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Wieder eine Affäre in Montauk

THE-AFFAIR
(c) Showtime (Craig Blankenhorn)
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Die US-Serie "The Affair", gerade mit einem Golden Globe geehrt, lässt einen Seitensprung da passieren, wo schon Max Frisch einen ansiedelte: im Küstenort Montauk.

Max Frisch hat die Vorlage geliefert. In seiner Erzählung „Montauk“ schilderte er 1975 das Wochenende einer Affäre im gleichnamigen Ort an der US-Ostküste. Das Werk war autobiografisch angehaucht und sorgte damals für einen kleinen Skandal, denn Frisch sparte nicht mit Hinweisen auf seine früheren Frauen. Auch die neue US-Serie „The Affair“ ist in Montauk angesiedelt, jenem idyllischen Ferienort der New Yorker Oberschicht auf Long Island – und auch hier ist die männliche Hauptfigur ein Schriftsteller. Noah Solloway reist mit Ehefrau Helen und den vier Kindern aus Manhattan an den Küstenort, um den Sommer in der Villa seiner wohlhabenden Schwiegereltern zu verbringen.

Schon beim ersten gemeinsamen Mittagessen in einem typischen amerikanischen Diner begegnet er der Kellnerin Alison. „Willkommen am Ende der Welt“, begrüßt sie die Familie freundlich, bevor sie die Bestellung aufnimmt und später die jüngste Tochter Stacey mit dem richtigen Griff vor dem Ersticken rettet. Beginnen nicht häufig die verrücktesten Geschichten am Ende der Welt?

Perspektivenwechsel alle 30 Minuten

Denn zwischen Alison und Noah, gespielt von „The Wire“-Star Dominic West, entwickelt sich bald eine Affäre. Auch Alison (Ruth Wilson) ist verheiratet, und zwar mit dem bodenständigen Pferderanchbesitzer Cole Lockhart. Die tiefe Traurigkeit, die die Frau ausstrahlt, wird bald aufgeklärt: Das Paar verlor den gemeinsamen vierjährigen Sohn und im Schmerz über den Verlust den Draht zueinander.

Beachtlich ist bei diesem Seriendrama, das am Sonntag mit dem Golden Globe ausgezeichnet wurde, zunächst das starke Ensemble: Neben West spielen Serienroutiniers wie Joshua Jackson („Dawsons Creek“) und Maura Tierney („Emergency Room“) mit. Außergewöhnlich macht die Serie aber weniger ihr Inhalt als die Erzählweise. Der Zuseher bekommt Beginn und Verlauf dieser Affäre abwechselnd aus ihrer, Alisons, und seiner, Noahs, Sicht geschildert. Denn es bleibt offenbar nicht bei der außerehelichen Verbindung. Im Lauf des Sommers kommt ein Mensch zu Tode, und wir wissen weder, wer noch warum. Detective Jeffries (gespielt von Victor Williams, bekannt als Doug Heffernans bester Freund in der Sitcom „King of Queens“) lässt sich die Ereignisse dieses Sommers also von den beiden schildern.

Die Stadien einer Affäre

Und natürlich sehen sie die Affäre in einem jeweils anderen Licht: Wenn Noah erzählt, war es immer Alison, die ihn verführt hat und er derjenige, der „Ich kann das nicht“ gesagt hat – und umgekehrt. In ihrer Schilderung ist es Noah, der ihr schon beim zweiten Treffen unter den Rock greift und sie am Rande einer Dinnerparty seines Schwiegervaters küsst, bei der Alison serviert. Die Autoren Sarah Treem und Hagai Levi sezieren die Stadien einer Affäre sehr authentisch: das zögerliche Herantasten und die Euphorie zu Beginn, das große Verlangen nach den ersten Treffen, die kleinen Lügen, die jeder Part zu Hause erzählt, die beginnende Distanz zwischen den Eheleuten, das Hinterfragen der eigenen Beziehung, die Sehnsucht nach dem neuen Menschen, der da aufgetaucht ist. Aber schließlich auch komplizierte Situationen, kleine Familiendramen, die Rückkehr der Vernunft und das langsame Abkühlen der Affäre. Die Serie geht da weiter, wo die Amour fou in anderen Filmen oft endet. Doch wie die Paarkonstellation am Ende der ersten Staffel aussieht, soll nicht verraten werden.

Als der Schwiegervater, ein berühmter Bestsellerautor, der Noah mangels dessen mikrigen schriftstellerischen Erfolgs bislang eher belächelt hat, von seiner Affäre erfährt, fragt er ihn, wieso er eigentlich so ein Drama daraus macht. Er habe als junger, frisch verheirateter Vater eine andere Frau getroffen und sich sagenhaft in sie verliebt. Er wollte nur mit ihr zusammen sein und entschied sich doch für seine Familie. Dank ihr habe er seinen ersten Bestseller schreiben können. Als Noah ihn fragt, ob er noch an diese Frau denkt, sagt er: "An jedem einzelnen Tag". (Und im Original klingt das "Every fuckin' day" natürlich besser.)

Am Rand der Liebesgeschichte geht es auch um die Atmosphäre in einem kleinen Touristenort, in dem jeder jeden kennt und die Bewohner von den Großstädtern, die jeden Sommer wie Heuschrecken über den Ort herfallen, abhängig sind. Alisons Ehemann Lockhart und seine drei Brüder haben große finanzielle Schwierigkeiten und können ihre Ranch nur schwer erhalten. So realistisch die Affäre erzählt wird, so störend ist die Kriminalgeschichte. Die  hätte es im Grunde nicht gebraucht. Passend sperrig für die scheinbar unauflösbare Geschichte ist dafür Fiona Apples Titelsong "Container". Dieses Drama hat zu Recht den Golden Globe gewonnen, Staffel zwei ist schon angekündigt.

„The Affair“, 10 Folgen, in Österreich bisher nur auf DVD.

 

In einer früheren Version dieses Textes hieß es irrtümlich, der Ort Montauk liege an der US-Westküste. 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2015)