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Schützenhilfe aus Grosny für Neurussland

A pro-Russian separatist from the Chechen ´Death´ battalion takes part in a training exercise in the territory controlled by the self-proclaimed Donetsk People´s Republic
Kämpfer des "Todes"-Bataillons(c) REUTERS (MAXIM SHEMETOV)
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Auf Seiten der Separatisten kämpfen 300 Tschetschenen des "Todes"-Bataillons. Gegenüber der "Presse am Sonntag" gibt der Kommandant an, auf eigene Faust in die Ukraine gekommen zu sein.

Es ist ein Gebot der Kriegskunst, seinen Feind genau zu kennen. Seine Stärke, seine Ausrüstung und seine Absichten. Es ist auch ein Gebot der Kriegskunst, seinen Feind zu schmähen. Apti Bolothanow versteht sich vor allem auf Letzteres. „Normalerweise heißt es: Ehre deinen Feind“, sagt er. „Aber wir sehen hier keinen ehrbaren Feind.“ Hier, das ist in der Ostukraine. Apti Bolothanow ist Tschetschene und Kommandant der tschetschenischen Kämpfer im ukrainischen Krieg. Er hat sich den Separatisten angeschlossen. Für die „Ukropy“, wie er die Ukrainer herablassend nennt, hat er nur Verachtung übrig. „Sie haben einfach keinen Kampfgeist“, behauptet der bärtige 35-Jährige, der sein Haar wie Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrow trägt – kurz und fransig auf der Stirn – und eine Militäruniform ohne Abzeichen. Seine Männer, 300 sind es, respektieren ihn auch so. „30 Tschetschenen können 2000 Ukrainer besiegen“, behauptet Bolothanow. Der Feind hinter der Front sei so schwach, da brauche es gar nicht viel mehr an tschetschenischer Hilfe, sagt er und lacht. „Wenn es sein muss, nehmen wir Kiew ein.“

Kämpfen und Tee trinken. Das Hotel Ramada in Donezk: Loungemusik, weiche Teppichböden, englischsprachiges Personal. Wenn man mit Apti Bolothanow sprechen will, findet man ihn für gewöhnlich hier, im vertraulichen Gespräch mit seinem Vize Wacha, einem bulligen Gleichaltrigen mit dichten Augenbrauen, der auf seiner Uniform die Aufschrift „Speznas“ trägt. Im schummrigen Cafe trinken die Männer Tee. Viel Tee. Vor dem Café hat Bolothanow zwei Leibwächter postiert. Sportliche Männer mit gepflegten Bärten, die ein beachtliches Arsenal an Waffen griffbereit am Körper tragen: Pistolen, Messer, Handgranaten und Patronen. Und falls etwas schiefgeht im einem Täschchen eine Verbandsrolle. Ungewöhnlich gut ausgestattet sind sie, die Freiwilligen.

Als freiwilligen Einsatz stellt Bolothanow seinen Kampf auf Seiten der ostukrainischen Separatisten im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“ jedenfalls dar: „Niemand hat uns eingeladen, niemand hat uns geschickt.“ Nein, Lohn würden er und seine Kämpfer natürlich keinen erhalten, meint er bauernschlau, dann wären sie ja Söldner. Es sei ein Solidaritätseinsatz für das „Volk der Donezker Volksrepublik“, und zwar „solange, wie es unsere Hilfe benötigt“.

Kämpfer aus dem Ausland, vor allem aus Russland, befeuern den Konflikt im Donbass. Bewaffnete aus dem Kaukasus tauchten auf Seiten der Separatisten erstmals im Mai 2014 in großer Zahl auf: Osseten, Abchasier und Tschetschenen. Sie gelten als besonders kampferprobt.

Ein weiteres Gebot des Krieges ist die Einschüchterung des Gegners. Auch die beherrschen Bolothanow und seine Männer sehr gut. Ihr Bataillon trägt den martialischen Namen Smert. Smert bedeutet Tod. 300 Kämpfer stehen unter Bolothanows Kommando. Sie tragen Tarnanzüge und als Erkennungsmerkmal ein Abzeichen mit der tschetschenischen Flagge. Sie rufen Allahu Akbar, Gott ist groß, wenn eine Kamera auf sie gerichtet ist, und präsentieren sich als gottesfürchtige Kampfmaschinen. Sie werfen sich in Pose, stapfen durch den Schnee, robben über ein Feld. In der Region östlich von Donezk, in den Industriestädtchen Charzysk, Zugres und Schachtjorsk sind die Männer postiert. Tschetschenische Kämpfer waren bei der Besetzung des Flughafens von Donezk Ende Mai 2014 dabei und bei der Schlacht um das Städtchen Ilowajsk im August, als die ukrainische Seite ihre bisher schwersten Verluste hinnehmen musste.

Verdienste um die Republik. Apti Bolothanow ist ein erfahrener Kämpfer. Seit 15 Jahren beschäftigt er sich mit nichts anderem. „Wenn man aus Tschetschenien kommt, weiß man, was Krieg ist“, sagt er. Er hat im Zweiten Tschetschenienkrieg gekämpft, der 1999 begann und offiziell erst 2009 für beendet erklärt wurde. Bolothanow diente bis vor kurzem in den Sicherheitsstrukturen von Präsident Ramsan Kadyrow. Für seine Leistungen wurde er 2008 von Kadyrow mit der Medaille „für Verdienste um die Tschetschenische Republik“ ausgezeichnet. Offiziell ist er aus dem Sicherheitsapparat ausgetreten. Er sei Major in Reserve, sagt er.

Bolothanow präsentiert sich als glühender Anhänger der Politik des Republikchefs, als Kämpfer gegen Terroristen und „Wahhabiten“. Kadyrow habe Tschetschenien – „die nun sicherste Republik in der Russischen Föderation“ – befriedet. Die Vergangenheit in den Sicherheitsstrukturen, der luxuriöse Lifestyle, das Auftreten als Bataillon – all das lässt den Einsatz der Tschetschenen organisierter wirken, als der Kommandant eingesteht. Zumal die Männer aus einer Republik kommen, in der jeder Lebensbereich unter der strengen Kontrolle des Lokalherrschers steht. Kadyrow selbst hat stets abgestritten, Kämpfer in die Ukraine gesandt zu haben. Er könne freilich nicht ausschließen, dass sich Männer in den Donbass aufmachen würden. Freiwillig natürlich.

Auch die zweite Mission, die der Kommandant und seine Männer haben, scheint ganz im Interesse Ramsan Kadyrows: die Verfolgung von Landsleuten, die auf der Gegenseite kämpfen. Namentlich Isa Munaew, Kommandant des Bataillons Dschochar Dudajew. Dudajew war tschetschenischer Anführer, der 1991 einseitig die Unabhängigkeit der Republik verkündete. Munaew ist sein Gefolgsmann, ein Veteran aus dem Ersten Tschetschenienkrieg, der gegen Russland kämpfte. Tschetschenische Exilanten haben sich ihm auf Seiten der Ukraine angeschlossen. In der Ukraine steht die Welt also Kopf: Da kämpfen tschetschenische Separatisten für die Einheit des Landes, und Föderalisten auf Seiten der Separatisten. Für die Kadyrow-Anhänger sind Munaew und seine Mitstreiter Todfeinde. „Jeder einzelne von ihnen wird zur Verantwortung gezogen werden“, droht der Reserve-Major. „Wir wissen, wer sie sind, wo sie sind und wer sie eingeladen hat.“

Seinen Feinden zu vergeben ist ein Gebot der Kriegskunst, das für Apti Bolothanow nicht in Frage kommt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2015)