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Nachruf: Waldemar Kmentt, Wiens Tenor-Psychologe

Archivbild - Waldemar Kmentt
Archivbild - Waldemar Kmentt(c) APA (WIENER Staatsoper)
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Als Mitglied des legendären Wiener Ensembles sang der 1929 geborene Wiener fast 1500 Mal in der Staatsoper: von bedeutenden Porträts wie Offenbachs Hoffmann bis zu Kleinstpartien. Er starb am Mittwoch.

Seinen ersten großen Auftritt feierte der Wiener Tenor als 21-Jähriger. 1950 akzeptierte ihn Karl Böhm als Solisten in einer Aufführung von Beethovens Neunter. Was das für die Reputation des gerade erst der Akademie entschlüpften Sängers bedeutet, kann heute kaum noch jemand ermessen.

Böhm hasste es, mit jungen, unerfahrenen Künstlern zusammenzuarbeiten. Umso schwerer wog sein Urteil über diesen Wagemutigen: Ein halbes Jahr danach war Waldemar Kmentt in der Staatsoper engagiert. Es sollte eine der fruchtbarsten Beziehungen zwischen einem Künstler und dem Repertoirebetrieb werden. Vier Jahre später, als die Sänger wieder ins renovierte Haus am Ring übersiedelten, war Kmentt schon ganz selbstverständlich der Jaquino, als Kurzzeit-Direktor Böhm den Auftakt zur Eröffnungs-Premiere des „Fidelio“ gab.

Fast 1500 Mal stand der Name auf den Abendplakaten. Ein halbes Jahrhundert lang. Kmentt gehörte von Anbeginn zum Kern des sagenumwobenen Wiener Mozart-Ensembles. Sein heller, beweglicher Tenor taugte für den Belmonte („Entführung aus dem Serail“) wie für beide Arien des Don Ottavio („Don Giovanni“) und für alle drei, die Mozart dem Ferrando (in „Così fan tutte“) zugedacht hat; wobei diese Kür kaum je von Kmentt verlangt wurde.

Jedenfalls waren die Wiener Intendanten begeistert über die Vielseitigkeit dieses Künstlers; und das Publikum liebte seine hintergründigen Gestaltungen vielschichtiger Partien. Nicht von ungefähr blieb seine Charakterisierungskunst aus Otto Schenks erinnerungswürdiger Inszenierung von Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ besonders im Gedächtnis haften.

 

Eminente Wandlungsfähigkeit

Wer in den Annalen nachblättert, welche Rollen Kmentt in Wien verkörpert hat, der wird über die Vielseitigkeit staunen. Die Papierform trügt nicht: Kmentt war tatsächlich wandlungsfähig genug, um so unterschiedliche Figuren wie den Hans in der „Verkauften Braut“ (eine seiner Leib-und-Magen-Partien) oder den Fürsten Schujski in „Boris Godunow“ glaubwürdig zu gestalten.

Epitheta wie „lyrisch“ oder „dramatisch“ wollten nicht genügen. Es war Kmentt, der da singend eine Persönlichkeit fasste, einen Text erzählte. Die jüngst erstmals „offiziell“ veröffentlichte Aufnahme von Mahlers „Lied von der Erde“ unter Carlos Kleiber beweist das aufs Schönste: Dieser Tenor genügt den herkulischen Anforderungen des einleitenden „Trinklieds vom Jammer der Erde“ ebenso wie dem milden Pastellton der Erzählung vom kleinen Jadetempel, der sich im Teich widerspiegelt ...

Als treues Mitglied der Staatsoper war sich Kmentt nie zu schade, nebst Hauptrollen auch kleinste Aufgaben – und heikle Rollen auch in neuen Werken – zu übernehmen. Und man ist sich in der Erinnerung nicht ganz sicher, ob der Schluss von Friedrich Cerhas „Baal“ nicht auch deshalb so prägnant im Gedächtnis blieb, weil Kmentt als prononcierter Sprecher im Spiel war.

Von 1978 bis 1995 gab der Sänger an die Studenten des Wiener Konservatoriums weiter, was er vom Opernbetrieb wusste; ein wunderbarer Impulsgeber auch als Lehrer.

Am Mittwoch ist Waldemar Kmentt kurz vor seinem 86. Geburtstag in seiner Heimatstadt gestorben. [ APA ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2015)