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Laura Poitras: "Ihr Europäer seid Freiwild"

NETHERLANDS CINEMA LAURA POITRAS
Laura PoitrasAPA/EPA/MARCO DE SWART
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Wie sie einst in Wien verhört wurde, wieso ihr die NSA-Affäre mehr Angst macht als die Bomben im Irak und warum sie weiß, dass sie observiert wurde: „Die Presse“ traf die engste Vertraute von Edward Snowden in Berlin.

Bis zur Wende hatte in diesem alten Gewerbehof in Ostberlin auch die Stasi ihre Abteilungen, dieses Ungetüm des totalitären DDR-Staats, das noch den letzten Winkel der Privatsphäre seiner Bürger auszuleuchten versuchte. Und nun empfängt hier Laura Poitras. Ausgerechnet. Die 52-jährige Dokumentarfilmerin ist die engste Vertraute von Edward Snowden und damit eine Hauptdarstellerin in diesem Spionagethriller, den das echte Leben gestrickt hat – und in dessen Verlauf die moderne Massenüberwachung enthüllt wurde.

Citizenfour hat sich der Unbekannte genannt, der Poitras vor knapp zwei Jahren über verschlüsselte Wege kontaktiert hat. Warum er sie ausgewählt habe, fragte ihn die Dokumentarfilmerin. „Du hast dich selbst ausgewählt“, schrieb Citizenfour. Hollywood-Stoff. Der Unbekannte spielte auf Poitras kritische Arbeit über Amerikas Politik nach 9/11 an, darunter ein Kurzfilm über die NSA. In einem Hotelzimmer in Hongkong übergab Citizenfour schließlich Poitras und dem Journalisten Glenn Greenwald die geheimen NSA-Dokumente – und erklärte: „Ich bin nicht die Geschichte.“ Er irrte. Am 1. Jänner läuft Poitras' Film „Citizenfour“ in den österreichischen Kinos an. Und er dreht sich um – Citizenfour alias Edward Snowden. Die Doku fängt anhand des Schicksals des Whistlebowers die Angst vor einem Überwachungsapparat ein, der überall und nirgends zu sein scheint.

„Das hier ist nie vorbei“

Und Poitras teilt diese Angst. Sie sagt, es fühle sich schlimmer an als im Irak. Für den mit einer Oscar-Nominierung prämierten Dokumentarfilm „My Country, My Country“ begab sie sich einst dorthin in den Krieg. „Täglich gingen Bomben hoch. Aber du wusstest, wenn du das Kriegsgebiet verlässt, ist es vorbei.“ Aber das hier „wird mich ein Leben lang begleiten“, sagt sie zur „Presse“. „Es ist eine andere Form von Angst.“

Ob sie observiert wurde? Poitras fährt sich nervös mit der linken Hand über den rechten Arm. Ihre Stimme wird leiser. Und der freundliche Blick stechend. „Ja, im ersten Monat nach meiner Rückkehr aus Hongkong (wo sie Snowden erstmals traf, Anm.). Ich habe das nicht nur gemerkt. Mir ist das später auch bestätigt worden.“ Sie könne nicht ins Detail gehen. Aber sie glaube auch gesehen zu haben, wer sie observiert hat – „ja, ich bin mir ziemlich sicher, ja“.
In ihrem Film gibt es eine beklemmende Szene, in der sich Snowden die Decke über den Kopf wirft – als Sichtschutz, um sein Passwort unbemerkt einzugeben.

Unsicherheitsfaktor Handy

Wie Poitras mit ihren Quellen kommuniziert? „Wenn ich auf Nummer sicher gehen will, verlasse ich meine Wohnung. Nicht, dass ich den Verdacht habe, dass sie verwanzt ist. Aber ich muss vorsichtig sein. Warum soll ich meine Quellen einem Risiko aussetzen?“

Poitras sitzt in einem halb leeren Raum im Haus B des alten Gewerbehofs, den Architekten, Künstler und Filmfirmen kapern. Was sie tun würde, um die Konversation hier abhörsicher zu machen? „Es ist nicht schwer für die herauszufinden, dass Sie sich hier mit mir treffen“, sagt Poitras. „Der größte Unsicherheitsfaktor ist Ihr Handy.“ Auch abgedreht? „Auch abgedreht.“ Die Fenster würde sie sich auch ansehen. „Aber ich bin nicht oft hier, ich glaube nicht, dass dieser Raum überwacht wird.“

Poitras' Angst vor dem Überwachungsstaat wurde schon lang vor der NSA-Affäre geschürt. Im Sommer 2006. Während eines Zwischenstopps auf ihrem Flug vom Filmfestival in Sarajewo nach New York. Und zwar auf dem Flughafen Wien. Ihr Name wurde ausgerufen. „Da stand ein Haufen Sicherheitsbeamter.“ Die Dokumentarfilmerin aus gutbürgerlichem Haus in Boston wurde mit dem Kleinbus in einen anderen Bereich des Flughafens eskortiert. „Sie fragten mich nach meiner Arbeit. Ich sagte, dass ich Filmemacherin bin.“

Zwischenfall in Wien

Ihr Gepäck sei durchsucht worden. „Ich hatte Filmkataloge und DVDs dabei. Ich habe dem Sicherheitschef sogar eine angeboten.“ Die Stimmung kippte. „Ich hatte den Eindruck, dem Personal kam die ganze Situation verrückt vor. Alle waren sehr freundlich und begannen sich zu entschuldigen.“ Und Poitras stellte Fragen: Wieso sie gestoppt werde? Es liege nicht an ihnen, sondern an den Amerikanern, habe man ihr mitgeteilt. Es gebe da eine Gefährder-Liste – und sie habe die höchste Punktezahl – „400 von 400“. Die damals zuständige Firma erklärte gegenüber der „Presse“, man habe im Auftrag von Airlines diese „Dokumentenchecks“ durchgeführt. Ihre Einstufung habe man den Befragten aber nie mitgeteilt.

Britische Spionage schlimmer

Mehr als 40-mal wurde Poitras in den nächsten sechs Jahren bei der Einreise in die USA verhört. Wegen ihrer Irak-Doku? „Ich weiß es nicht“, sagt Poitras. „Das ist ja der Skandal. Diese Listen sind geheim. Du kannst nicht einmal versuchen, deinen Eintrag entfernen zu lassen.“ Doch Öffentlichkeit schützt. Wegen der Pulitzerpreis-Verleihung flog sie aus dem Berliner Exil in die Heimat – „mit einem Anwalt an der Seite und nervös“. Poitras blieb unbehelligt.

Nach Großbritannien wagt sich die Filmemacherin vorerst nicht. „Meine Anwälte raten mir davon ab. Aber vielleicht fordere ich es eines Tages heraus.“ Pressefreiheit und Privatsphäre seien dort weniger geschützt als in den USA. „Auch die Überwachung ist schlimmer“, sagt Poitras. Im Zug der NSA-Affäre ließ der britische Geheimdienst Datenträger der Zeitung „Guardian“ zertrümmern. Und die Bilder eines sichtlich erschrockenen David Miranda gingen um die Welt. Knapp neun Stunden lang wurde der Lebensgefährte von Glenn Greenwald in London als Terrorverdächtiger verhört.

Das war im Sommer 2013. Mittlerweile ist die Aufregung um die NSA-Affäre spürbar abgeflaut. Soziale Netzwerke werden weiter mit privaten Daten geflutet. Ganz freiwillig. Und die (meist wenig anwenderfreundlichen) Verschlüsselungstechniken verwendet kaum jemand. Mission gescheitert? „Nein. Google hat begonnen, seine Server zu verschlüsseln. Sein Maildienst Gmail ist jetzt sicherer“, sagt Poitras. Und das sei erst der Anfang „Die Leute werden beginnen, Fragen zu stellen. Es braucht nur ein paar negative Beispiele, und die werden kommen. Nehmen Sie den Hack bei Sony Pictures. Seine private E-Mails will niemand in der Öffentlichkeit sehen.“

Top Secret

Verblüfft ist Poitras, dass Europa keine geschlossene Reaktion gezeigt hat. „Ich würde gern wissen, warum ihr nicht besorgter seid, dass eure Kommunikation über die USA und Großbritannien läuft. Der NSA-Politik zufolge seid ihr Freiwild.“ Anders als die Fünf-Augen-Staaten (Australien, Großbritannien, Kanada, Neuseeland, USA). Die meisten Länder sind aber nicht nur Opfer, sondern auch Partner. Darunter Österreich. „Die NSA ist wegen eures Neutralitätsstatus vorsichtiger. Das Dokument, das die Partnerschaft belegt, ist als Top Secret eingestuft.“ Über Österreich, sagt Poitras, werde es noch viel zu berichten geben.