des Neptuns (Kuipergürtel) bzw. weit außerhalb (Oortsche Wolke, zwischen 0,03 und etwa 1,6Lichtjahren) verdrängt, wo sie zu Milliarden kreisen. Bisweilen werden einige von vorbeiziehenden Himmelskörpern Richtung Sonne losgetreten und gelangen auf eine Kreisbahn.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2014)