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Biobauern: "Dann herrscht in den Dörfern Krieg"

Biogurke
Biogurke(c) Michaela Bruckberger
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Die EU will strengere Regeln für Biolandwirte einführen und versetzt die Branche damit in Aufruhr. Manche Vorgaben seien zu bürokratisch, andere schlichtweg nicht zu erfüllen, mahnen Kritiker.

Österreichs Biobauern sind in Alarmzustand. Der Grund: Die EU-Kommission plant, die erst acht Jahre alte Bioverordnung komplett neu zu schreiben. Seit 2007 hat sich der Absatz von Bioprodukten in der EU vervierfacht. Das hat auch so manche Betrüger angelockt, also sollen strengere Regelungen her, was in der EU als „bio“ verkauft werden darf und was nicht.

Der vorliegende Entwurf drohe jedoch das Wachstum der Branche im Keim zu ersticken, warnen Kritiker. So ist etwa geplant, dass Biolebensmittel künftig mit Babynahrung gleichgestellt werden sollen. Rückstände von Pestiziden wären in Bioprodukten dann komplett verboten. „Wenn das kommt, herrscht in den Dörfern Krieg“, sagt Rudi Vierbauch, Obmann der Branchenvertretung Bio Austria zur „Presse am Sonntag“. Ein Biolandwirt hätte gar keine Chance, gewisse Rückstände zu verhindern, wenn er Feld an Feld mit konventionellen Bauern arbeitete, die großzügig Kunstdünger und Pestizide einsetzen. „Ich wäre für das verantwortlich, was meine Nachbarn machen.“

Auch mit welcher Methode die EU diese Rückstände letztlich messen will, verschweigt der Entwurf noch völlig. Die Richtlinie sei „gut gemeint, aber in der Umsetzung zu bürokratisch und entwicklungsfeindlich“, sagt Vierbauch. Einige Betriebe würden aufgeben, etlichen mehr würde der Sprung zum Biobauern vermiest. So müssten etwa Bauern, die den Umstieg von konventioneller Landwirtschaft auf Biolandwirtschaft planen, künftig etwa von einem Tag auf den anderen ihr komplettes Futter wegwerfen und reines Biofutter zukaufen, was entsprechend teuer würde. „Es ist ein Kampf der Fundis gegen die Pragmatiker“, beschreibt ein heimischer Biolandwirt die Frontlinie. Österreich, wo ein Fünftel der Äcker biologisch bewirtschaftet wird, sei teilweise durchaus auf der pragmatischen Seite daheim.


Vertreibung der Biobauern. Verglichen mit dem Rest der EU ist Österreich das Bioland Nummer eins. Im EU-Schnitt wird nur auf drei bis fünf Prozent der Ackerfläche Biolandwirtschaft betrieben. Diese Stellung räumt dem Land auch gewisse Vorteile ein. So hat der neue EU-Landwirtschaftskommissar, Phil Hogan, Österreich gebeten, Vorschläge zur Überarbeitung des umstrittenen Entwurfs seines Vorgängers Dacian Cioloş aufzuzeigen. Andrä Rupprechter, Österreichs Landwirtschaftsminister, ließ sich nicht zweimal bitten. Der vorliegende Entwurf sei eine „Biovertreibungsverordnung“, wetterte er. Ihn stört vor allem, dass Brüssel künftig alles zentral entscheiden würde. Die Möglichkeit, weiter Grenzwerte und Vorschriften regional anzupassen, ginge verloren. Viele Bestimmungen sollen zudem erst nach dem Inkrafttreten der Verordnung von der Kommission beschlossen werden. Die „Katze im Sack“ wolle man in keinem Fall kaufen.


Biofälscherring. Dass die bestehende Bioverordnung weiterentwickelt werden müsse, steht auch in der Branche außer Frage. Die Kontrolle ist in vielen Ländern noch zu lasch und muss vereinheitlicht werden. Im Vorjahr flog in Italien ein Fälscherring auf, der gentechnisch verändertes Getreide aus Osteuropa und Indien in der EU unter dem Biosiegel verkaufte. Deswegen alle alten Regeln über Bord zu werfen, sei jedoch überzogen, so die Haltung Österreichs. Die EU sei besser beraten, von vorn zu beginnen, als diesen „Pfusch zu reparieren“, so Rupprechter. Die Chancen, damit durchzukommen, stehen gut. Sollten sich die Agrarminister bis Mitte des Jahres nicht einigen, wird der Entwurf eingestampft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2015)