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Michael Reichelt: "Ich wollte nie ein Einzelkämpfer sein"

Michael Reichelt setzt auf den Onlinehandel mit Lebensmitteln.
Michael Reichelt setzt auf den Onlinehandel mit Lebensmitteln.(c) Emmas Box
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Mit Emmas Box, einer gekühlten Abholstation für Lebensmitteleinkäufe, will Michael Reichelt den Lebensmittelhandel online-fit machen. Er glaubt, dass Hardware-Start-ups nachhaltiger sind als Apps.

Wann war für Sie klar, dass Sie Unternehmer werden wollen?

Michael Reichelt: Die Idee war nicht auf einmal da, das entwickelte sich im Lauf des Studiums – zuerst Betriebswirtschaft, dann Wirtschaftsingenieurwesen.

 

Was war für Sie das größte Hindernis auf dem Weg in die Selbstständigkeit?

Mitgründer zu finden, die persönlich und fachlich zu mir passen. Ich wollte nie ein Einzelkämpfer sein. Ich brauche den ständigen Austausch.

 

Wie haben Sie die richtigen Leute gefunden?

Meine zwei Mitgründer habe ich im Lauf des Studiums gefunden. Dass das passiert ist, dafür bin ich heute sehr dankbar.

 

Gab es die Geschäftsidee vor dem Team oder umgekehrt?

Die Idee gab es schon vor dem Team, sie entwickelte sich dann aber noch ziemlich weiter.

 

Was war die ursprüngliche Idee zu Emmas Box?

Die erste Idee war, bereits installierte Briefkästen zu kühlen. Die Deutsche Post betreibt bereits 3000 solcher Abholstationen, sie sind aber ungekühlt. Die Kühlung einzubauen war aber nicht umsetzbar. Wir haben uns dann entschieden, selbst ein Gerät zu entwickeln und herzustellen. Die zweite Frage war dann: Verkaufen wir so ein Gerät oder betreiben wir es selbst? Zum heutigen Zeitpunkt verkaufen wir die Gesamtlösung an Kunden.

 

Wann wussten Sie, dass Ihr Konzept aufgeht?

Da sind zwei Dinge zusammengefallen. Im Oktober konnten wir erstmals eine Finanzierungsrunde abschließen. Wir haben einen siebenstelligen Betrag eingesammelt. Ziemlich zeitgleich hat sich Zielpunkt/Unimarkt nach der Pilotphase für den Rollout unserer Kühlstationen in Linz und Wien entschieden (ab Frühjahr 2016, Anm.). Da haben wir dann gewusst, dass es funktionieren wird. Die Tatsache, dass es Konkurrenz gibt, spricht auch dafür, dass die Idee Zukunft hat.

 

Sie glauben also, dass sich der Onlinehandel im Lebensmittelhandel durchsetzen wird? Bisher sieht es nicht so aus.

Da bin ich mir ganz sicher. In der Schweiz, in Frankreich und auch in Großbritannien hat sich das schon durchgesetzt. Man hat auch in Österreich und in Deutschland 2014 eine erhebliche Veränderung auf dem Markt gespürt. Man muss sich nur anschauen, wie sich bei Billa die Online-Umsätze entwickelt haben. (Derzeit setzt Billa online drei bis vier Mio. Euro um, das entspricht etwa dem Umsatz von zwei Filialen, Anm.)

 

Umsätze sind das eine, aber damit Gewinn zu machen ist etwas anderes.

Die großen Lebensmittelhändler in Frankreich oder Großbritannien sind online schon profitabel. Das Argument, dass der typische Deutsche oder Österreicher online keine Lebensmittel kaufen will, lasse ich nicht gelten. Bei Zalando haben am Anfang auch alle gefragt, wer denn bitte Schuhe online kaufen soll.

 

Was war die beste Entscheidung Ihrer bisherigen Unternehmerkarriere?

Den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen und alles andere dafür fallen zu lassen, das war die beste Entscheidung. Eine weitere sehr gute war die Wahl unserer Produktionspartner. Die Elektronik und Software entwickeln wir selbst, die Produktion haben wir zu deutschen mittelständischen Unternehmen ausgelagert. Da haben wir sehr lang gesucht, ein halbes Jahr, dafür sind wir mit der Wahl jetzt sehr glücklich.

 

Wie viele Produktionspartner haben Sie?

Sechs große und viele weitere kleine. Die Kühlboxen sind ein komplexes Produkt, das kann man mit einem Auto und der Zulieferungsindustrie vergleichen.

 

Es heißt immer, Hardware-Start-ups haben einen schwierigen Stand in einer softwaregetriebenen Szene. Stimmt das?

Die Herausforderungen sind ganz anders. Man sagt ja immer, bei einem Software-Start-up geht alles schneller, und die Skalierbarkeit ist besser. Das trifft auf viele sicher zu. Dass ein Hardware-Start-up mehr Geld braucht, stimmt nur bedingt. In der Entwicklung vielleicht. Aber Software-Start-ups geben viel mehr für Marketing aus. In meinen Augen ist ein Hardware-Start-up, wenn das Produkt funktioniert, einen Tick nachhaltiger.

 

Warum?

Eine App kann in einem halben Jahr wieder tot sein. Ein physisches Produkt ist berechenbarer.

Gut gekühlt

Emmas Box ist eine Abholstation für Lebensmittel, die online gekauft wurden. Sie verfügt über drei Kühlzonen und wird an stark frequentierten Orten, etwa an Bahnhöfen oder U-Bahn-Stationen, angebracht.
Derzeit kooperiert Emmas Box mit dem Lebensmittelhändler Zielpunkt. 2016 werden in Wien
und Oberösterreich Boxen installiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2015)