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Die Schande von Rotherham

A sign is seen near the Town Hall in Rotherham
(c) REUTERS (DARREN STAPLES)
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Jahrelang haben die Behörden in der englischen Stadt Rotherham Sextäter gedeckt, die 1400 Kinder missbraucht haben. Jetzt wurde der gesamte Stadtrat entmachtet.

Wien/Rotherham. Sarah war elf Jahre alt, als sie aus einem Kinderheim in der englischen Stadt Rotherham, in dem sie lebte, von zwei Männern abgeholt, in eine Wohnung gebracht, sexuell missbraucht und wieder im Heim abgeliefert wurde. „Ich dachte, dass ich längst als vermisst gemeldet sein müsste“, erzählte die heute junge Frau dem britischen Nachrichtensender BBC. „Doch niemand kümmerte sich darum. Die Polizei warf mir vor zu lügen. Die Heimleitung schickte uns nur auf unsere Zimmer.“ Einmal holte sie sogar ein Polizist ab und sprach mit der Direktorin. Zwischen 40- und 50-mal wurde sie innerhalb von sechs Jahren abgeholt und vergewaltigt.

Der Skandal um missbrauchte Kinder in der 260.000-Einwohner-Stadt Rotherham in der Grafschaft York nahe Sheffield sorgt für ein politisches Beben: Zwischen den Jahren 1997 und 2013 sind rund 1400 Kinder und Jugendliche sexuell ausgebeutet worden – mit dem Wissen der städtischen Behörden, die ihre Augen verschlossen haben.

Diese Woche wurde nun der gesamte Stadtrat entmachtet, nachdem ihm ein Bericht ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt hatte. Der 154 Seiten starke Report kam zum Schluss, dass die Stadtregierung mehr darauf bedacht gewesen sei, den eigenen Ruf zu wahren, als den schwächsten Bürgern beizustehen und den Sexring auffliegen zu lassen. Der britische Minister für Kommunen und lokale Selbstverwaltung, Eric Pickles, der die Untersuchung veranlasst hatte, entließ den gesamten Stadtrat und setzte für 2016 Neuwahlen an. Bis dahin sollen Beamte der Zentralregierung die Arbeit übernehmen.

 

Geschlagen und vergewaltigt

Der Stadtrat habe völlig versagt und kein Unrechtsbewusstsein an den Tag gelegt: Es gebe kein Problem und wenn doch, dann nur ein ganz kleines, um das man sich nicht zu kümmern brauche, schreibt die Autorin des Berichts, Louise Casey. Sie wirft den Mitgliedern „Schikane, Sexismus, Unterdrückung und falsch verstandene politische Korrektheit“ vor. Denn der Skandal spielt sich entlang einer heiklen Grenzlinie ab: Bei den Tätern handelt es sich nämlich um Männer vorwiegend pakistanischer Herkunft. Die Opfer waren überwiegend weiße Mädchen, die meist aus einem vernachlässigten Umfeld kamen. Die Kinder waren kaum älter als elf Jahre, wurden entführt, geschlagen, eingeschüchtert, mehrfach vergewaltigt, manchmal sogar in andere Städte für Gruppenvergewaltigungen gebracht.

„Das wahre Ausmaß der abstoßenden Verbrechen kann nur annähernd erahnt werden“, meinte die Autorin. Die Männer – in losen Netzwerken organisiert – sprachen die Mädchen in Einkaufszentren oder auf der Straße an – oder sie „bedienten“ sich – wie im Fall Sarahs – an städtischen Einrichtungen wie Kinderheimen.

Die Behörden – die Polizei, Kinder- und Jugendschutzeinrichtungen sowie das Sozialamt – breitete über alles zwölf Jahre lang den Mantel des Schweigens. Warnungen, Hinweise und Zeugenaussagen der Mädchen wurden ignoriert, Beweismaterial „verloren“. Berichte auf lokaler Ebene wurden zwischen 2003 und 2006 unterdrückt – scheinbar auch, um nicht als rassistisch gebrandmarkt zu werden. Falsch verstandene politische Korrektheit spielte offenbar ebenso eine Rolle wie das fehlende Verständnis für sexuelle Verbrechen. Und offenbar waren auch Männer auf höchster Ebene Teil des Verbrechernetzwerks.

Zehn Polizisten wurden suspendiert, gegen sie wird ermittelt.29 pakistanische Straftäter wurde angeklagt. Zu wie vielen Verurteilungen es kam, dazu kann der Stadtrat von Rotherham allerdings keine Angaben machen. (zoe)

HINTERGRUND

Zwischen 1997 und 2003 wurden in der englischen Stadt Rotherham etwa 1400 Kinder sexuell missbraucht und zur Prostitution gezwungen. Die Täter: Männer überwiegend pakistanischer Herkunft. Die Opfer: meist weiße Mädchen aus zerrütteten Verhältnissen. Die Behörden schauten jahrelang tatenlos zu, gingen Hinweisen nicht nach und ließen Beweise verschwinden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2015)