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Blutiges Ende des Terrordramas

BRUSSELS BELGIUM Illustration picture shows a manifestation at the Grand Place Grote Markt in
(c) imago/Belga (imago stock&people)
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Polizei beendet doppelte Geiselnahme, erschießt „Charlie-Hebdo“-Attentäter und einen Mitstreiter, der sie freipressen wollte. Vier Geiseln sind tot. Die Terroristen beriefen sich auf al-Qaida im Jemen und IS.

Paris. Frankreich erlebte am Freitag Szenen wie in einem Krieg. Paris, ja, das ganze Land war in Angst, im Bann von Feuergefechten und Geiselnahmen. Millionen Bürger saßen vor dem Fernseher, um die Jagd auf die Terroristen mitzuverfolgen. Andere wagten sich überhaupt nicht mehr auf die Straße. Durch Paris hallten Polizeisirenen. Dann wieder wurde etwa gemeldet, alle Geschäfte an der Rue de Rosiers im jüdischen Viertel im Marais seien aus Sicherheitsgründen vorzeitig geschlossen worden. Die Einwohner der Hauptstadtregion hatten den Eindruck, ihr Land versinke am dritten Tag nach dem mörderischen Anschlag auf das Pariser Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ im Chaos.

Endlich, nach Einbruch der Dunkelheit, kam die erlösende Botschaft. Der Albtraum hatte ein Ende. Um etwa 17 Uhr starben die Kouachi-Brüder, die 54 Stunden zuvor zehn Mitarbeiter von „Charlie Hebdo“ und zwei Polizisten ermordet hatten. Chérif (32) und Saïd Kouachi (34) hielten sich seit etwa neun Uhr morgens in einer Druckerei in Dammartin-en-Goële, in der Nähe des Flughafens Charles de Gaulle, im Osten von Paris, mit einer Geisel verschanzt. Ein Handelsvertreter lief ihnen zufällig über den Weg, schüttelte einem der Verbrecher sogar die Hand, weil er ihn für einen Polizisten hielt. Die Sicherheitskräfte riegelten den Industriepark großflächig ab, verhandelten stundenlang mit den Jihadisten. Dann, gegen 17 Uhr, stürmten die beiden Terroristen aus dem Gebäude und feuerten um sich. Dabei wurden sie von der Polizei erschossen. Die Geisel blieb unverletzt. DiePresse.com berichtetet live.

Im Auftrag von al-Qaida

Vor seinem Tod soll Chérif noch den Fernsehsender BFM-TV angerufen haben. In dem Gespräch sagte er, vom al-Qaida-Ableger im Jemen beauftragt und finanziert worden zu sein. Chérifs Bruder Saïd besuchte 2011 ein Terrorcamp der al-Qaida im Jemen.

Zeitgleich mit der Aktion gegen die Kouachi-Brüder in Dammartin-en-Goële stürmten die Sicherheitskräfte einen jüdischen Supermarkt im Osten von Paris, in dem sich ein Komplize der Attentäter mit Geiseln verschanzt hielt. Amedy Coulibaly hatte den Supermarkt zu Mittag überfallen. Er wollte mit der Geiselnahme die zwei umzingelten Jihadisten freipressen. Auch Coulibaly nahm Kontakt mit BFM-TV auf. Er sagte in dem Telefongespräch, dass er sich der Terrormiliz Islamischer Staat, IS, zugehörig fühle. Er habe seine Aktionen mit den Kouachi-Brüdern abgestimmt. Den Zugriff der Sicherheitskräfte überlebte Coulibaly nicht. In dem Supermarkt entdeckte die Polizei auch vier tote Geiseln.

(c) Die Presse



Am Vortag hatte Coulibaly eine Polizistin in Montrouge bei Paris erschossen. Erst im Verlauf der Fahndung wurde klar, dass Coulibaly die „Charlie Hebdo“-Attentäter bereits aus der Zeit vor 2005 kannte. Sie waren Mitglieder derselben Terrorgruppe, des Buttes-Chaumont-Netzwerks, benannt nach einem Ortsteil von Paris. Alle drei waren polizeibekannt. Das Brüderpaar stand auf der Terrorliste der USA, war für Passagierflüge gesperrt.

Frankreichs Präsident, François Hollande, trat am Freitagabend vor die Fernsehkameras und nannte die Aktionen der Terroristen eine „Tragödie für die Nation“. Die Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt sei ein antisemitischer Akt gewesen. Das Staatsoberhaupt forderte die Franzosen auf, an dem Solidaritätsmarsch für die Opfer der Terroristen am Sonntag teilzunehmen und für Freiheit, Demokratie und Pluralismus einzutreten. Bei dem Solidaritätsmarsch wird Österreich durch Nationalratspräsidentin Doris Bures, Außenminister Sebastian Kurz und Innenministerin Johanna Mikl-Leitner vertreten sein.

Frankreichs Innenminister, Bernard Cazeneuve, rief die Franzosen dazu auf, besonders wachsam zu bleiben und zusammenzustehen. Diese 54 Stunden wird Frankreich lang nicht vergessen. Das Land ist traumatisiert.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2015)