Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Einblick in Glawoggers Nachlass

INTERVIEW MIT REGISSEUR MICHAEL GLAWOGGER
Michael GlawoggerAPA/HERBERT NEUBAUER
  • Drucken

Bei Filmaufnahmen in Afrika ist Michael Glawogger 2014 an Malaria gestorben – die Diagonale in Graz zeigte neben Kurzfilmen auch Fragmente dieser Arbeit. Es war seine bisher radikalste.

Halbnackte Wrestler werfen sich unter der Sonne Senegals auf den Boden, ringen und raffen sich wieder auf, die Rücken weiß vom Wüstensand. Die Kamera folgt ihren Bewegungen, nimmt begierig diese zutiefst kraftvollen Bilder auf. Es ist eine Szene aus Michael Glawoggers unvollendetem „Film ohne Namen“, wobei es schwer fällt, ein Werk unvollendet zu nennen, dessen Form derart offen angelegt war. Der „Film ohne Namen“ sollte die Zufallsfrucht einer einjährigen Weltreise ohne künstlerische Zielsetzung werden, mit „Neugier und Intuition“ als einziger Triebfeder ambulanter Dreharbeiten. Zusammen mit Attila Boa (Kamera) und Manuel Siebert (Ton) war Glawogger knapp vier Monate in einem VW-Bus unterwegs, durch den Balkan, Italien und Afrika.

Während eines Aufenthalts in Liberia erkrankte er an Malaria und starb völlig unvermittelt am 22. April 2014. Es war ein abrupter und herber Verlust für alle, die ihn und sein Schaffen schätzten. Die schöpferische Energie des erst 54-jährigen Regisseurs schien noch lange nicht aufgebraucht, im Gegenteil: Sein letztes Projekt war konzeptuell sein radikalstes – dass es gefördert wurde, wirkt immer noch wie ein kleines Wunder und zeugt vom Renommee, das Glawogger nicht nur hierzulande als Spielfilmer und Dokumentarist innehatte.

Am Samstag gewährten Glawoggers Mitstreiter im proppenvollen Grazer Schubertkino auf der Diagonale einen ersten Einblick in die nahezu 70 Stunden Material, die das Team bis zum Unglück einfangen konnte. „I – Bare Brickwork“, „VI – Martial Bodies“ und „IX – Desert Train“: So lauten die provisorischen Titel der gezeigten Fragmente, insgesamt etwa 15 Minuten lang. Die Namen stammen von Glawogger selbst, später wollte er noch einen Text verfassen, um ihn assoziativ über die Bilder zu legen. Schnittmeisterin Monika Willi, die das vorläufige Exzerpt präparierte und teils unter Tränen präsentierte, sucht nun nach Möglichkeiten, dieser Intention gerecht zu werden. Eine große Herausforderung, wie sie in einem Interview verrät: „Die Annäherung an den Drehort, die Menschen und die Natur ist auch deshalb eine ganz andere, weil hier nicht über einen langen Zeitraum erkundet wurde, was Michael sonst immer gemacht hat. An einen Ort zu kommen, etwas vorzufinden und zu drehen: Dabei entwickelt sich naturgemäß ein anderer Blick auf die Welt.“

Willi hat das Material schon während der Reise bekommen, parallel geschnitten und sich immer wieder telefonisch mit Glawogger und seinen Begleitern ausgetauscht, um Ankerpunkte für die weitere Strukturierung zu finden. Nach der Senegal-Episode folgte eine elegische Passage aus Kroatien, langsame Fahrten entlang vom Krieg demolierter Häuser, ein Junge spielt mit seinem Hund, streift durch ein Weizenfeld. Unterlegt war die Szene mit einer vom Musiker Will Carruthers gelesenen Balkankriegserzählung des Autors William T. Vollmann sowie einem späten Song von Scott Walker aus der iPod-Reiseplaylist des Regisseurs; an anderen Stellen erklang der Soundtrack Wolfgang Mitterers. Es sind die ersten Versuche, den ungeschliffenen Aufnahmen eine poetische Form zu verleihen, damit man sie irgendwann im Geiste Glawoggers im Kino bestaunen kann.

Frühe Kurzfilme. Vor der Fragmentpräsentation führte der Philosoph Marian David mit Jugenderinnerungen an seinen Freund in eine kleine Schau früher Kurzfilme ein, darunter auch zwei Arbeiten, die dieser während eines Aufenthalts am San Francisco Art Institute realisiert hat. Als besonders schöne Verdichtung der Glawogger'schen Welt- und Kunstsicht erwies sich aber „Die Stadt der Anderen“, eine spielwütige Parallelmontage zweier Frauenleben zwischen Wien und Jugoslawien.

Am Ende der Veranstaltung gab es das Überraschungsscreening eines berührenden 8mm-Gedenkmoments: der junge Regisseur vor und hinter der Kamera. In einem der zuvor gezeigten Kurzfilme heißt es am Schluss: „Originally the story was going to continue.“ Nun liegt es an den Zuschauern, Glawoggers Werk zu sehen und so seine Geschichte weiterzuführen.

Diagonale


Diagonale

Preise. Veronika Franz und Severin Fiala haben mit „Ich seh Ich seh“ den Großen Diagonale-Preis in der Sparte Spielfilm gewonnen. Der ebenfalls mit 21.000 Euro dotierte Große Dokumentarfilm-Preis ging an Nikolaus Geyrhalter für „Über die Jahre“, mit den Schauspielpreisen wurden Ulrike Beimpold („Superwelt“) und Murathan Muslu („Risse im Beton“) ausgezeichnet.

Barbara Pichler leitete heuer die Diagonale zum letzten Mal, Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber übernehmen die Intendanz.


[KOCZX]